Konzerne untersucht

Hohe Fleisch- und Milch-Emissionen machen Alternativen-Bedarf deutlich

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Dass die Fleisch- und Milchindustrie durch die Massentierhaltung zu den größten Treibern der Erderhitzung zählt, ist mittlerweile weitläufig bekannt. Große Mengen an Treibhausgasemissionen entstehen hier – vor allem durch die Viehzucht, aber auch die Produktion und den Transport von Vieh und Futtermitteln. In der EU war die Landwirtschaft im Jahr 2019 laut Angaben des Europäischen Parlaments für mehr als 10 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Dabei ist der Tierhaltungssektor laut EU-Kommission für einen Großteil der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Doch während die EU ihre Emissionen laut eigenen Angaben bis 2030 um mindestens 55 Prozent reduzieren will, stoßen die 35 größten Fleisch- und Milchkonzerne in Europa immer mehr Treibhausgase aus. Zu diesem Schluss kommt der Bericht „Emissions Impossible Europe“ des Instituts für Landwirtschafts- und Handelspolitik (IATP), der am Montag veröffentlicht wurde. So verursachen die Konzerne fast sieben Prozent der gesamten Emissionen der Europäischen Union, so der Bericht. Die Forschenden kritisieren die Konzerne, Emissionen nicht ambitioniert genug zu reduzieren und Greenwashing zu betreiben.

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Emissionen kommen an Ölkonzerne ran

Im Rahmen der Studie konzentriert sich das IATP speziell auf die 20 größten europäischen Fleisch- und Milchkonzerne. Aus Deutschland gehören dazu etwa Tönnies, Westfleisch, die DMK Deutsches Milchkontor GmbH oder die Müller Gruppe. Laut dem Bericht verursachten die 20 größten Konzerne in Europa im Jahr 2020 knapp 244 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – was mehr als einem Viertel der Treibhausgasemissionen entspricht, die Deutschland jährlich verursacht. Die Emissionen des Fleischproduzenten Tönnies seien von 2016 bis 2018 etwa um 30 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht. Bei Danone, dem französischen Milchkonzern, wuchsen die Emissionen von 2015 bis 2017 um 15 Prozent.

Die Gesamtemissionen dieser 20 Unternehmen stehen denen der Fossilindustrie dem Bericht zufolge in nichts nach: Sie entsprechen fast den gesamten Emissionen des Mineralölkonzerns Eni, zwei Dritteln der Emissionen der Konzerne Glencore und Total, mehr als der Hälfte der Emissionen von Chevron (55 Prozent), 42 Prozent der Emissionen von ExxonMobil, sowie 44 Prozent der Emissionen von Shell und BP und mehr als die Emissionen von RWE und ConocoPhillips.

Grund für die enorm hohen Emissionen ist laut den Studienautor:innen vor allem die weltweit steigenden Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten. So stiegen deren Exporte zwischen 2005 und 2018 teils deutlich an. Bei Milchprodukten stiegen die Exporte demnach um 45 Prozent, bei Schweinefleisch 58 Prozent und bei Geflügel ganze 93 Prozent.

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Kaum Ambitionen beim Klimaschutz

Nur wenige Unternehmen haben laut dem Bericht Pläne vorgelegt, was sie konkret für den Klimaschutz tun wollen. Lediglich vier der 20 Konzerne haben die Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Lieferkette im Blick, die anderen legen ihre Treibhausgasemissionen nicht offen, so der Bericht. Drei verpflichten sich dazu, Emissionen aus der Tierhaltung stärker zu reduzieren, darunter Nestlé, FrieslandCampina und ABP.

Die Krux ist jedoch: Laut Studie entstehen 90 Prozent der Emissionen in der Viehzucht – dazu, die Viehbestände zu reduzieren, erklärte sich jedoch keines der untersuchten Unternehmen bereit. Und selbst den Konzernen, die Klimaziele festgelegt haben, wirft das IATP Greenwashing vor. So beschränken sie die Emissionsreduzierung etwa auf pro Kilogramm Fleisch oder Liter Milch – durch das enorme Wachstum der Produktion werden diese Versprechungen jedoch zunichte gemacht.

Das IATP fordert die Politik im Bericht auf, Fleisch- und Milchkonzerne gesetzlich zu verpflichten, ihre absoluten Emissionen zu senken. Seit dem Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015 hätte es die europäischen Regierungen versäumt, die in der Branche anfallenden Emissionen systematisch zu erfassen und die Konzerne für diese zu belangen.

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Immer mehr Fleisch-Alternativen

Unternehmen auf der ganzen Welt bemühen sich derweil, Alternativen zum jetzigen Fleisch- und Milchkonsum zu schaffen. Sie argumentieren, dass die Erzeugung von Fleisch ohne Aufzucht und Schlachtung von Tieren besser für die Umwelt, den Tierschutz und möglicherweise auch für die Gesundheit ist. Momentan wird etwa weltweit fieberhaft an der Kommerzialisierung von synthetischem Fleisch gearbeitet. Im Bereich Laborfleisch, auch In-Vitro Fleisch genannt, machten Unternehmen in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte.

So hat das israelische Unternehmen MeaTech 3D kürzlich etwa mithilfe von 3D-Druck aus den echten Muskel- und Fettzellen einer Kuh das bisher größte im Labor gezüchtete Steak mit einem Gewicht von fast 110 Gramm hergestellt. Auch das israelische Unternehmen, Aleph Farms produziert Fleischalternativen aus tierischen Zellen. Und auch bei der Milchherstellung gibt es Fortschritte: Das Startup TurtleTee aus Singapur hat in diesem Jahr die weltweit erste vollwertige Milch aus dem Bioreaktor geschaffen, wir berichteten.

Neben Fleisch, das mithilfe von tierischen Zellen gezüchtet wird, setzen andere Unternehmen in der Fleischherstellung auf pflanzliche Zutaten. Anfang 2020 hatte das spanische Unternehmen Novameat ein Steak produziert, das auf Erbsen, Seetang und Roterübensaft basiert. Im vergangenen November stellte das isrealische Unternehmen Redefine Meat in London sein 3D-gedrucktes Steak auf Pflanzenbasis vor. Wenn sich die neuen Entwicklungen durchsetzen, könnten sie den hohen Emissionen in der Fleisch- und Milchindustrie künftig Einhalt bieten – bis dahin wird es aber noch einige Zeit dauern.

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