Vitamarie: Wiener Startup baut Health-App für Frauen mit lokalem KI-Modell
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Große Sprachmodelle schneiden bei medizinischen Fragen zur Frauengesundheit in Tests schlecht ab, und in den USA sind Gesundheitsdaten von Frauen seit einigen Jahren auch ein rechtliches Thema – alles Dinge, die frau in einer App für Gesundheitsdaten auf keinen Fall drin haben möchte.
Das Wiener Startup VITAMARIE entwickelt gemeinsam mit SWISDATA, einer gemeinnützigen Forschungs-GmbH aus Wien mit Sitz im Umfeld der AI Factory Austria, eine KI-Architektur, die Antworten nur aus hinterlegten wissenschaftlichen Quellen erzeugen und im laufenden Betrieb ohne Cloud-Sprachmodell auskommen soll.
Studien zeigen Schwächen von Sprachmodellen
Ein Forschungsteam rund um Victoria-Elisabeth Gruber hat Ende 2025 einen Women’s Health Benchmark veröffentlicht. Darin wurden 13 Sprachmodelle, darunter GPT-5, mit Fragen aus Gynäkologie, Notfall- und Allgemeinmedizin getestet. In rund 60 Prozent der Fälle lieferten die Modelle keine zufriedenstellende Antwort. Zu den häufigsten Fehlern zählten veraltete Leitlinien, fehlende kritische Informationen und falsche Dosierungen.
Eine Untersuchung der London School of Economics aus dem Sommer 2025 kam zu dem Ergebnis, dass Googles offenes Modell Gemma gesundheitliche Bedürfnisse von Frauen in Pflegeakten häufiger ausließ oder abschwächte als jene von Männern. Als eine Ursache gilt die Datenbasis: Frauen waren in der klinischen Forschung über Jahrzehnte unterrepräsentiert.
Die App und ihre KI-Begleiterin
VITAMARIE ist ein Venture der Wiener datasol FlexCo. Der Name bezieht sich laut Gründungsteam auf die Physikerin und Chemikerin Marie Curie, die als erste Frau zwei Nobelpreise erhielt. Die gleichnamige App ist im App Store und bei Google Play verfügbar. Die integrierte KI-Begleiterin Marie berücksichtigt die Zyklusphase einer Nutzerin und gibt darauf abgestimmte Hinweise zu Ernährung, Training, Erholung und Stimmung. VITAMARIE ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Nach Unternehmensangaben wurde die App bisher mehr als 350 Mal heruntergeladen, ohne bezahlte Werbung. Derzeit basiert Marie auf Google Gemini, die Daten werden in der EU verarbeitet.
Für die Weiterentwicklung erhielt datasol einen Innovationsscheck der Forschungsförderungsgesellschaft FFG für das Projekt „Women of Science“, SWISDATA ist Forschungspartner. Im Förderantrag führt das Team mehrere Probleme bestehender Ansätze an: Einfaches Retrieval auf wissenschaftlichen Publikationen neige zu Halluzinationen und lasse relevante Informationen aus, Closed-Source-Modelle würfen Fragen zur Datensouveränität auf, und der Einsatz großer Modelle für einfache Aufgaben sei teuer und energieintensiv. Ursprünglich wollte das Team vor allem prüfen, ob ein spezialisiertes kleines Sprachmodell diese Probleme lösen kann. Im Laufe des Projekts verlagerte sich der Schwerpunkt.
„Wir sind mit der Annahme gestartet, dass das Modell das Problem ist. Die Forschung hat gezeigt, dass der größere Hebel davor liegt, in der sauberen Aufbereitung der Studien und in einer klaren Trennung, wo welche Daten verarbeitet werden“, sagt Georg Posan, Co-Founder von VITAMARIE und zuvor Head of Data & Analytics bei PwC Austria.
Getrennte Verarbeitung von Studien und Nutzerdaten
Die geplante Architektur trennt den Import von Fachwissen von der eigentlichen Anwendung. Öffentlich zugängliche wissenschaftliche Publikationen werden mit Hilfe eines Cloud-Modells (derzeit Claude von Anthropic) aus PDF-Dateien extrahiert, in inhaltlich zusammenhängende Abschnitte gegliedert und als Embeddings in einer Datenbank gespeichert. Daten von Nutzerinnen werden in diesem Schritt laut Unternehmen nicht verarbeitet. Nicht-öffentliche Dokumente laufen über eine separate Pipeline in der eigenen Infrastruktur.
