Psychische Gesundheit

Pandemie, Krieg, Klimakrise: Wie man psychisch am besten damit umgeht

Wer immer nur schlechte Nachrichten konsumiert, tut seiner psychischen Gesundheit nichts Gutes.
Wer immer nur schlechte Nachrichten konsumiert, tut seiner psychischen Gesundheit nichts Gutes.

Die Angst vor einem Weltkrieg ist zurück. Durch den Überfall Russlands auf die Ukraine befürchten laut einer Forsa-Umfrage zwei von drei Deutschen einen Dritten Weltkrieg. Den Krieg bemerkt man dabei auch im Geldbörserl, die Inflationsrate für Februar 2022 liegt laut Statistik Austria bei knapp 6 Prozent im Vergleich zum Februar letzten Jahres.

Fast schon beiläufig erscheint da die Coronapandemie, die Zahlen der Neuinfektionen in Österreich stiegen nur wenige Tage nach dem „Freedom Day“ am 5. März auf über 50.000 Fälle an. Und über all dem schwebt die Klimakrise wie ein Damoklesschwert, der Weltklimarat unterstrich in seinem neuesten Bericht Ende Februar (Tech & Nature berichtete) die große Dringlichkeit für ein schnelles Handeln.

„Überlebensmodus“ aktiviert

Die psychische Mehrfachbelastung setzt Menschen auf unterschiedliche Art und Weise zu. „Horrorbilder aktivieren die Alarmanlage in unserem Kopf“, erklärt der Neurobiologe und Buchautor Marcus Täuber. Dieser ist der Gründer des Instituts für mentale Erfolgsstrategien. „Verbunden mit dem Gefühl fehlender Kontrolle kippt unser Gehirn in einen Modus, wo der Gedanke ans nackte Überleben in den Vordergrund gerät“, so Täuber. Dabei treffen besonders die Kriegsnachrichten aus der Ukraine auf eine Generation, die sich in Jahrzehnten des Friedens nie direkt mit einer solchen Gefahr auseinandersetzen musste.

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Diese jüngere Generation ist es auch, die auf Sozialen Medien häufig mit Kriegsmeldungen konfrontiert werden. Auf Facebook, Instagram, Twitter oder auch Tiktok: Es ist ein schier unendlicher Strom an News, meistens sind es schlechte Neuigkeiten. Im Extremfall sogar Bilder von Toten. Und dennoch kann man sich nicht losreißen, Doom Scrolling oder Doom Surfing nennt sich das Phänomen, das laut Studien direkte negative Folgen auf unsere psychische Gesundheit mit sich bringt. „Ein Krieg der Waffen wird immer auch begleitet von einem Krieg der Worte. Propaganda und strategische Kommunikation findet auf beiden Seiten statt und sollte auch mit einer gewissen emotionalen Distanz bewertet werden“, rät der Neurobiologe.

Schluss mit dem Doom Scrolling

Besonders schlecht seien Bad News vor dem Schlafengehen, weil die Botschaften dann oft in den Traum mitgenommen werden, so Täuber. Besser sollte man im Bett die schönen Eindrücke des Tages noch einmal Revue passieren lassen. Und wer gar nicht vom Handy loskommt, kann App-Timer oder den oft schon vorhandenen Fokusmodus des Smartphones nutzen, um die Nutzungszeit einzelner Apps zu beschränken.

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Zu weniger Mediennutzung rät auch die Wiener Psychotherapeutin und Coachin Lisa Tomaschek-Habrina im Gespräch mit Tech & Nature. Ein paar Minuten ein bis zweimal pro Tag würden demnach ausreichen, um sich über das Wichtigste zu informieren. Letztendlich seien es die immer gleichen Meldungen, die man vorgesetzt bekäme. „Durch die ständige Wiederholung wirken die Nachrichten oft stärker und schlimmer“, so Thomaschek-Habrina. Wichtiger sei es, sich Copingstrategien, also Bewältigungsstrategien, zurechtzulegen. Besonders Ältere, die sich an die Inflation der 70er- und 80er-Jahre erinnern, oder Menschen, die den Krieg im ehemaligen Jugoslawien miterlebt hätten, könnten bereits auf vorhandene Rituale zurückgreifen.

Ihre Resilienz, also die Fährigkeit, Krisen zu bewältigen, ist höher, weil sie ähnliche Krisen bereits durchlebt haben. Das hilft, die Situation psychisch besser zu verarbeiten oder anders damit umzugehen. „Anders damit umzugehen heißt aber nicht, besser damit umzugehen“, warnt Tomaschek-Habrina. Im schlimmsten Fall könnten negative Flashbacks auftreten, bei denen bei Menschen ein früheres Trauma wieder hervorgerufen werde.

