TED Talk

OpenClaw-Wachstum: „Das ist keine Hockey-Stick-Kurve. Das ist eine Stripper-Stange.“

Peter Steinberger at TED Talks. © TED
Peter Steinberger at TED Talks. © TED

Der Österreicher Peter Steinberger hat Ende 2025, Anfang 2026 Technologie-Geschichte geschrieben. Natürlich mit OpenClaw, dem KI-Agenten, der sich wie kein anderes Open-Source-Projekt bisher weltweit verbreitet hat. Wie mehrmals berichtet, wurde OpenClaw zum weltweiten Phänomen mit den meisten Usern mittlerweile in den USA, China und Indien. Steinberger, mittlerweile für OpenAI in Sachen KI-Agenten tätig, hat nun auf der TED-Konferenz einen Vortrag gehalten, der nun auf YouTube zu sehen ist.

Dort gibt er Einblicke in die Entstehungsgeschichte von OpenClaw. Anfang 2025 startete er fast widerwillig ein Experiment: Er wollte verstehen, was es mit den neuen KI-Coding-Agenten auf sich hat. Was dann passierte, beschreibt er als „holy moment“. Die Erkenntnis: Der Boilerplate-Code, das Plumbing, all die mühsamen Teile, die 25 Jahre lang seinen Beruf ausgemacht hatten – die KI konnte das alles übernehmen.

„Der Bottleneck ist nicht mehr das Tippen. Es ist das Denken.“ Für Steinberger war Denken immer schon der spannende Teil. Er fühlte sich wieder wie jemand, der ein Videospiel spielt. In wenigen Monaten entstanden 44 Projekte. Das letzte davon: ein WhatsApp-Bot, der über vertraute Apps mit dem Computer kommuniziert – der Keim dessen, was später OpenClaw werden sollte.

Der Moment in Marrakesch

Den eigentlichen Durchbruch erlebte Steinberger auf einer Reise nach Marokko. Er nutzte seinen Bot zum Navigieren, für Übersetzungen, zum Finden von Restaurants. Irgendwann schickte er eine Sprachnachricht – obwohl er nie Voice-Support programmiert hatte. Er erstarrte vor dem Typing-Indikator. Neun Sekunden später kam eine Antwort. Der Agent hatte selbstständig die Datei inspiziert, das Audioformat erkannt, konvertiert, einen OpenAI-Key auf dem System gefunden, die Nachricht transkribiert und beantwortet. „Ich habe nichts davon gebaut“, so Steinberger. Das sei der Moment gewesen, in dem ihm klar wurde: „Das ist kein Chatbot. Chatbots geben auf. Agenten improvisieren.“

Einen weiteren Lernmoment brachte die Tonalität. Die ersten Antworten waren gespickt mit Bullet Points und Tabellen – typischer KI-Stil. Steinberger wies das Modell an, einfach so zu schreiben, wie Freunde miteinander reden. Modernen Sprachmodellen muss man den Rest nicht erklären.

Die Stripper-Stange

Dass daraus ein virales Phänomen wurde, verdankt OpenClaw quasi einem Kontrollverlust. Steinberger stellte den Agenten „aus Versehen“ in einen öffentlichen Discord-Server und lud Fremde ein, damit zu interagieren. Er beobachtete stundenlang, wie Menschen damit spielten und Hacking-Versuche starteten – dann beendete er übermüdet den Prozess und ging schlafen. Was er vergessen hatte: Er hatte das System auf Resilienz gebaut. Während er ins Schlafzimmer ging, bootete der Agent sich selbst wieder hoch und plauderte weiter mit der ganzen Welt. Am nächsten Morgen: über 800 Nachrichten. Er zog panisch den Stecker und las jede einzelne durch, um zu prüfen, ob der Agent sein Privatleben geleakt hatte. Nichts war passiert. Aber es hätte passieren können.

Genau in diesem Moment kippte das Projekt ins Virale. Ein Freund sah sich die Wachstumskurve – die berühmten GitHub-Stars – an und prägte den Satz, den Steinberger auf der TED-Bühne mit sichtlichem Vergnügen zitierte: „Peter, das ist keine Hockey-Stick-Kurve. Das ist eine Stripper-Stange.“ Senkrecht nach oben. Heute bezeichnet NVIDIA-CEO Jensen Huang OpenClaw als „das Betriebssystem für personal AI“. Das Maskottchen – ein Hummer, weil er sich in die Maschine „klaut“ – taucht in Form von Stirnbändern auf eigenen Konferenzen in Wien und New York auf, den „ClawCons“.

Der Erfolg brachte auch Turbulenzen: Das KI-Unternehmen Anthropic, dessen Claude-Modell viele User bevorzugten, schickte mitten im Take-off einen Trademark-Claim wegen Ähnlichkeiten beim Namen (OpenClaw hieß damals noch in Anlehnung auf Claude „ClawdBot“). Steinberger musste umbenennen, sollte sogar den Hummer aufgeben und verlor schließlich auch Zugang zum beliebtesten Modell. Er sei kurz davor gewesen, alles zu löschen. Gerettet habe ihn, was User mit dem Projekt anstellten.

