Industry report

Europe’s Quantum is on Fire

Quantum computer by IQM. © IQM
Quantum computer by IQM. © IQM

Es geht nicht mehr nur um die IBMs und Googles dieser Welt: Innerhalb weniger Monate hat sich Europas Quantencomputer-Szene deutlich sichtbar von einer Forschungsdisziplin in einen kapitalintensiven Industriesektor verwandelt. Zwei bis drei Börsengänge im Milliardenbereich, mehrere große Series-Runden und erste kommerzielle Anwendungen zeigen: Was lange als risikoreiche Langfrist-Wette galt, wird gerade zum eigenen Tech-Cluster mit klarer Wertschöpfungskette – von Hardware über Software-Architekturen bis zur Anwendungsschicht.

„Wir haben hier wirklich eine historische Möglichkeit hat, eine Revolution anzuführen“, sagte kürzlich Alexander Glätzle, CEO und Mitgründer des Quanten-Scale-ups planqc, im Interview, über die Entwicklungen von Quanten-Computern in Europa. „Speziell im letzten Jahr wurde klar, dass Quantencomputer funktionieren. Die Frage ist nun, wann sie die Leistungsstärke erhalten, um einen echten Impact zu haben. In der Welt der Investoren sieht man an einigen Stellen schon einen gewissen Shift von AI zu Quantencomputern.“

Nun werden die Früchte der jahrelangen Arbeit am Kapitalmarkt sichtbar.

Zwei IPOs ebnen den Weg

Den größten Symbolwert haben derzeit zwei geplante Börsengänge. Das finnische Unicorn IQM Quantum Computers, ein Spin-off der Aalto-Universität und des Forschungszentrums VTT aus dem Jahr 2018, hat im Februar 2026 eine SPAC-Fusion mit der Real Asset Acquisition Corp. angekündigt. Die Bewertung liegt bei rund 1,8 Milliarden US-Dollar, der Abschluss ist für Mitte 2026 geplant. Mehr als 300 Millionen US-Dollar an PIPE- und Trust-Kapital sollen IQM dabei zufließen. Bei erfolgreichem Vollzug wäre IQM das erste börsennotierte europäische Quantenunternehmen und plant zusätzlich ein Zweitlisting in Helsinki.

Nur wenige Wochen später, im März 2026, hat das französische Unternehmen Pasqal nachgezogen. Die Fusion mit der Nasdaq-gelisteten Bleichroeder Acquisition Corp. II bewertet Pasqal vor Geldzufluss mit 2 Milliarden US-Dollar; nach Abschluss wird mit einer Marktkapitalisierung von rund 2,6 Milliarden gerechnet. Pasqal arbeitet mit neutralen Atomen, wurde 2019 unter anderem vom Physik-Nobelpreisträger Alain Aspect mitgegründet und hat nach eigenen Angaben bereits sieben Quantencomputer ausgeliefert, drei weitere sind in Produktion. 200 Millionen US-Dollar Wandelkapital von Parkway, Quanta Computer, LG Electronics und CMA CGM begleiten den Deal.

Mega-Runden bei Hardware und Komponenten

Im Hardware-Segment hat das niederländische Startup QuantWare gerade erst Anfang Mai 2026 die größte private Finanzierungsrunde abgeschlossen, die bisher ein auf Quantenprozessoren spezialisiertes Unternehmen weltweit eingeworben hat: 178 Millionen US-Dollar (rund 152 Millionen Euro) in einer Series B. Lead-Investoren sind Intel Capital sowie der CIA-nahe Strategie-Fonds In-Q-Tel, dazu ETF Partners, Forward.one und der niederländische Invest-NL Deep Tech Fund. QuantWare, ein 2021 entstandener Spin-off aus dem Forschungsinstitut QuTech der TU Delft, will mit dem frischen Kapital seine sogenannte VIO-40K-Architektur skalieren – ein Pfad zu Quantenchips mit 10.000 Qubits – und „KiloFab“ bauen, nach eigener Darstellung die größte dedizierte Quanten-Foundry weltweit.