Stressabbau durch die „BEEP“-Methode

Umso wichtiger ist es, auch selbst auf seine psychische Gesundheit zu achten. Tomaschek-Habrina rät dabei zur „BEEP“-Methode: Bewegung, Ernährung, Entspannung und Psychohygiene. Beinahe alles davon sei in der Coronapandemie vernachlässigt worden, meint die Psychotherapeutin. Durch das Homeoffice wurde sich weniger bewegt. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschmolzen, was der Entspannung ganz und gar nicht dienlich war. Und auch die psychische Hygiene, etwa ein Treffen mit Freund:innen oder ein Museumsbesuch, geriet ins Hintertreffen.

Besonders stark von den Corona-Einschränkungen betroffen waren auch Kinder und Jugendliche, wie eine Studie der Donauuni Krems unter 1.500 österreichischen Schüler:innen im Alter von 14-20 Jahren zeigt. 62 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Burschen wiesen eineinhalb Jahre nach Beginn der COVID-19-Pandemie eine mittelgradige depressive Symptomatik auf. Angstsymptome, aber auch Schlafstörungen, hätten sich in dieser Zeit verfünf- bis verzehnfacht. Hinzu kommt die Angst rund um die Auswirkungen der Klimakrise.

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Umweltpsychologin Anna Pribil kann aus Erfahrung sagen, dass die Klimaangst bei Kindern und Jugendlichen steigt. Pribil klärt in Schul-Workshops über die Klimakrise auf und beginnt ihre Stunde meist mit einer freien Assoziation. Bereits von den Kleinsten wird die Klimakrise mit Abgasen, steigendem Meeresspiegel und sterbenden Eisbären assoziiert, so die Umweltpsychologin im Gespräch mit Tech & Nature. „Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Vorwissen die Kinder bereits mitbringen“, sagt  Pribil. Die Kinder würden die Krise im Radio oder anderen Medien aufschnappen und kommen dann oft mit Fragen zu ihren Eltern. „Wenn Kinder Fragen haben, sollten die Eltern diese auch beantworten“, rät Pribil. Dafür gäbe es entsprechende Bücher, die die Klimakrise bereits für die Kinder anschaulich darstellen. „Wenn sie aber gar nicht daran interessiert sind, sollte man ihnen das Thema aber keinesfalls aufdrängen“, so Pribil.

Aktivitäten helfen gegen die Ohnmacht

Was all die Krisen, sei es Corona, Ukrainekrieg, Inflation oder Klimakrise gemeinsam haben, ist das Ohnmachtsgefühl, das sich bei betroffenen Menschen oft breitmacht. Was kann ein einzelner Mensch schon ausrichten, bei so vielen Problemen in der Welt? „Der Mensch ist getrieben, einen sinnvollen Beitrag für seine Gemeinschaft zu leisten“, sagen die Expert:innen unisono. Oft sind es die kleinen Dinge: freiwilliges Engagement in einem gemeinnützigen Verein beispielsweise, Spendensammeln für Geflüchtete aus der Ukraine, die Teilnahme an Klimademonstrationen oder einfach nur altmodische Nachbarschaftshilfe. Wer sich hin und wieder für andere einsetzt, hilft gleichzeitig auch der eigenen psychischen Gesundheit.

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Wenn jedoch alles nichts mehr hilft und die negativen Gefühle Einfluss auf den Alltag nehmen, sollte sich Hilfe gesucht werden. Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Panikattacken – viele ignorieren die Warnsignale, die der Körper uns gibt. Daher ist es in der jetzigen Zeit umso wichtiger, selbst einmal in sich hineinzuhören. „Am besten fragt man Bekannte oder Freunde, wer Erfahrungen mit Coachings oder Psychotherapie gemacht hat“, rät Tomaschek-Habrina. „Viele haben es gemacht, aber niemand hängt es an die große Glocke“, weiß die Psychotherapeutin. Das liege unter anderem daran, weil man nicht als „verrückt“ oder „krank“ gelten will. Auch die Gruppe Psychologists For Future, der Pribil angehört, biete kostenlose Beratung an, wenn es um Klima-Themen geht.

Schwierige Lebenssituationen erhöhen die Resilienz

Klimakrise, Pandemie, Inflation und Ukrainekrieg – es gilt, diese Krisen auch persönlich zu meistern. Womöglich helfen sie auch, besser mit zukünftigen Bedrohungen umzugehen. Denn ganz nach dem Motto „Was mich nicht umbringt, macht mich härter“ schadet ein gewisser Grad an Abhärtung nicht. Das zeigte etwa eine dreijährige Studie unter 2400 Proband:Innen: Hin und wieder schwierige Lebenssituationen zu meistern, kann die Resilienz und das Wohlbefinden erhöhen. Und zwar nicht nur im Vergleich zu jenen, die sehr viele Schicksalsschläge hinnehmen mussten, sondern auch im Vergleich zu jenen, die keinerlei Belastungen ausgesetzt waren. Im Extremfall kann ein schwerer Schicksalsschlag sogar zu post-traumatischen Wachstum führen – das erfordere aber hohe Selbstreflexion und entsprechende Hilfe.

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