Stegra: 1,4 Milliarden Euro sichern Fortbestand von Europas wichtigstem ClimaTech
Die Finanzierung, die über die Zukunft des prominentesten Klimaindustrie-Projekts Europas entscheidet, ist unter Dach und Fach. Das schwedische Unternehmen Stegra hat das Closing seiner Runde über 1,4 Milliarden Euro bekanntgegeben. Angeführt wird sie von einem Konsortium unter Führung von Wallenberg Investments, der Investmentgesellschaft der einflussreichsten schwedischen Industriellenfamilie. Im April 2026 hatte Stegra eine grundsätzliche Einigung gemeldet – damals noch vorbehaltlich behördlicher und weiterer Genehmigungen. Diese liegen nun vor.
Mit dem Kapital soll das Stahlwerk im nordschwedischen Boden fertiggestellt und in Betrieb genommen werden. Dort will Stegra Stahl mit grünem Wasserstoff statt mit Kohle produzieren – ein Verfahren, das die CO₂-Emissionen gegenüber der konventionellen Hochofenroute drastisch senken soll. Die Anlage ist auf bis zu fünf Millionen Tonnen Jahresproduktion bis 2030 ausgelegt und umfasst eine Elektrolyse-Kapazität von rund 700 Megawatt.
Neue Eigentümer, neue Machtverhältnisse
Zum Wallenberg-Konsortium gehören neben den Bestandsinvestoren IMAS und Temasek die beiden Neuzugänge Bolero und SEB-Stiftelsen. Gleichzeitig hat eine breite Gruppe bestehender Anteilseigner erneut investiert: Altor rückt damit zum zweitgrößten Eigentümer auf, ebenso beteiligt bleiben unter anderem Hy24, Just Climate, AMF, AP2, der von Demea gemanagte Climate Infrastructure Fund, Kallskär, Kobe Steel, Lingotto Innovation, Scania, Schaeffler, Security Trading (Investmentvehikel der Familie von Antti Herlin), Stena Metall Finans und Swedbank Robur.
Bemerkenswert ist zudem ein Seitenwechsel: Eine Gruppe von Second-Lien-Kreditgebern unter Führung von AIP Management steigt vom Fremd- ins Eigenkapital um. Auch personell zieht das Konsortium ein – Håkan Buskhe, Head of Special Investments bei Wallenberg Investments, wird Mitglied des Stegra-Boards.
„Wir schließen diese Finanzierungsrunde mit einer höheren Eigenkapitalquote und einer stärkeren, widerstandsfähigeren Finanzposition ab”, sagt CEO Henrik Henriksson. Er verweist ausdrücklich auf den gewachsenen schwedischen Eigentümeranteil. Buskhe bezeichnet das Vorhaben als „wichtigen Schritt für Schwedens Wettbewerbsfähigkeit und die Versorgungssicherheit der EU”.
Alle Banken bleiben an Bord
Für die Finanzierungsarchitektur mindestens ebenso relevant wie das neue Eigenkapital ist das Votum der Gläubiger: Die Runde erhielt nach Unternehmensangaben 100 Prozent Zustimmung der Kreditgeber-Gruppe. Sämtliche Banken bleiben im 2024 geschnürten Paket, und Stegra erhält Zugang zu den bislang nicht abgerufenen Kreditlinien aus dieser Runde. Laut Bloomberg geht es dabei um rund 1,5 Milliarden Euro, auf die der Zugriff zuvor eingeschränkt war, weil bestimmte Bedingungen und Projekt-Meilensteine nicht erfüllt worden waren.
Auch das schwedische Reichsschuldenamt und die staatliche Exportkreditagentur SEK halten laut Henriksson an den zuvor vereinbarten Fazilitäten fest. Zusätzlich fließen Mittel aus dem EU-Innovationsfonds und von der schwedischen Energieagentur.
Neun Monate vor dem Aus
Vorangegangen war eine monatelange Krise. Im Oktober 2025 räumte Stegra einen zusätzlichen Kapitalbedarf von zehn Milliarden Kronen ein und verschob den Produktionsstart erneut – begründet mit der erzwungenen Übernahme von Bahn- und Hafeninvestitionen sowie teureren Arbeiten. Danach trat Gründer Harald Mix als Aufsichtsratsvorsitzender zurück, drei weitere Board-Mitglieder legten ihre Mandate nieder. Die Baukosten lagen laut Dagens Industri rund 15 Prozent über Budget, zusätzlich zu den bereits zugesagten rund 70 Milliarden Kronen.
Im Dezember berichtete Dagens Industri unter Berufung auf interne Unterlagen, der Belegschaft in Boden sei mitgeteilt worden, das Geld sei aufgebraucht; der ursprüngliche Finanzierungsplan sei gescheitert, stattdessen werde eine Brückenfinanzierung arrangiert. Stegra selbst bezeichnete die Pause auf der Baustelle als lange geplante Weihnachtsunterbrechung. Anfang Februar schrieb die börsennotierte Kinnevik den Wert ihrer Beteiligung um fast die Hälfte ab – als Vorsichtsmaßnahme angesichts möglicher Verwässerung.
Im März 2026 berichtete Bloomberg, dem Unternehmen blieben nur noch Wochen, bevor das Geld ausgeht. Die Finanzierungslücke war laut Dagens Industri und Reuters zu diesem Zeitpunkt auf über zwei Milliarden Euro angewachsen, mehr als das Doppelte der früheren Schätzung; parallel wurden ein neuer CFO bestellt und das Board umgebaut. Ein Stegra-Sprecher erklärte gegenüber Reuters, man kommentiere keine „anonymen Aussagen oder Spekulationen”.
Der Zeitplan bleibt offen
Die entscheidende Frage beantwortet die Aussendung nicht: Wann fließt der erste Stahl? Stegra fährt die Bauarbeiten in Boden derzeit wieder hoch, der Projektzeitplan steht aber weiter „unter Review”. Ursprünglich war der Produktionsstart für 2025 angepeilt, danach für 2026; während der Finanzierungsgespräche kam der Bau nach Unternehmensangaben über Monate langsamer voran als geplant. Mit der aktuellen Runde summiert sich das Gesamtvolumen auf annähernd acht Milliarden Euro – womit das 2020 als H2 Green Steel gegründete Unternehmen zu den am höchsten kapitalisierten Industrie-Dekarbonisierungsprojekten weltweit zählt.
Ein Gegensignal in schwierigem Umfeld
Der Abschluss fällt in eine Phase, in der europäische Klimaindustrie-Projekte reihenweise gestoppt oder verkleinert werden. Nach der Northvolt-Pleite stand die Investorenbereitschaft für kapitalintensive Cleantech-Megaprojekte in Europa grundsätzlich infrage; ArcelorMittal gab im Frühjahr 2026 bereits bewilligte deutsche Fördermittel in Milliardenhöhe zurück und legte seine Wasserstoff-Pläne auf Eis.
Vor diesem Hintergrund ist die Stegra-Runde ein Gegensignal – allerdings eines mit Vorbehalt: Nach der Finanzierung ist die technische und terminliche Umsetzung das eigentliche Risiko.

