Vom Bitcoin-Mining zum KI-Rechenzentrum: Lohnt sich der große Pivot?
Bitcoin steckt im Bärenmarkt – doch die Aktien vieler Bitcoin-Miner eilen von Hoch zu Hoch. Der Grund: Die Unternehmen vermieten ihre Strom- und Rechenzentrumskapazitäten zunehmend an die KI-Industrie. Milliarden-Deals mit Microsoft, AWS, Anthropic und CoreWeave haben den Sektor neu bewertet. Aber rechnet sich der Umbau für die Unternehmen tatsächlich? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Antwort ist deutlich differenzierter, als die Kursrallye vermuten lässt.
Warum die Miner überhaupt umsteigen
Die Ökonomie des Bitcoin-Minings ist derzeit für viele Betreiber kaputt. Laut dem Q1-2026-Report des Analysehauses CoinShares kostete die Produktion eines Bitcoin börsennotierte Miner im vierten Quartal 2025 durchschnittlich rund 80.000 US-Dollar. Pro geschürftem Coin verloren die Unternehmen laut einer CoinDesk-Schätzung vom März rechnerisch rund 19.000 Dollar – damals notierte Bitcoin noch zwischen 68.000 und 70.000 Dollar. Inzwischen ist der Kurs auf rund 64.000 Dollar gefallen, die Lücke zwischen Produktionskosten und Marktpreis ist also noch größer geworden. Der Hashprice, also der Erlös pro Einheit Rechenleistung, fiel laut CoinShares von 36 bis 38 Dollar pro Petahash und Tag im vierten Quartal 2025 auf rund 29 Dollar im ersten Quartal 2026 – ein Fünfjahrestief. Damit arbeiten nach Schätzung der Analysten 15 bis 20 Prozent der weltweiten Mining-Flotte mit Verlust: Jede Maschine, die ineffizienter ist als ein Antminer S19 XP und mehr als 6 US-Cent pro Kilowattstunde für Strom zahlt, ist bei diesen Preisen unprofitabel. CoinShares erwartet daher eine weitere Kapitulation von Betreibern, sollte sich der Bitcoin-Preis nicht deutlich erholen.
Dazu kommen strukturelle Probleme: Das Halving vom April 2024 hat die Block-Belohnung auf 3,125 BTC halbiert, die nächste Halbierung folgt 2028. Und die Transaktionsgebühren, einst rund sieben Prozent der Miner-Einnahmen, sind auf etwa ein Prozent geschrumpft – auch weil institutionelle Produkte wie ETFs große Mengen Bitcoin langfristig „einsperren“ und die On-Chain-Aktivität sinkt.
Gleichzeitig explodiert auf der anderen Seite die Nachfrage nach genau dem, was Miner im Überfluss haben: Strom. Hyperscaler wie Microsoft, Google und Amazon suchen händeringend Rechenzentrumskapazität für KI-Workloads. Der Engpass ist dabei nicht die Hardware, sondern der Netzanschluss: In wichtigen US-Märkten dauert es teils über vier Jahre, bis neue Großverbraucher ans Stromnetz angeschlossen werden. Miner haben dieses Problem längst gelöst – sie sitzen auf gesicherten Stromkapazitäten, Grundstücken und Kühlinfrastruktur. Branchenschätzungen zufolge können sie KI-taugliche Anlagen bis zu 75 Prozent schneller in Betrieb nehmen als Neubauten. Bernstein-Analysten nennen die Miner deshalb inzwischen die „Power Landlords“ der KI-Ära.
Die Dimension: 135 Milliarden Dollar in zwei Jahren
Wie groß die Verschiebung ist, zeigt eine aktuelle Bernstein-Analyse: In den vergangenen zwei Jahren haben Bitcoin-Miner in 19 Deals rund 7 Gigawatt Stromkapazität an Hyperscaler, spezialisierte KI-Clouds („Neoclouds“) und Chiphersteller vergeben – Gesamtwert: über 135 Milliarden Dollar. Und das ist erst der Anfang: Die kontrahierten 7 Gigawatt entsprechen weniger als einem Viertel der geplanten Power-Pipeline des Sektors von rund 30 Gigawatt.