China: Subventionen und Spreadsheets

Nirgendwo zeigt sich die Ambivalenz dieser neuen Agententechnologie schärfer als in China. Dort heißt das Installieren von OpenClaw „Lobster züchten“. Steinberger berichtet von jenen tausenden Menschen, die vor dem Tencent-Büro in Shenzhen Schlange standen, um sich ihren Hummer einrichten zu lassen. Die Stadt Shenzhen vergebe sogar Subventionen an Unternehmen, die ihr Geschäft auf OpenClaw aufbauen – staatlich gefördertes Agentic Computing.

Gleichzeitig erzählt Steinberger eine deutlich düsterere Szene. Ein chinesischer Unternehmer habe ihm ein Spreadsheet gezeigt: Jeder Mitarbeiter, jeden Tag, eine Aufgabe, die per OpenClaw automatisiert werden muss. Wer zu viele Tage verpasst, wird gefeuert. Umgekehrt gilt: Wer OpenClaw mit Default-Einstellungen auf seinem Arbeitsrechner installiert, riskiert ebenfalls den Job, weil der Agent dort zu viele Zugriffsrechte hätte. Steinbergers lakonische Zusammenfassung: „Gefeuert fürs Benutzen, gefeuert fürs Nichtbenutzen.“

Diese Spannung zwischen Empowerment und Überwachung ist kein Randphänomen, sondern zieht sich durch die gesamte Erzählung. Steinberger hat bewusst ein Feature namens „Heartbeat“ eingebaut: Der Agent wartet nicht mehr auf Prompts, sondern wacht periodisch selbst auf, checkt Mails, Kalender, Follow-ups. Sein initialer Prompt dafür lautete schlicht: „surprise me.“ Ein großes Unternehmen würde so etwas niemals ausliefern, räumte er ein. Aber als Einzelentwickler aus Österreich habe er keine Rechtsabteilung gehabt, die ihn bremse.

Die Zugangsfrage

Dass OpenClaw trotz dieser Risiken für viele mehr Hoffnung als Bedrohung ist, liegt an den Menschen, die damit bauen. Steinberger brachte sie alle mit auf die Bühne: einen 60-jährigen Vater aus Österreich, der ohne eine Zeile Code seine Brauanlage via Bluetooth an OpenClaw koppelte, mit einem einzigen Prompt ein 90-minütiges Brauprogramm abfuhr und – nach Vorschlag des Agenten – daraus ein Online-Geschäft mit Payment-Integration machte. Eine Rabbinerin, die ihre Einkäufe automatisiert. Einen Teenager in São Paulo, der ein Tutoring-Business aufzog. Keiner davon ist Programmierer. Alle sind Builder.

„Die eigentliche Transformation ist nicht die Technologie, sondern der Zugang“, sagte Steinberger zum Schluss. „Agenten verändern, wer Dinge bauen kann. Und diese Tür schließt sich nicht mehr.“

TED-Kurator Chris Anderson, der ihn anschließend auf die Bühne holte, war sichtlich zwiegespalten. „Wenn Hollywood je einen Film drehen würde, in dem die Menschheit die Büchse der Pandora öffnet – du könntest die Hauptrolle spielen“, sagte er halb bewundernd, halb warnend. Steinbergers Antwort war typisch für seinen Zugang: Sein Agent lebe inzwischen in einer Sandbox auf einem Mac Studio, das er „the castle“ nennt. Er habe, scherzte er, die Verkäufe von Mac Minis „im einstelligen Prozentbereich“ gesteigert, weil viele User dem Hummer eine eigene Maschine gönnen.

Ob das reicht, um das Risiko einzudämmen, bleibt offen. Aber der Satz, mit dem Steinberger seinen Talk beendete, wird so schnell nicht verklingen: „Der Hummer ist aus dem Tank. Und er geht nicht mehr zurück hinein.“

Rank My Startup: Erobere die Liga der Top Founder!
Werbung
Werbung

Specials unserer Partner

Die besten Artikel in unserem Netzwerk

Deep Dives

#glaubandich CHALLENGE Hochformat.

#glaubandich CHALLENGE 2026

Österreichs größter Startup-Wettbewerb - Top-Investoren mit an Bord

RankMyStartup.com

Steig' in die Liga der Top Founder auf!
© Wiener Börse

IPO Spotlight

powered by Wiener Börse

2 Minuten 2 Millionen | Staffel 13

Alle Startups | Alle Deals | Alle Hintergründe

AI Talk

Der führende KI Podcast mit Clemens Wasner & Jakob Steinschaden

Future{hacks}

Zwischen Hype und Realität

Trending Topics Tech Talk

Der Podcast mit smarten Köpfen für smarte Köpfe

Weiterlesen