Geschlechtergleichheit

Wie eine männliche Welt gerechter für Frauen werden muss

Frauen werden auch dort diskriminiert, wo manes nicht unbedingt erwartet. © Pexels
Frauen werden auch dort diskriminiert, wo manes nicht unbedingt erwartet. © Pexels

Der typische Crashtest Dummy ist 1,77 Meter groß, 78 Kilogramm schwer und hat die Wirbelsäulenstruktur und die Muskelverteilung eines Mannes. Schutzvorrichtungen in Autos sind darauf ausgerichtet, diesen Dummy im Falle eines Unfalls so gut wie möglich zu schützen. Wer kleiner ist, oder die Gewichtsverteilung etwa durch Brüste anders ist, kommt, wenn überhaupt, höchstens auf den Beifahrersitz.

Das Ergebnis: Frauen haben um ein 47 Prozent höheres Risiko, bei einem Unfall verletzt zu werden als Männer, wie eine Untersuchung im „American Journal of Public Health“ aus dem Jahr 2011 zeigt und eine Studie aus dem Jahr 2019 bestätigt. Volvo startete daraufhin sogar eine eigene Initiative für die Sicherheit ihrer Autos. Durch Modifikationen im Autodesign sollen so Männer, Frauen, Schwangere und Kinder gleichermaßen geschützt werden.

Aber es könnte auch noch andere Auslöser für die unterschiedlichen Verletzungsgrade geben. So kam eine Studie aus dem Jahr 2021 aus der Zeitschrift Traffic Injury Prevention zu dem Beschluss, dass die Unterschiede der Verletzungen zwischen Männern und Frauen großteils nicht auf physiologische Merkmale zurückzuführen seien. Da Männer meist größere und auch neuere Autos fahren, die auch sicherheitstechnisch besser ausgestattet sind, reduziert sich dementsprechend auch die Gefahr, schwer verletzt zu werden. Unterschiede zeigten sich allerdings eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit für mittelschwere Verletzungen der Extremitäten. Die Gründe dafür können laut Studie jedoch nicht klar festgemacht werden.

Geschlechterdiskriminierung ist dennoch lebensgefährlich

Doch Unterschiede gibt es nicht nur bei den Sicherheitsfaktoren beim Autofahren. So gibt es einige Situationen, die zeigen, dass die Welt am männlichen Geschlecht ausgerichtet ist. Die britische Autorin Caroline Criado Perez sammelte in ihrem Buch „Gender Data Gap“, auf Deutsch „Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ zahlreiche Beispiele, in denen Frauen gegenüber Männern benachteiligt werden. Das ist für Frauen in den meisten Fällen unangenehm, in einigen Fällen sogar tödlich.

Frauentag: Wie diese Frauen die nachhaltige Bewegung anführen

In der Medikamentenforschung etwa waren männliche Probanden jahrelang der Standard, erst seit den 90er-Jahren müssen Medikamente auch an Frauen getestet werden. Das Europäische Parlament beschloss erst Anfang 2017 einen Antrag zur „Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in den Bereichen psychische Gesundheit und klinische Forschung„. Es gibt jedoch auch gute Nachrichten. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller zeigte 2020, dass der Frauenanteil bei medizinischen Studien in den letzten Jahren gestiegen ist. Er beziffert den Anteil von Probandinnen in frühen klinischen Studien auf 10 bis 40 Prozent, in Phase II und III auf 30 bis 80 Prozent. In Studien zu Herz-Kreislauf-Medikamenten machen Frauen etwa ein Drittel der Teilnehmenden aus. Es gibt also noch deutlich Raum für Verbesserungen.

Sexistische Daten führen zu sexistischen Software

Wie stark das klassische Bild der Frau in der Gesellschaft verankert ist, zeigt sich besonders dort, wo eigentlich gar keine Verzerrung vorherrschen dürfte: bei Computeralgorithmen. Vincente Ordonez, Informatik-Professor an der Universität von Virginia, erkannte 2020, dass Bilderkennungsprogramme Personen hinter einem Herd oder in einer Küche öfter als Frauen identifizierten, auch wenn es sich dabei um einen Mann handelte. Die Mehrzahl der Bilder, mit denen die Programme trainiert wurden, zeigten nämlich Frauen hinter dem Herd – oder beim Shopping – oder beim Wäschewaschen. Männer wurden hingegen eher mit Sport und Waffen in Verbindung gebracht. Bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz sind solche Verzerrungen nicht gerade erwünscht, weil sie durch den Algorithmus sogar noch verstärkt werden. Eine entsprechende Auswahl eines ausgewogenen Datensatzes helfen dabei, solche Verzerrungen zu vermeiden.