Zu den prominentesten Deals zählen:
TeraWulf unterzeichnete Anfang Juli einen 20-Jahres-Mietvertrag mit dem KI-Unternehmen Anthropic für seinen Campus in Hawesville, Kentucky – rund 401 Megawatt Kapazität, erwartete Vertragserlöse von etwa 19 Milliarden Dollar. Das ist mehr, als das gesamte Unternehmen derzeit an der Börse wert ist (rund 12 Milliarden Dollar). IREN sicherte sich einen Fünfjahresvertrag mit Microsoft über 9,7 Milliarden Dollar, Hut 8 einen 15-Jahres-Lease über 9,8 Milliarden Dollar für ein 352-Megawatt-Areal in Texas, Cipher einen 15-Jahres-Vertrag mit AWS im Volumen von 5,5 Milliarden Dollar. Core Scientific, der Pionier des Modells, hat mit dem KI-Cloud-Anbieter CoreWeave Verträge über mehr als 10 Milliarden Dollar laufen. Zuletzt meldete auch CleanSpark seinen ersten KI-Colocation-Deal: ein 20-Jahres-Lease über 6,6 Milliarden Dollar in Georgia.
Die Börse honoriert das: Bitcoin hat seit Jahresbeginn rund ein Viertel an Wert verloren – von etwa 87.500 Dollar Anfang Januar auf zuletzt rund 64.000 Dollar. Ein Korb von Mining-Aktien legte dagegen laut 10X Research bis Anfang Juni um mehr als 50 Prozent zu, TeraWulf sogar über 70 Prozent – und das zu einem Zeitpunkt, als Bitcoins Jahresminus erst bei 17 Prozent lag. CoinShares erwartet, dass gelistete Miner mit KI-Verträgen bis Jahresende bis zu 70 Prozent ihrer Umsätze aus dem KI-Geschäft ziehen könnten, gegenüber rund 30 Prozent zu Jahresbeginn. Bei TeraWulf hat das HPC-Leasing die Mining-Erlöse im ersten Quartal 2026 bereits überholt. Wie stark der Markt die KI-Story prämiert, zeigt eine weitere CoinShares-Zahl: Miner mit gesicherten HPC-Verträgen werden mit dem 12,3-Fachen ihrer erwarteten Umsätze der nächsten zwölf Monate bewertet, reine Bitcoin-Miner nur mit dem 5,9-Fachen – die Börse zahlt also mehr als das Doppelte für die KI-Exposure.
Lohnt es sich? Die ernüchternde Rendite-Rechnung
Hinter den Schlagzeilen-Milliarden steckt allerdings eine deutlich nüchternere Realität – das zeigt die frische Bernstein-Analyse vom 15. Juli. Die Analysten haben die Renditen der Deals durchgerechnet und kommen zu einem klaren Befund: Der spektakulärste Fall ist nicht die Regel.
Core Scientific erzielt mit seinem CoreWeave-Deal einen fünfjährigen durchschnittlichen Return on Assets von 75 Prozent. Der Grund liegt aber in einer außergewöhnlichen Finanzierungsstruktur: Der Mieter CoreWeave finanziert 750 der 855 Millionen Dollar Investitionskosten selbst über Umsatz-Vorauszahlungen – Core Scientific muss nur 105 Millionen aus der eigenen Bilanz beisteuern und zahlt so effektiv nur 1,5 Millionen Dollar pro IT-Megawatt. Solche Konstruktionen, schreiben die Analysten, seien begrenzt verfügbar und spiegelten nicht die Ökonomie des Sektors wider.
