DeepSeek: Chinas KI-Star strebt an die Börse, Bewertung geht Richtung 75 Milliarden Dollar
Nur wenige Wochen nach seiner ersten externen Finanzierungsrunde legt DeepSeek nach: Das KI-Unternehmen aus Hangzhou hat mit den Vorbereitungen für einen Börsengang begonnen und könnte die Unterlagen noch heuer einreichen – das Listing an einer Festlandbörse würde dann 2027 erfolgen, berichtet Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen. Demnach führt das Startup bereits Gespräche mit Wirtschaftsprüfern und Banken. Die Finanzberichte, die für den IPO-Antrag nötig sind, sollen bis Ende Dezember fertiggestellt werden. Laut The Information ist eine Notierung in Shanghai im Gespräch.
Parallel dazu laufen Gespräche über frisches Kapital – und hier gehen die Berichte auseinander. The Information berichtet, dass DeepSeek dank starken Umsatzwachstums eine zweite Finanzierungsrunde über 50 Milliarden Yuan (rund 7,4 Mrd. Dollar) anpeilt, was das Unternehmen mit etwa 74 Milliarden Dollar bewerten würde. Bloomberg spricht dagegen von mindestens 10 Milliarden Yuan (ca. 1,5 Mrd. Dollar) bei einer Pre-Money-Bewertung von mindestens 480 Milliarden Yuan (rund 71 Mrd. Dollar) – wobei die finale Summe je nach Investoreninteresse deutlich höher ausfallen könnte. In beiden Szenarien wäre es ein kräftiger Bewertungssprung: Erst Ende Mai hatte DeepSeek seine allererste externe Runde abgeschlossen und dabei 7 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 52 Milliarden Dollar eingesammelt, wie die Financial Times berichtet.
Zhipu AI und MiniMax bereits notiert
Getrieben wird der hohe Kapitalbedarf vom Infrastruktur-Ausbau: Die schnelle Abfolge der Runden hängt laut FT mit dem erwarteten Kapitalbedarf für eigene Rechenzentren und zusätzliche KI-Chips zusammen – vor allem die Entwicklung von KI-Agenten treibt den Bedarf an Rechenleistung deutlich nach oben. Im Juni schrieb DeepSeek Stellen für ein eigenes Rechenzentrums-Team aus und will einen Campus im Gigawatt-Maßstab errichten; laut Reuters arbeitet das Unternehmen zudem seit rund einem Jahr an eigenen KI-Chips. Wirtschaftlich scheint das Geschäft anzuziehen: Der annualisierte Umsatz nähert sich laut The Information der Marke von 500 Millionen Dollar.
Es wäre nicht das erste chinesische KI-Unternehmen an der Börse. Zhipu AI mit den GLM-Modellen ist seit Anfang des Jahres bereits an der Hongkonger Börse notiert und kommt dort aktuell auf eine Bewertung von satten 93 Milliarden Dollar. MiniMax, ebenfalls börsennotiert, kommt auf etwa 10 Milliarden Dollar.
Der chinesische Staat sitzt bereits mit am Tisch
Bemerkenswert ist die Zusammensetzung der bisherigen Investoren. An der 7-Milliarden-Dollar-Runde beteiligten sich neben Tencent auch der Batteriehersteller CATL, JD.com, NetEase, IDG Capital – und der National Artificial Intelligence Industry Investment Fund, Pekings staatlicher KI-Investmentfonds. Dieser Fonds ist eines jener staatlich gestützten Vehikel, mit denen die chinesische Regierung KI als nationale strategische Priorität vorantreibt. Die Zusammensetzung der Geldgeber wirft damit die Frage auf, wo DeepSeek auf dem Spektrum zwischen privatem Tech-Unternehmen und strategischem Staats-Asset steht – eine Frage, die ein Börsengang offenlegen würde. Gründer Liang Wenfeng selbst steckte rund 3 Milliarden Dollar eigenes Geld in die erste Runde; sein Vermögen wird mittlerweile auf etwa 36 Milliarden Dollar geschätzt.
Liang hat potenziellen Investoren signalisiert, dass DeepSeek weiterhin KI-Grundlagenforschung über kurzfristige Kommerzialisierung stellen und an Open-Source-Modellen festhalten will. Der Zeitpunkt der IPO-Pläne fügt sich in einen größeren Trend: Auch OpenAI und Anthropic sollen 2026 vertrauliche IPO-Unterlagen eingereicht haben, und SpaceX legte im Juni bereits ein Rekord-Listing hin.
DeepSeek stark bei Open Weights, klar hinter der US-Spitze
Wie stehen DeepSeeks Modelle aktuell im Vergleich da? Der unabhängige Benchmark-Dienst Artificial Analysis zeichnet ein zweigeteiltes Bild. Die Spitze des Intelligence Index (Stand 14. Juli) dominieren die proprietären US-Modelle: Claude Fable 5 von Anthropic führt mit 59,9 Punkten vor OpenAIs GPT-5.6 Sol (58,9) und Claude Opus 4.8 (55,7). DeepSeeks aktuelles Top-Modell V4 Pro (Reasoning, Max Effort) kommt auf 44 Punkte und rangiert damit deutlich hinter den US-Frontier-Modellen – im Gesamtranking auf Platz 15.
Auch innerhalb der Open-Weight-Konkurrenz ist DeepSeek nicht mehr unangefochten: Das chinesische GLM-5.2 von Z.AI liegt mit 51,1 Punkten mittlerweile vor allen DeepSeek-Modellen, MiniMax M3 rangiert mit 44,4 Punkten auf Augenhöhe mit V4 Pro. Vor einem Jahr waren DeepSeeks R1-Modelle noch die führenden Open-Weight-Reasoning-Modelle im Index. Bei agentischen Aufgaben behauptet sich DeepSeek allerdings: Auf dem Benchmark GDPval-AA, der reale Arbeitsaufgaben misst, führt V4 Pro die Open-Weight-Modelle mit 1554 Punkten an – vor Kimi K2.6, GLM-5.1 und MiniMax-M2.7.
Das stärkste Argument bleibt der Preis: Auf der Intelligence-vs-Kosten-Kurve sticht V4 Pro mit 0,02 Dollar pro Task hervor – führende proprietäre Modelle kosten das 20- bis 45-Fache; GPT-5.5 liegt bei 1,04 Dollar pro Task, Claude Fable 5 bei 2,75 Dollar. Eine Schwäche dokumentiert Artificial Analysis allerdings deutlich: V4 Pro und V4 Flash weisen eine sehr hohe Halluzinationsrate auf – wenn die Modelle eine Antwort nicht kennen, antworten sie fast immer trotzdem.