In der Anwendung selbst soll kein Cloud-Sprachmodell zum Einsatz kommen. Die Antworten erzeugt ein lokal betriebenes Modell des französischen Anbieters Mistral. Ein eigens entwickelter Agent soll gewährleisten, dass sich die Antworten ausschließlich auf die hinterlegten Quellen stützen. Ungelöst ist unter anderem noch die zuverlässige Extraktion von Tabellen aus wissenschaftlichen PDFs. Mit dieser Frage befasst sich eine Bachelorarbeit an der Universität Wien, betreut von Marian Lux von SWISDATA.
„Entscheidend ist nicht, wer das größte Modell hat, sondern wie sauber das Wissen aufbereitet ist, auf das ein Modell zugreift“, sagt Lux.
Hintergrund: Zyklusdaten und Rechtslage in den USA
Wie sensibel Daten aus Zyklus-Apps sind, zeigt der Fall Flo, eine der weltweit meistgenutzten Anwendungen in diesem Segment. In einer US-Sammelklage befand eine Jury im Sommer 2025 Meta für haftbar, weil der Konzern über ein in Flo integriertes Software-Kit Angaben zu Menstruation und Schwangerschaft erfasst hatte, wie Der Standard berichtete. Meta legte Berufung ein, ein Richter wies einen Antrag des Konzerns auf Aufhebung des Urteils ab. Google, Flo und der Analysedienst Flurry schlossen Vergleiche über insgesamt 59,5 Millionen US-Dollar.
Seit der Supreme Court 2022 im Dobbs-Urteil das landesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch aufgehoben hat, kommt eine strafrechtliche Dimension hinzu. Die Organisation Pregnancy Justice zählte in den ersten zwei Jahren danach 412 Strafverfahren im Zusammenhang mit Schwangerschaften. In Nebraska übergab Meta auf richterliche Anordnung Facebook-Nachrichten zwischen einer Mutter und ihrer Tochter über Abtreibungspillen, die Mutter wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. In Texas ließ ein Sheriff 2025 mehr als 83.000 Kennzeichen-Kameras nach einer Frau durchsuchen, die einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hatte, und prüfte eine Anklage.
Digitale Beweise in solchen Verfahren stammten bislang vor allem aus Chats, Suchverläufen und Standortdaten. Ein Fall, in dem Daten aus Zyklus-Apps verwendet wurden, ist laut NBC News nicht dokumentiert. Zugleich hat ein Bundesgericht im Sommer 2025 eine Regel, die reproduktive Gesundheitsdaten unter dem Gesundheitsdatengesetz HIPAA zusätzlich schützen sollte, landesweit aufgehoben.
„Das Risiko ist nicht nur der Hack, sondern jede Information, die lesbar bei einem Anbieter liegt“, sagt Posan. Nach eigenen Angaben setzt VITAMARIE auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, betreibt keine Werbeinfrastruktur, verkauft keine Gesundheitsdaten und nutzt die Daten der Nutzerinnen nicht zum Training von Modellen. Finanziert werden soll die App über Abonnements.
Investor:innensuche und Pitch in San Francisco
„Viele Frauen hören seit Jahren, das seien eben die Hormone. Sie brauchen Antworten, die auf Studien beruhen und nicht auf Durchschnittswerten, die überwiegend an Männern erhoben wurden. Eine Ärztin ersetzt Marie nicht, und das sagen wir auch klar“, sagt Co-Founderin Emilia Bessonova, Biotechnologin mit Erfahrung im Bereich Digital Health.
VITAMARIE ist derzeit Teil der GoUSA-Delegation von Advantage Austria in San Francisco und tritt Anfang Oktober bei der Austrian Startup Demo Night von Open Austria im Rahmen der SF Tech Week auf. Parallel sucht das Startup Investor:innen für eine Pre-Seed-Runde. Die App ist weltweit verfügbar und derzeit ohne Bezahlschranke nutzbar.