Die realistische Basislinie sieht anders aus: TeraWulf kommt auf einen stabilisierten Return on Assets von 5 Prozent, Cipher und CleanSpark auf jeweils 4 Prozent. Der Grund: Wer selbst baut, zahlt zwischen 8 und 11 Millionen Dollar pro IT-Megawatt – KI-Infrastruktur ist um ein Vielfaches teurer als Bitcoin-Mining-Infrastruktur, die laut CoinShares bei 700.000 bis einer Million Dollar pro Megawatt liegt. Die ungehebelten internen Renditen der Colocation-Deals liegen laut Bernstein bei 8 bis 13 Prozent, bei Finanzierungskosten von 6 bis 7 Prozent. Das ist ein solides, aber kein spektakuläres Geschäft – eher Immobilienwirtschaft als Krypto-Goldrausch.
Dafür ist es planbar: Statt volatiler Block-Belohnungen gibt es langlaufende, dollar-denominierte Verträge mit bonitätsstarken Mietern, teils über 15 oder 20 Jahre. Bei sogenannten Triple-Net-Verträgen trägt der Mieter zusätzlich Stromkosten, Steuern und Betriebsausgaben – Cipher erreicht damit in seinem AWS-Deal eine EBITDA-Marge von 94 Prozent. Genau diese Berechenbarkeit ist es, die die Börse aktuell höher bewertet als jede Hashrate.
Der Preis des Umbaus: Schulden und verkaufte Bitcoin
Der Pivot ist allerdings extrem kapitalintensiv – und wird auf zwei Wegen finanziert, die beide Risiken bergen.
Erstens über Schulden: IREN trägt inzwischen 3,7 Milliarden Dollar an Wandelanleihen, TeraWulf 5,7 Milliarden Dollar Gesamtverschuldung und plant für den Anthropic-Campus weitere rund 3,5 Milliarden Dollar Fremdkapital, arrangiert von Morgan Stanley. Bei Cipher explodierte der Quartals-Zinsaufwand nach einer Anleihe-Emission von 3,2 auf 33,4 Millionen Dollar. Das Analysehaus VanEck beziffert die kurzfristige Finanzierungslücke des Sektors für den KI-Umbau auf rund 50 Milliarden Dollar.
Zweitens über den Verkauf der eigenen Bitcoin-Bestände: Allein im ersten Quartal 2026 verkauften börsennotierte Miner mehr als 32.000 BTC aus ihren Treasuries – mehr als in allen Quartalen des Jahres 2025 zusammen. Core Scientific kündigte an, im Wesentlichen alle verbliebenen Bestände zu liquidieren, Bitdeer reduzierte sein Treasury im Februar auf null. Selbst Marathon (MARA), mit 53.822 BTC der größte börsennotierte Halter, gab seine strikte „HODL“-Strategie auf: Im März erlaubte das Unternehmen per 10-K-Filing Verkäufe aus dem gesamten Bestand, auch weil der Beleihungsgrad seines 350-Millionen-Dollar-Bitcoin-Kredits durch den Kursverfall auf rund 87 Prozent geklettert war.
Das hat Nebenwirkungen für Bitcoin selbst: Die Hashrate verzeichnete den ersten Rückgang in einem ersten Quartal seit sechs Jahren, der Anteil nordamerikanischer Mining-Pools an den Bitcoin-Blöcken fiel 2025 von 40 auf 35 Prozent. Mitte Juni brach die Mining-Difficulty um 10 Prozent ein – bereits der zweite Rückgang dieser Größenordnung 2026, ein Zeichen dafür, dass unprofitable Betreiber ihre Maschinen tatsächlich abschalten. JPMorgan weist unter Berufung auf die CoinShares-Daten darauf hin, dass Bitcoin 2026 bereits fünf Monate in Folge unter den geschätzten Produktionskosten von rund 78.000 Dollar notiert. Eine unmittelbare Sicherheitsbedrohung für das Netzwerk ist das nicht – aber ein struktureller Wandel, denn einmal für KI umgebaute Standorte kehren auch im nächsten Bullenmarkt kaum zum Mining zurück.
