Europas Startups forschen für die Welt – und skalieren für die USA
Beim Skalieren stoßen viele europäische Startups auf eine Finanzierungslücke. Für große Runden sind US-Investoren – häufig aus dem Silicon-Valley-Ökosystem – daher oft die naheliegenden Ansprechpartner. Mit dem Kapital kommen jedoch häufig auch Erwartungen, Board-Sitze und Einfluss auf strategische Entscheidungen. Dadurch können neue Abhängigkeiten entstehen. Nachdem es die Halbleiterindustrie und die KI-Infrastruktur bereits getroffen hat, zeigt sich dieses strukturelle Problem im Quantencomputing erneut.
von Alexander Schult, Co-Founder & CFO, Peak Quantum
Europas Startup-Ökosystem hat sich in den letzten Jahren spürbar entwickelt: Mehr erfahrene Seed-Fonds, mehr Business Angels mit industriellem Hintergrund, bessere Förderinstrumente. In der Frühphase ist Europa wettbewerbsfähig. Die eigentliche Herausforderung beginnt beim Wachstum. Wenn ein Forschungs-Spin-off 50, 100 oder 200 Millionen Euro benötigt, um Technologie in industrielle Produkte und Fertigungskapazitäten zu überführen, wird das Angebot an europäischem Wachstumskapital deutlich dünner.
Für kapitalintensive Hardware-Startups ist diese Lücke besonders spürbar. Quantencomputing-Hardware lässt sich nicht mit einem kleinen Team und einer Cloud-Instanz skalieren. Es braucht Reinräume, Kryostate, spezialisierte Fertigungsanlagen und hochqualifizierte Ingenieure.
Kapital ist nie neutral
Internationales Kapital – häufig aus den USA – ist grundsätzlich nichts Negatives. Dort sitzen viele der erfahrensten Technologieinvestoren der Welt. Ihr Netzwerk, ihre operative Erfahrung und ihre Risikobereitschaft sind ein echter Wettbewerbsvorteil. Kapital ist jedoch selten neutral. Jeder Investor bringt eigene Prioritäten mit und mit größeren Finanzierungsrunden werden diese zunehmend Teil der Unternehmensstrategie.
Was das konkret bedeuten kann, zeigt ein Beispiel aus der Quantenbranche: Das britische Quantencomputing-Startup Oxford Ionics wurde 2025 vom US-Unternehmen IonQ übernommen. Die Technologie bleibt dieselbe. Kontrolle und Wertschöpfung bleiben jedoch nicht in europäischer Hand.
Solche Übernahmen sind kein Automatismus. Sie zeigen jedoch, welche Dynamik entstehen kann, wenn europäisches Wachstumskapital fehlt und internationale Investoren die Finanzierung übernehmen. Mit jeder Finanzierungsrunde verschiebt sich die Wahrscheinlichkeit, dass Fertigung, Wertschöpfung, Partnerschaften und strategische Entscheidungen dorthin wandern, wo Kapital und Märkte bereits vorhanden sind. In solchen Fällen werden europäische Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu Kunden statt zu Partnern und zahlen am Ende für Technologie, die mit europäischen Geldern entwickelt wurde.
Bei Halbleitern hat Europa das bereits durchlebt: Jahrzehntelang exzellente Chipforschung, die Fertigung aber in Asien und Nordamerika. Bei KI-Infrastruktur läuft es ähnlich: Europäische Modelle auf amerikanischen Rechenzentren. Im Quantencomputing besteht das gleiche Risiko, noch bevor die Industrie überhaupt in die Skalierungsphase eingetreten ist.
Wenn Technologie in Europa entsteht, die Kontrolle darüber aber woanders liegt, profitieren europäische Volkswirtschaften nur begrenzt von den öffentlichen Mitteln, die in Forschung und Ausbildung geflossen sind. Wertschöpfung, Arbeitsplätze und strategische Kompetenz folgen dem Kapital, nicht der Herkunft der Idee. Bei Peak Quantum wollen wir diesen Kreislauf im Quantencomputing durchbrechen – mit Technologie und Fertigungsinfrastruktur, die in Europa entsteht, und einer Eigentümerstruktur, die langfristig zu dieser Vision passt.
Was der Google-Fall zeigt
Dass Kapital nie neutral ist, gilt nicht nur für private Investoren, sondern auch für staatliche Programme. Kürzlich wurde bekannt, dass u. a. Google die Teilnahme an einem US-Quantenförderungsprogramm über zwei Milliarden US-Dollar abgelehnt hat. Die Begründung: Die damit verbundenen Bedingungen würden die eigene Entwicklungsgeschwindigkeit ausbremsen. Charina Chou, COO von Google Quantum AI, sprach von Konditionen, die nicht zu Googles Ansatz beim Aufbau eines praxistauglichen Quantencomputers passten.
Der Fall zeigt, dass Kapital fast immer mit Erwartungen verbunden ist – unabhängig davon, ob es von Investoren oder vom Staat kommt. Förderprogramme entfalten ihre größte Wirkung dann, wenn sie sich an den Entwicklungszyklen der Industrie orientieren und Innovation beschleunigen, statt sie durch zusätzliche Komplexität auszubremsen. Für Europa ist das ein wichtiger Hinweis. Programme wie der EU Chips Act, das EU Tech Sovereignty Package, ein EU Quantum Act oder die deutsche High-Tech-Agenda können nur dann ihr volles Potenzial ausschöpfen, wenn sie sich an den Entwicklungszyklen der Industrie orientieren.
