Gastbeitrag

Europas übersehene KI-Gewinner – wo Anleger über Nvidia hinausblicken sollten

Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon © Eurizon
Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon © Eurizon

Kommentar von Francesco Sedati, Head of Equities bei Eurizon

Europäische Aktien haben in den letzten Monaten deutlich zugelegt. Die Berichtssaison für das erste Quartal verlief sowohl in den USA als auch in Europa sehr stark und bestätigte damit die wirtschaftliche Erholung. Gleichzeitig kam es zu einer gewissen Umschichtung von Mitteln weg von den USA, da Europa von anderen Entwicklungen und Sektoren geprägt ist als der US-Markt, somit aber eine Möglichkeit bietet, das Portfolio abseits des Technologiesektors zu diversifizieren.

Im historischen Vergleich ist Europa allerdings relativ gesehen immer noch sehr günstig gegenüber den USA. Die Differenz hat sich angesichts des außergewöhnlich starken Gewinnwachstums in den USA zwar geringfügig verringert, doch beträgt der Unterschied zwischen den beiden Regionen immer noch mehr als das 6-Fache des Kurs-Gewinn-Verhältnisses – ein Rekordabstand im historischen Vergleich.

Eine gute Gewinnentwicklung weisen die Sektoren Industrie, Halbleiter und Versorger auf, die durch einen starken Investitionszyklus mit hoher Planbarkeit gestützt wird. Auch Banken befinden sich angesichts der Aussicht auf höhere oder stabile Zinsen weiterhin in einer guten Position.

Europäische Halbleiterhersteller sind die Hauptnutznießer der KI, ebenso wie Industrieunternehmen, die an den Investitionen in Rechenzentren beteiligt sind, sowie Versorgungsunternehmen, die zur Stromversorgung der Rechenzentren beitragen. Neben Halbleitern sind Unternehmen aus dem Bereich Elektrotechnik – ein Segment von Industrieunternehmen, das sich auf die Elektrifizierung und Stromumwandlung in Rechenzentren sowie auf die Kühlung konzentriert – besonders gut positioniert. Energieversorger, wie beispielsweise öffentliche Stromversorger, werden vom Bauboom rund um Rechenzentren profitieren.

Speicher-Unternehmen zum Teil überbewertet

Die Sektoren Software und Unternehmensdienstleistungen könnten weiterhin zu kämpfen haben, da KI für Umbrüche und neue Herausforderungen sorgt. Künstliche Intelligenz stellt viele etablierte Geschäftsmodelle auf die Probe, was zu erheblichen Verschiebungen in der Marktentwicklung geführt hat. Der Sektor Software, einst ein Liebling des Marktes, hat deutlich an Wert verloren, ebenso wie viele Dienstleistungsunternehmen. Daher ist das wichtigste Qualitätsmerkmal einer Aktie ihre Fähigkeit, eine Wettbewerbsposition zu verteidigen – insbesondere angesichts möglicher Disruptionsgefahren durch KI.

Einige Segmente in der Lieferkette von Rechenzentren sind eindeutig überbewertet, wie beispielsweise Speicher und Teile des Energiemanagements, auch wenn ein Höchststand möglicherweise noch in weiter Ferne liegt. Hier könnte der Marktoptimismus die Fundamentaldaten überholt haben. Es ist unwahrscheinlich, dass das Preisniveau gehalten werden kann, sobald neue Kapazitäten in Betrieb genommen werden.

Die am stärksten unterbewerteten Titel könnten unter den Unternehmen zu finden sein, die als KI-Verlierer wahrgenommen werden, wie beispielsweise Softwareunternehmen, da die Risiken durch den KI-Wandel möglicherweise stark übertrieben wurden.

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