Kritiker sehen zudem Governance-Probleme: Ein Report der Beratungsfirma Blocksbridge dokumentierte Anfang Juli umfangreiche Aktienverkäufe von Führungskräften und Board-Mitgliedern mehrerer Mining-Unternehmen nach der Kursrallye. Bei IREN sorgte die Zuteilung von über 18 Millionen Gratisaktien an die beiden Co-CEOs für Kritik an der Verwässerung der Altaktionäre.
Nicht alle machen mit: Das Gegenmodell Cango
Interessant ist, dass nicht jeder Miner dem Herdentrieb folgt. Das an der NYSE gelistete Unternehmen Cango – ursprünglich ein chinesischer Autofinanzierer, seit Ende 2024 Bitcoin-Miner – verzichtet bewusst auf das KI-Training-Geschäft mit Hyperscalern. Kommunikationschefin Juliet Ye begründet das damit, dass dieser Sektor bereits von den Tech-Giganten besetzt sei; ihre Devise lautet: „What not to do is as important as what to do.“
Stattdessen setzt Cango mit seiner im April gestarteten Tochter EcoHash auf verteilte KI-Inferenz – also das Ausführen fertiger KI-Modelle statt deren Training. Die Logik: Cangos über 30 Standorte weltweit sind mit 10 bis 50 Megawatt zu klein für Hyperscaler, die 100-Megawatt-Campusse suchen, aber gut geeignet für latenzarme, kundennahe Inferenz. Dazu kommt eine bemerkenswerte Marktzahl: Über 70 Prozent der Stromkapazität im Mining-Sektor liegt bei kleinen, unabhängigen Betreibern – nur 30 Prozent bei den börsennotierten Konzernen. Cango will diese kleinen Standorte als Partner andocken und liefert Technologie, Kunden und Finanzierung. Erste Abnehmer sind GPU-Marktplätze wie Runpod und Vast.ai sowie KI-Startups, für die Hyperscaler-Konditionen zu teuer sind.
Der Umbau war auch hier teuer: Cango verkaufte 6.451 Bitcoin für rund 442 Millionen Dollar und drückte die langfristigen Schulden binnen eines Quartals um 94,5 Prozent auf 30,6 Millionen Dollar – behielt danach aber nur 7,2 Millionen Dollar Cash. Das Mining läuft als Cash-Maschine weiter: 31,7 Exahash brachten im ersten Quartal 98,4 Millionen Dollar Umsatz.
Fazit: Ein Rettungsanker mit Fragezeichen
Lohnt sich der Pivot also? Die ehrliche Antwort: Er ist für viele Miner weniger eine Wachstumsstory als eine Überlebensstrategie – und ob er sich rechnet, hängt stark von der Ausgangslage ab.
Für Unternehmen mit großen, netzangeschlossenen Standorten und kapitalstarken Mietern, die einen Teil der Baukosten übernehmen, ist das Geschäft attraktiv: planbare, langlaufende Erlöse, die im aktuellen Bitcoin-Bärenmarkt jede Mining-Marge schlagen. Für die breite Masse gilt aber die nüchterne Bernstein-Rechnung: einstellige Kapitalrenditen, milliardenschwere Vorabinvestitionen, eine sektorweite Finanzierungslücke von rund 50 Milliarden Dollar – und das alles bei GPU-Hardware, die technologisch schnell veraltet, und Klumpenrisiken durch einzelne Großmieter.
Die Kursrallye der Mining-Aktien preist derzeit vor allem die Erwartung ein, dass die kontrahierten Milliarden auch tatsächlich zu gebauten, vermieteten und profitablen Rechenzentren werden. Genau das ist die offene Frage der zweiten Jahreshälfte 2026: Der Markt hat die Miner bereits als KI-Infrastruktur-Unternehmen neu bewertet – beweisen müssen sie es erst noch. Sollte sich der Bitcoin-Preis Richtung 100.000 Dollar erholen, könnte sich mancher Umbau im Rückblick sogar als schlecht getimt erweisen. Bleibt er im Keller, war der Pivot für viele die einzige Option.