Europa konkurriert mit der Welt
Parallel dazu zeigt eine andere Entwicklung, wie schwer Europa sich mit sich selbst tut: Frankreich hat versucht, die Beteiligung Großbritanniens am Scaleup Europe Fund zu blockieren – einem 5-Milliarden-Euro-Instrument, das gezielt in europäische Deep-Tech-Scaleups investieren soll. Der Streitpunkt: geografische Einschränkungen, wer als „europäisch“ gilt. Über Governance lässt sich diskutieren. Was Europa sich jedoch nicht leisten kann, sind Monate, in denen Kapital aufgrund politischer Differenzen nicht investiert wird. Während Europa diskutiert, investieren Wettbewerber in den USA und China weiter.
Was sich strukturell ändern muss
Europa hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte beim Aufbau eines wettbewerbsfähigen Deep-Tech-Ökosystems gemacht. Mehr erfahrene Investoren, stärkere Förderprogramme und Initiativen wie der European Investment Fund oder nationale Förderbanken haben dazu beigetragen, dass sich die Rahmenbedingungen für technologieorientierte Start-ups deutlich verbessert haben.
Der nächste Entwicklungsschritt besteht jedoch nicht darin, bestehende Instrumente einfach auszubauen. Tatsächlich stehen wir heute vor drei miteinander verbundenen strukturellen Herausforderungen: Kapitalallokation, Nachfrage und Talent. Diese Bereiche haben sich bereits weiterentwickelt – ihr Potenzial ist jedoch noch längst nicht ausgeschöpft. Nur wenn wir alle drei gemeinsam stärken, wird Europa dauerhaft eigene Technologieführer hervorbringen.
Das erste betrifft die Kapitalallokation. Deep-Tech-Unternehmen entwickeln keine Apps, sondern industrielle Spitzentechnologie. Entwicklungszyklen von zehn Jahren sind dabei keine Ausnahme, sondern häufig die Regel. Solche Unternehmen benötigen deshalb Kapital mit einem entsprechend langen Zeithorizont.
Gerade in der Frühphase hat Europa große Fortschritte gemacht. Die eigentliche Finanzierungslücke entsteht jedoch bei Wachstumsrunden ab etwa 50 bis 100 Millionen Euro. Genau in dieser Phase fließt europäisches Kapital häufig in internationale Technologieunternehmen, während europäische Deep-Tech-Unternehmen Wachstumskapital im Ausland suchen müssen.
Langfristig orientierte Kapitalgeber wie Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices oder Industrieunternehmen könnten hier künftig eine noch größere Rolle spielen. Dass sie bislang nur begrenzt in Venture Capital und Deep Tech investieren, ist auch eine Folge regulatorischer Rahmenbedingungen und institutioneller Anreizstrukturen.
Das zweite ist die Nachfrage. In den USA ist der Staat häufig der erste Kunde für neue Technologien. Programme von DARPA, dem US-Verteidigungsministerium oder anderen öffentlichen Einrichtungen schaffen früh Nachfrage und geben privaten Investoren Vertrauen, dass ein Markt entsteht. Auch in Europa wächst das Bewusstsein für die strategische Bedeutung öffentlicher Beschaffung. Gleichzeitig besteht noch Potenzial, Start-ups stärker als frühe Technologiepartner einzubinden und damit wichtige Marktsignale zu setzen.
Das dritte ist das Talent. Wer weltweit die besten Ingenieur:innen, Physiker:innen und Unternehmer:innen gewinnen will, muss attraktive Rahmenbedingungen bieten. Dazu gehören wettbewerbsfähige Mitarbeiterbeteiligungsprogramme. Auch hier wurden in einigen europäischen Ländern Fortschritte erzielt. Dennoch erschweren steuerliche und regulatorische Unterschiede vielen jungen Technologieunternehmen weiterhin, Spitzenkräfte langfristig zu gewinnen und zu binden.
Diese drei Herausforderungen verstärken sich gegenseitig: Ohne Nachfrage fließt weniger privates Kapital. Ohne Kapital entstehen weniger erfolgreiche Scale-ups. Und ohne attraktive Beteiligungsmodelle wird es schwieriger, Spitzenkräfte zu gewinnen.
Europa hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es seine Innovationspolitik weiterentwickeln kann. Jetzt gilt es, den nächsten Schritt zu gehen und Kapital, Nachfrage und Talente konsequent weiterzuentwickeln.
Europa forscht exzellent. Entscheidend ist, dass künftig auch dort skaliert, produziert und Wertschöpfung geschaffen wird, wo die Innovation entsteht.
Über den Autor:
Alexander Schult ist Co-Founder und CFO von Peak Quantum, einem Münchner Quantencomputing-Unternehmen, das inhärent fehlergeschützte, supraleitende Quantenprozessoren entwickelt. Nach seinem Studium der Bank- und Finanzwirtschaft und einem MBA an der London Business School war er als Project Leader bei der Boston Consulting Group im Bereich Corporate Finance & Strategy tätig und gründete und führte anschließend mehrere Unternehmen. Bei Peak Quantum verantwortet er Finance, Administration, HR, Legal und Investor Relations und gestaltet das Fundraising sowie den strategischen und kaufmännischen Aufbau des Unternehmens. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er daran, Peak Quantum als technologisch führendes und finanziell tragfähiges Unternehmen im europäischen Quantencomputing-Ökosystem zu etablieren.