2019 gab es dazu auch einen Skandal rund um Apples Spachassistentin Siri. Wie der Guardian 2019 herausfand, wurde Siri darauf gedrillt, Antworten zu Feminismus und Undgleichheit möglichst zu vermeiden. Gefragt nach der Meinung zu Feminismus oder Geschlechtergleichheit antwortete Siri nur mit „I just don’t get this whole gender thing“ oder „My name is Siri, and I was designed by Apple in California. That’s all I’m prepared to say.“

Pandemie wirft Gleichstellung der Frauen am Arbeitsplatz um Jahre zurück

Bauen für Männer und für Frauen

Dass die Welt regelrecht für Männer gebaut wurde, sagt auch Stadtplanerin Mary Dellenbaugh-Losse. Das fängt bereits auf dem Weg zur Arbeit an: Während Männer eher mit dem Auto unterwegs seien, gingen Frauen – oft mit Kinderwagen oder Kindern – häufiger zu Fuß oder nutzen öffentliche Verkehrsmittel, so Dellenbaugh-Losse. Der Weg durch den schlecht beleuchteten Park ist für Frauen deutlich unangenehmer als für Männer. Im Büro angekommen, müssen sich Frauen erstmal aufwärmen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 präferieren Frauen Temperaturen um die 25 Grad – drei Grad wärmer als ihre männlichen Kollegen, für die die Büros meist ausgerichtet sind.

Das Thermostat-Problem ließe sich durch einen Kompromiss sicher einfach lösen und auch bei der Stadtplanung werden Fortschritte gemacht. So lobte das europäische Förderprogramm für eine integrierte und nachhaltige Stadtentwicklung URBACT 2019 etwa die Anstrengung der Wiener Stadtverwaltung, die Stadt für beide Geschlechter ansprechend zu gestalten. So wurden etwa Parks neu designt und besser ausgeleuchtet, um die Sicherheit zu erhöhen. Gehsteige wurden für Kinderwägen verbreitert und neue, direkte Verbindungen zu Schulen oder Kindergärten angelegt. Bereits einfache, kostengünstige Änderungen können so das Leben von Frauen in Städten massiv verbessern.

Schlechtere Bezahlung als Dauerproblem

Und dann ist da noch das große Thema der finanziellen Gerechtigkeit. 46 Tage arbeiten Frauen in Österreich statistische betrachtet umsonst. Der Gender Pay Gap, also die Einkommensdifferenz in Österreich zwischen Mann und Frau, liegt im Moment im Durchschnitt bei 12,7 Prozent. (Tech & Nature hat berichtet). Neben Lohntransparenz seien auch politische Aktionen nötig, Firmen zu mehr Geschlechtergleichheit anzuspornen. Eine faire Aufteilung der Kinderbetreuung und finanzielle Anreize für Männer, in Karenz zu gehen, würden ebenfalls zu mehr Gleichheit beitragen. Anfangen muss die Gleichberechtigung allerdings bereits beim Einstellungsverfahren. Wie Forschende des Wissenschaftszentrums Berlin 2017 zeigten, wurden Lebensläufe von Frauen im Schnitt um eine ganze Schulnote schlechter bewertet, als die von Männern – und das, obwohl es sich um dieselben Lebensläufe handelte.

Equal Pay Day: Gehaltsunterschiede sinken immer noch zu langsam

Was Frauen weniger verdienen, müssen sie in Form einer „Pink Tax“ mehr ausgeben. Laut Verbraucherzentrale Hamburg lagen 2019 die Preise für Rasierprodukte für Frauen etwa 38 Prozent höher als für ähnliche Rasierer für Männer. Dabei handelte es sich meist um die gleichen oder sehr ähnliche Produkte, die nur anders vermarktet werden. Auch bei Dienstleistungen müssen Frauen ein „Gender Pricing“ draufzahlen. In Österreich kostet eine Blusenreinigung laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) von 2019 in Wien sogar das Doppelte, als es bei einem Männerhemd der Fall ist. Um diese „Pink Tax“ abzuschaffen, brauche es eine Bewusstseinsbildung bei Konsument:innen und Druck auf Politik und Wirtschaft.

Insgesamt lässt sich sagen, der Weg zur Gleichstellung der Geschlechter ist steinig und mühsam. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden jedoch bereits ansehnliche Fortschritte gemacht, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Wichtig ist allerdings, weiter zu informieren und Druck auf Entscheidungsträger:innen auszuüben.

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