Selbstversuch

Wie Fake Shops Online-Konsument:innen über Vinted in die teure Falle locken

Vinted HQ. © Vinted
Vinted HQ. © Vinted

Es ist ein Donnerstagabend, und ich suche eine Uhr. Eine gebrauchte Vintage-Uhr, ein Stück Stahl, das auf dem Foto teurer aussieht, als der Preis verspricht. Ich tippe „Vintage-Uhr gebraucht kaufen“ bei Google ein, scrolle an den Anzeigen vorbei, und einer der Treffer führt mich auf eine Produktseite des Second-Hand-Marktplatzes Vinted.

Und da hängt sie. Foto eins: das Zifferblatt, scharf, gut ausgeleuchtet. Foto zwei: die Box, das Zertifikat, sogar der Kassenbon, leicht angeschnitten. Und darunter eine Zahl, die mich kurz innehalten lässt: 2.500 Euro.

Ich kenne den Markt. Diese Uhr kostet gebraucht überall – auf den einschlägigen Plattformen, beim Händler um die Ecke – mindestens 4.000 Euro. Eher mehr. 2.500, das ist kein Schnäppchen mehr. Das ist ein Bruch in der Logik des Marktes. Mein Bauch sagt: Finger weg. Meine Neugier sagt: Schreib ihm.

Von Vinted weglocken, Vorauszahlung fordern

Auf eine Anfrage über den Vinted-Chat reagiert der Verkäufer – ein Profil ohne Verifizierung und ohne Bewertungen – flott, freundlich und auffallend professionell für einen vermeintlichen Privatverkauf.

Die Uhr sei noch verfügbar, heißt es, allerdings solle die Bestellung nicht über Vinted laufen. Stattdessen wird auf einen eigenen Shop mit eigener Webseite – inklusive Logo und AGB-Reiter – sowie auf eine Bezahlung per Überweisung im Voraus verwiesen. Als zusätzlicher Anreiz für die Direktbestellung wird ein Rabattcode in Aussicht gestellt: zwanzig Prozent Nachlass, der Preis sinkt damit auf 2.000 Euro.

Auf die Nachfrage, warum nicht der reguläre „Kaufen“-Button genutzt werden solle, wird mit der bei Vinted anfallenden Käuferschutz-Gebühr argumentiert; eine Direktzahlung sei für beide Seiten vorteilhafter. Man solle das Geld überweisen und dann etwa via WhatsApp die Zahlungsbestätigung senden, erst dann würde die ware versendet werden.

Genau dieser Punkt verrät die Masche. Was als lästiger Aufschlag dargestellt wird, ist das einzige Instrument, das Käufer:innen vor dem Verlust ihres Geldes schützt.

Was der Vinted-Käuferschutz leistet

Der Käuferschutz ist keine Abzocke, sondern eine Versicherung – und ein Treuhandsystem. Wer auf Vinted über den „Kaufen“-Button zahlt, entrichtet eine Gebühr von fünf Prozent des Artikelpreises plus 70 Cent. Dafür landet der Kaufbetrag nicht beim Verkäufer, sondern auf einem Treuhandkonto. