Amazon will bis zu 25 Milliarden Dollar in Anthropic investieren
Der KI-Konzern Anthropic und der Cloud-Riese Amazon haben eine weitreichende Partnerschaft vereinbart, die die Kräfteverhältnisse im Rennen um künstliche Intelligenz weiter verschieben könnte. Im Mittelpunkt steht eine Infrastrukturvereinbarung im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar sowie eine frische Kapitalspritze von fünf Milliarden Dollar. Bemerkenswert: Amazon hatte erst im Februar 2026 einen ähnlich strukturierten Deal mit dem Konkurrenten OpenAI abgeschlossen.
Die Eckpunkte des Deals
Anthropic verpflichtet sich, über die nächsten zehn Jahre mehr als 100 Milliarden US-Dollar in AWS-Technologien zu investieren. Im Gegenzug erhält das Unternehmen Zugang zu bis zu fünf Gigawatt neuer Rechenkapazität für das Training und den Betrieb seines KI-Modells Claude. Bereits im zweiten Quartal 2026 soll bedeutende Kapazität verfügbar sein, bis Jahresende wird nahezu ein Gigawatt erwartet.
Amazon investiert seinerseits fünf Milliarden US-Dollar sofort in Anthropic, mit der Option auf bis zu 20 weitere Milliarden in der Zukunft. Zusammen mit früheren Investitionen seit 2023 beläuft sich Amazons Gesamtengagement bei Anthropic damit auf bis zu 33 Milliarden US-Dollar.
Amazons Doppelstrategie: OpenAI und Anthropic
Der neue Deal reiht sich in eine auffällige Strategie Amazons ein, gleichzeitig in die beiden führenden KI-Labore zu investieren. Erst im Februar 2026 beteiligte sich Amazon mit 50 Milliarden US-Dollar an einer Finanzierungsrunde, die OpenAI mit 730 Milliarden US-Dollar bewertete. Auch jener Deal war teilweise als Cloud-Infrastrukturleistung strukturiert, nicht als reiner Kapitaltransfer.
Amazon positioniert sich damit als unverzichtbarer Infrastrukturpartner für die gesamte KI-Branche, unabhängig davon, welches Unternehmen sich letztlich durchsetzt. Für den Konzern bieten solche Vereinbarungen einen doppelten Vorteil: Kapitalrendite durch Beteiligungen und gleichzeitig Umsatz über die eigene Cloud-Plattform AWS.
Warum Anthropic jetzt handelt
Hinter dem Deal steckt auch konkreter Handlungsdruck. Anthropics Umsatz ist in kurzer Zeit dramatisch gestiegen, von rund neun Milliarden US-Dollar Ende 2025 auf inzwischen über 30 Milliarden US-Dollar auf Jahresbasis. Dieses Wachstum hat die vorhandene Infrastruktur an ihre Grenzen gebracht.
„Unsere Nutzer sagen uns, dass Claude zunehmend unverzichtbar für ihre Arbeit ist, und wir müssen die Infrastruktur aufbauen, um mit der rasch wachsenden Nachfrage Schritt zu halten.“ (Dario Amodei, CEO und Mitgründer von Anthropic)
Insbesondere das Coding-Tool Claude Code hat in diesem Jahr stark an Popularität gewonnen und dabei wiederholt Ausfälle und Leistungseinbußen verursacht, vor allem zu Stoßzeiten. Das Unternehmen räumte ein, dass das beispiellose Wachstum im Verbraucherbereich die Zuverlässigkeit für alle Nutzerstufen beeinträchtigt habe.
Technologischer Fokus: Amazons eigene Chips
Ein zentrales Element der Vereinbarung ist die Nutzung von Amazons hauseigenen Halbleitern. Die Vereinbarung umfasst explizit die Chip-Generationen Trainium2 bis Trainium4, wobei Trainium4 noch nicht verfügbar ist. Anthropic betreibt bereits über eine Million Trainium2-Chips für Training und Betrieb von Claude.
„Unsere maßgeschneiderten KI-Chips bieten Kunden hohe Leistung zu deutlich niedrigeren Kosten, weshalb sie so stark nachgefragt werden.“ (Andy Jassy, CEO von Amazon)
Für Amazon ist die Partnerschaft auch ein strategisches Mittel, um die eigenen Chips als ernstzunehmende Alternative zu Nvidias dominierenden GPUs zu etablieren. Anthropic gilt als einer der wichtigsten Kunden für die Trainium-Serie.
Einordnung: Zirkuläre Deals als neues Modell
Die Vereinbarung folgt einem Muster, das in der KI-Branche zunehmend verbreitet ist: KI-Unternehmen nehmen Investitionen von Cloud-Anbietern entgegen und kaufen bei denselben Anbietern Rechenkapazität ein. Kritiker sprechen von zirkulären Deals, die die tatsächliche finanzielle Stärke der beteiligten Unternehmen verschleiern könnten.
Anthropic hat in den vergangenen Wochen gleich mehrere solcher Vereinbarungen abgeschlossen. Anfang April wurde ein ähnliches Abkommen mit Google und Broadcom bekannt, das weitere rund fünf Gigawatt Kapazität über die kommenden Jahre sichern soll. Zusammen mit dem Amazon-Deal verfügt Anthropic damit über eine diversifizierte Hardware-Strategie, die das Unternehmen unabhängiger von einzelnen Anbietern machen soll.
Ausblick
Ob der Deal auch als Vorbote einer neuen Finanzierungsrunde zu verstehen ist, bleibt offen. Berichten zufolge haben Risikokapitalgeber Anthropic zuletzt Kapital zu einer Bewertung von 800 Milliarden US-Dollar oder mehr angeboten. Das Unternehmen hat solche Angebote bislang nicht angenommen.
Fest steht: Mit einer aktuellen Bewertung von 380 Milliarden US-Dollar, einem Umsatzwachstum von über 200 Prozent innerhalb weniger Monate und nun gesicherter Infrastruktur für ein Jahrzehnt hat Anthropic seinen Platz unter den führenden KI-Unternehmen der Welt weiter gefestigt.


