CancelChatGPT: Pentagon-Deal treibt User zu Anthropic; Claude toppt App Charts
Es ist überraschenderweise nicht der Werbestart bei ChatGPT, sondern letztlich doch etwas anderes, was viele Nutzer weltweit gegen OpenAI aufbringt: nämlich der Deal mit dem US-Militär über die Nutzung der KI-Modelle des mittlerweile mit 730 Milliarden Dollar bewerteten AI-Unternehmens.
Das geht nun so weit, dass unter dem Motto „Delete ChatGPT“ bzw. „CancelChatGPT“ immer mehr User vom Chatbot von OpenAI zum Konkurrenten Claude von Anthropic wechseln. Denn Anthropic hat wie berichtet den Einsatz seiner (aktuell topplatzierten) KI-Modellen auch zum Zwecke der Massenüberwachung und autonomen Waffen abgelehnt und einen Deal mit dem Pentagon platzen lassen. OpenAI wiederum hat dann wenige Stunden, nachdem Anthropic-KI auf eine Bannliste des US-Kriegsministeriums gesetzt wurde, den Deal gemacht – wenn auch unter Auflagen (mehr dazu hier).
Doch der Image-Schaden ist angerichtet, OpenAI-CEO Sam Altman weiß um die „schlechte Optik“, die sein Unternehmen nunmehr ausgesetzt ist. Am Markt sieht man nun, wie immer mehr User ChatGPT wegen des Militär-Deals löschen und stattdessen Claude von Anthropic installieren – auch eine Reihe Prominenter zieht dabei aktuell mit. Unter CancelChatGPT.com wurde eine eigene Webseite eingerichtet, die Kritik an OpenAI zusammenfasst und Hilfestellung bei der Account-Löschung geben will.
Claude auf Platz 1 in den USA, Kanada und Deutschland
Anthropics Claude hat ChatGPT überholt und rangiert nun auf Platz eins der meist geladenen Produktivitäts-Apps im Apple App Store in den USA. Auch in Deutschland und Kanada liegt Claude am Montag morgen auf Platz 1. In der Schweiz liegt Claude auf Platz 2 vor ChatGPT, in Österreich kann sich ChatGPT noch vor Claude und Gemini von Google halten.
Im Play Store von Google sieht man den Claude-Effekt noch nicht. Das ist nicht unwichtig, immerhin gibt es viel mehr Android-User als iPhone-User. Allerdings gelten iPhone-User als zahlungsfreudiger, was interessant für Anthropic ist. Denn das Unternehmen verzichtet auf Werbung und strebt danach, kostenpflichtige Abos abzuschließen.
Anthropic befindet sich derzeit in einer schwierigen Position in Washington. Nach einem öffentlichen Konflikt mit dem Verteidigungsministerium über den Einsatz seiner KI-Modelle ordnete Präsident Donald Trump an, dass Bundesbehörden die Technologie des Unternehmens schrittweise einstellen sollen. Verteidigungsminister Pete Hegseth bezeichnete Anthropic als Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit. Das Unternehmen kündigte an, diese Einstufung gerichtlich anzufechten.
Abwanderung dokumentiert sich in sozialen Medien
Zahlreiche ChatGPT-Nutzer haben ihre Konten gekündigt und den Wechsel zu Claude öffentlich dokumentiert. Popstar Katy Perry teilte auf X einen Screenshot der Claude-Preisseite mit einem roten Herz um das Pro-Abonnement für 20 Dollar monatlich. Der X-Nutzer Adam Lyttle veröffentlichte Belege seiner Anthropic-Rechnung neben der Kündigungsbestätigung von OpenAI. Im ChatGPT-Subreddit fordern Dutzende Nutzer andere auf, ihre Accounts zu löschen. Der Hashtag Cancel ChatGPT verbreitet sich, während manche Nutzer erklären, Altmans Schritt habe eine rote Linie überschritten.
Die Reaktionen fallen jedoch nicht einheitlich aus. In mehreren Reddit-Diskussionen argumentieren Kommentatoren, die Nachricht beeinflusse ihre Modellwahl nicht. Sie verweisen auf Anthropics Partnerschaft mit Palantir und Amazon Web Services, die im November 2024 geschlossen wurde und US-Geheimdiensten sowie Verteidigungsbehörden Zugang zu Claude-Modellen gewährt. Diese Vereinbarung werfe ähnliche Bedenken auf wie OpenAIs Pentagon-Deal.
Vertragsbedingungen legen Beschränkungen für Waffensysteme fest
OpenAI veröffentlichte am Samstagnachmittag detaillierte Vertragsbedingungen, die spezifische Einschränkungen definieren. Das KI-System darf autonome Waffensysteme nicht eigenständig steuern, sofern Gesetze oder Richtlinien menschliche Kontrolle vorschreiben. Ebenso untersagt der Vertrag die Übernahme anderer hochriskanter Entscheidungen, die menschliche Genehmigung erfordern. Bezüglich Überwachung legt die Vereinbarung fest, dass das System nicht für unbegrenzte Überwachung privater Informationen US-amerikanischer Personen eingesetzt werden darf. Altman betonte, das Verteidigungsministerium habe zwei zentrale Sicherheitsprinzipien akzeptiert: das Verbot inländischer Massenüberwachung und menschliche Verantwortung beim Einsatz von Gewalt.
Während einige Beobachter die Entwicklung als normale Geschäftspraxis im Regierungssektor bewerten, sehen andere darin einen unerwarteten PR-Erfolg für Anthropic. Ein X-Nutzer scherzte, Verteidigungsminister Hegseth benötige möglicherweise einen neuen Titel als Chef des Claude-Marketings. Die Kontroverse verdeutlicht die wachsende Bedeutung ethischer Positionierung im KI-Wettbewerb, wo Unternehmenspartnerschaften unmittelbare Auswirkungen auf Nutzerloyalität entfalten.

