Kommentar

Apple, öffne dich! Warum eustella die Schwester von Siri AI werden muss

eustella on iPhone. © eustella.com
eustella on iPhone. © eustella.com

Man muss Apple eines lassen: Was das Unternehmen auf der WWDC 2026 mit Siri AI präsentiert hat, ist technisch beeindruckend. Nach zwei Jahren Verspätung ist aus dem belächelten Sprachassistenten ein echter AI-Agent geworden. Siri AI versteht persönlichen Kontext aus Nachrichten, E-Mails und Fotos, erkennt, was gerade am Bildschirm passiert, und orchestriert Workflows quer über App-Grenzen hinweg. Ein System-Orchestrator greift auf den Spotlight-Index und die App Toolbox zu, die Foundation Models — entwickelt in Kooperation mit Googles Gemini — laufen on-device und über Private Cloud Compute.

Das ist die Zukunft des Smartphone-Interfaces. Und um das gleich klarzustellen: Wir sind durchaus große Apple-Fans. Kaum ein Unternehmen baut Hardware und Software so konsequent aus einem Guss, kaum eines nimmt Datenschutz so ernst. Diese Haltung verdient Respekt, und sie ist ein wesentlicher Grund, warum Millionen Europäer Apple-Geräte lieben und ihnen ihre persönlichsten Daten anvertrauen.

Aber genau hier beginnt das Problem. Denn eustella als neuer europäischer KI-Agent, der auch für iPhone verfügbar ist, wäre gegenüber Siri AI aus rein technischer Sicht im Nachteil.

Der unfaire Heimvorteil

Kein anderer AI-Agent am iPhone bekommt auch nur annähernd diesen Zugriff. Sie alle leben in ihrer App-Sandbox. Sie sehen nicht, was am Bildschirm passiert. Sie können nicht in die iMessage-Historie schauen, um die Hotelbuchung von letzter Woche zu finden. Sie können keine Aktion in einer Drittanbieter-App auslösen, ohne dass der User selbst zur App wechselt und tippt.

Siri AI kann all das. Nicht, weil Apples Modelle besser wären (sie kommen bezeichnenderweise von Google und sind Gemini-Destillate), sondern weil Apple sich selbst Schnittstellen auf Betriebssystemebene gewährt, die es niemandem sonst gibt. Konkret sind es diese Fähigkeiten, die den Unterschied zwischen Siri AI und jeder anderen AI-App am iPhone ausmachen:

  • Personal Context: Siri AI durchsucht persönliche Nachrichten, E-Mails, Fotos und Dokumente und findet dort etwa die Hotel-Buchungsnummer oder die Restaurant-Empfehlung von letzter Woche. Eine AI-App sieht nichts davon — sie kennt nur, was der User ihr sagt.
  • Onscreen Awareness: Der Assistent erkennt, was gerade am Bildschirm angezeigt wird, beantwortet Fragen dazu und führt direkt passende Aktionen aus. Für eine AI-App in ihrer Sandbox ist der Rest des Bildschirms unsichtbar — sie müsste um Screenshots bitten.
  • App-Orchestrierung: Siri AI bewegt sich über App-Grenzen hinweg und schließt komplette Workflows ab — vom Heraussuchen einer Adresse bis zur Buchung in einer Drittanbieter-App. Eine AI-App kann bestenfalls einen Link öffnen und den User dann allein weitertippen lassen.
  • Visual Intelligence: Tief in die Kamera-App integriert, analysiert Siri AI die reale Welt durch die Linse — inklusive Aktionen wie Rechnung-Teilen via Apple Cash. AI-Apps müssen den Umweg über hochgeladene Fotos gehen.
  • Zugriffspunkte: Siri AI ist überall — Seitentaste, „Hey Siri“, Dynamic Island, Spotlight, systemweite Kontextmenüs, Apple Watch, CarPlay, AirPods. Eine AI-App ist ein Icon unter vielen, das der User aktiv öffnen muss.

Der Wettbewerbsvorteil von Siri AI ist also keine Innovationsleistung. Er ist ein Plattformprivileg.