Ebenfalls diese Woche, Anfang Mai 2026, hat das deutsche Unternehmen eleQtron eine Series A über 57 Millionen Euro abgeschlossen – eine der größten Quantenrunden in Europa bisher. Angeführt wird sie von Schwarz Digits, dem Digitalarm der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), gefolgt vom EIC Fund, Bestandsinvestor Earlybird, dem Laser-Spezialisten Precitec sowie den Förderbanken NRW.Bank und IFB Hamburg. Die 2020 gegründete Universität-Siegen-Ausgründung setzt auf gefangene Ionen, die mit ihrer proprietären MAGIC-Technologie über Mikrowellen statt Laser kontrolliert werden, und meldet bereits ein Auftragsvolumen von über 54 Millionen Euro – ungewöhnlich für die noch stark forschungsgetriebene Branche.

Tirol als Schwergewicht im DACH-Raum

Auffällig ist die Dichte rund um Innsbruck. AQT (Alpine Quantum Technologies), eine Ausgründung der Universität Innsbruck, baut Quantencomputer auf Basis gefangener Ionen und liefert Systeme im Industrieformat aus. AQT hat eine europäische Ausschreibung für einen Trapped-Ion-Quantencomputer gewonnen; das Liefer- und Servicepaket hat einen Gesamtwert von rund 12,28 Millionen Euro, die Installation läuft 2025. Im Februar 2025 wurde mit AQT-Beteiligung der „Quanten-Hub Tirol“ gestartet, finanziert mit einer Anschubfinanzierung von 150.000 Euro durch das Land Tirol.

Daneben hat die ebenfalls aus Innsbruck stammende ParityQC im April 2026 für Aufsehen gesorgt: Auf einem IBM-Quantencomputer demonstrierte das Unternehmen die bislang größte Quantum Fourier Transform der Welt – mit 52 supraleitenden Qubits, fast eine Verdopplung des bisherigen Rekords von 27 Trapped-Ion-Qubits. ParityQC, 2019 gegründet als Spin-off der Universität Innsbruck und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ist außerdem Teil des Konsortiums, das in Deutschland einen Auftrag mit einem Gesamtvolumen von 208,5 Millionen Euro für den Bau von Quantencomputern gewonnen hat. Eine eigene Großrunde hat ParityQC zwar noch nicht eingeworben, sein „Parity-Architektur“-Ansatz macht das Unternehmen aber zu einem der gefragtesten Software- und Architekturpartner Europas.

Erste Anwendungen: Banken setzen auf Quanten-Verschlüsselung

Während die Computer selbst noch unter Laborbedingungen reifen, beginnt eine zweite Welle: die kommerzielle Anwendung quantensicherer Verschlüsselung. In Wien hat die Erste Group gemeinsam mit dem österreichischen Deeptech-Startup zerothird und A1 als erste europäische Bankengruppe einen Pilotbetrieb mit verschränkungsbasierter Quantenkryptographie aufgesetzt.

Die kommerzielle Lösung wurde in die bestehende Glasfaser-Infrastruktur integriert; die zugrundeliegende eQKD-Technologie (entangled Quantum Key Distribution) basiert auf den nobelpreisgekrönten Forschungsarbeiten von Anton Zeilinger. Im EU-finanzierten QUAPITAL-Projekt soll als Nächstes eine quantensichere Verbindung zwischen Wien und Frankfurt aufgebaut werden – wegen der Signaldämpfung in Glasfasern eine technische Hürde, an der QKD-Systeme bislang scheitern.

Weitere Player am Start

Über die im Anlass dieses Überblicks genannten Unternehmen hinaus gibt es in Europa mehrere weitere Quanten-Player mit substantiellen Finanzierungen, die das Bild vervollständigen. Das größte davon ist Quantinuum mit Hauptsitzen in Cambridge (UK) und Broomfield (Colorado): Honeywell, Mehrheitseigner des Unternehmens, hat im September 2025 eine 600-Millionen-Dollar-Runde bei einer Pre-Money-Bewertung von 10 Milliarden Dollar abgeschlossen – mit Beteiligung von Nvidias Venture-Arm NVentures sowie Quanta Computer, JPMorgan, Mitsui und Amgen.