In der Ökonomie nennt man das Self-Preferencing: Der Gatekeeper bevorzugt den eigenen Dienst auf der eigenen Infrastruktur. Genau dagegen wurde der Digital Markets Act geschrieben. Wer als Gatekeeper eingestuft ist, darf eigene Dienste nicht mit exklusiven Systemzugängen ausstatten, die Konkurrenten verwehrt bleiben. Interoperabilität ist keine Bitte, sondern Pflicht.

Kein EU-Start für Siri AI

Apple hat angekündigt, Siri AI auf iPhone, iPad und Apple Watch vorerst nicht in der EU auszurollen, und begleitet das mit der bekannten Erzählung: Die Regulierung gefährde Privatsphäre und Sicherheit der Nutzer, man arbeite „hart an einem Weg nach vorne“.

Übersetzt heißt das: Apple müsste die Schnittstellen, die Siri AI so mächtig machen — Personal Context, Onscreen Awareness, App-Orchestrierung — auch Dritten zugänglich machen. Und das will Apple offenbar nicht. Lieber verzichtet der Konzern auf 450 Millionen potenzielle Nutzer, als das Plattformprivileg zu teilen.

Man kann das als Standortnachteil beklagen, und ja: Für europäische iPhone-User ist es kurzfristig ärgerlich, dass das spannendste Apple-Feature seit Jahren an ihnen vorbeizieht. Aber die Alternative wäre schlimmer. Ein Siri AI, das exklusiv und konkurrenzlos auf der tiefsten Ebene des Betriebssystems sitzt, würde den AI-Assistenten-Markt am iPhone beenden, bevor er begonnen hat. Wer einmal den Assistenten nutzt, der alle persönlichen Daten kennt und alle Apps steuern kann, wechselt nicht mehr. Der Lock-in wäre sehr stark.

Was jetzt passieren muss und wo eustella ins Spiel kommt

Der zweite Schritt fehlt allerdings noch. Es reicht nicht, dass Siri AI in der EU pausiert. Das Ziel des DMA war nie, Features zu blockieren, sondern sie zu öffnen. Die Kommission sollte Apple deshalb einen klaren Weg aufzeigen: Siri AI darf in Europa starten, sobald die zugrunde liegenden Schnittstellen diskriminierungsfrei für Dritte verfügbar sind. Personal Context, Onscreen-Kontext, System-Orchestrierung: Was Apple sich selbst gewährt, muss per API auch anderen offen stehen. So wie NFC für andere Payment-Apps neben Apple Pay geöffnet wurde, muss sich das iPhone auch für andere KI-Agenten öffnen.

Ein europäischer Assistent mit Zugriff auf Personal Context und App-Orchestrierung, aber mit Datenverarbeitung unter europäischem Recht, auf europäischer Infrastruktur, ohne Umweg über kalifornische oder chinesische Server: Das wäre die echte Schwester von Siri AI. Nicht als Apple-Ersatz, sondern als Wahlmöglichkeit. Der User entscheidet selbst, welcher Assistent auf Systemebene arbeiten darf, so wie er heute schon Browser und Suchmaschine wählen kann. Genau diese Wahlfreiheit ist die Logik des DMA, konsequent zu Ende gedacht.

Natürlich wird Apple einwenden, dass tiefe Systemzugriffe für Dritte ein Sicherheitsrisiko seien. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, und genau deshalb sollte Europa hohe, überprüfbare Anforderungen an jeden stellen, der diese Schnittstellen nutzen will: Audits, Zertifizierung, klare Haftung. Private Cloud Compute zeigt ja, dass verifizierbare Privatsphäre-Architekturen möglich sind. Sie dürfen nur nicht Apples Monopol bleiben.

Siri AI ist ein vielversprechendes Produkt eines Unternehmens, das wir sehr mögen. Es wäre ein noch besseres, wenn es Konkurrenz auf Augenhöhe hätte. Der DMA hat die Tür dafür geöffnet. Jetzt muss Europa durchgehen, und europäische Anbieter müssen bereitstehen. Wir stehen bereit.

Disclaimer: Autor Jakob Steinschaden ist Mitgründer von eustella.

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