Im Februar 2026 hat Quantinuum vertraulich eine S-1-Anmeldung bei der SEC eingereicht, kolportiert wird ein IPO-Ziel von 20 Milliarden Dollar oder mehr. Mit Oxford Quantum Circuits (OQC), Riverlane und der photonischen Quandela kommen drei weitere britisch-französische Schwergewichte hinzu, die eine umfassende technologische Bandbreite abdecken – von supraleitenden Hardware-Plattformen über Quantenfehlerkorrektur bis zu Photonik-Computern.

Companies at a glance

Unternehmen Hauptsitz Gegründet Technologie Letzte Finanzierung / Bewertung Besonderheit
IQM Quantum Computers Espoo (FIN) 2018 Supraleitend SPAC-Merger 02/2026, ~1,8 Mrd. USD; >300 Mio. USD Cash Erstes gelistetes europäisches Quantenunternehmen (geplant)
Pasqal Massy (FRA) 2019 Neutrale Atome SPAC-Merger 03/2026, Pre-Money 2 Mrd. USD; +200 Mio. USD PIPE Co-gegründet von Nobelpreisträger Alain Aspect
QuantWare Delft (NLD) 2021 Supraleitende QPUs Series B 05/2026: 178 Mio. USD (≈152 Mio. EUR) Größte private Runde eines QPU-Spezialisten weltweit
eleQtron Siegen (DEU) 2020 Trapped Ions / MAGIC Series A 05/2026: 57 Mio. EUR Lead: Schwarz Digits; >54 Mio. EUR Auftragsvolumen
planqc Garching b. München (DEU) 2022 Neutrale Atome Series A 2024: 50 Mio. EUR; +29 Mio. EUR DLR-Auftrag, 20-Mio.-EUR-BMBF-Projekt Spin-off des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik
AQT (Alpine Quantum Technologies) Innsbruck (AUT) 2018 Trapped Ions EU-Ausschreibung über 12,28 Mio. EUR; EIC-Mittel Industrie-Quantencomputer im 19″-Rack
ParityQC Innsbruck (AUT) 2019 Architektur/Software Mehrere Seed-Runden (~3 Mio. USD); Teil von 208,5-Mio.-EUR-DLR-Auftrag in DE Rekord: größte QFT mit 52 supraleitenden Qubits (04/2026)
zerothird Wien (AUT) 2022 Quantenkryptographie (eQKD) Frühphase, mit Onsight Ventures u.a. Erstes kommerzielles QKD-Pilotprojekt mit Erste Group / A1
Quantinuum Cambridge (GBR) / Broomfield (USA) 2021 (Fusion) Trapped Ions 600 Mio. USD bei 10 Mrd. USD Pre-Money (09/2025); IPO geplant S-1-Filing 01/2026; kolportiertes IPO-Ziel ≥20 Mrd. USD
Oxford Quantum Circuits (OQC) Reading (GBR) 2017 Supraleitend Series B + öffentliche Mittel Roadmap: 200 logische Qubits bis 2028, 50.000 bis 2034
Riverlane Cambridge (GBR) 2016 Quantenfehlerkorrektur Series C: 75 Mio. USD Liefert QEC-Stack u.a. an OQC
Quandela Massy (FRA) 2017 Photonisch Series B-Stadium Photonik-Quantencomputer als Cloud-Service

Ausblick

Drei Themen werden 2026 darüber entscheiden, wie nachhaltig der aktuelle Boom ist: Erstens, ob die SPAC-Listings von IQM und Pasqal an der Börse Bestand haben oder unter dem Druck der Quartalszahlen leiden. Zweitens, ob Skalierungsschritte wie QuantWares „KiloFab“ oder ParityQCs Architektur-Wetten technisch wie geplant aufgehen. Und drittens, ob nach der Erste Group weitere Großkunden – Banken, Telekoms, Behörden – Quanten-Verschlüsselung und Quantencomputing-Workloads tatsächlich produktiv einsetzen. Sicher ist: Europas Quanten-Sektor hat in dieser Saison den Sprung von „spannendes Forschungsthema“ zu „investierbares Cluster“ geschafft.

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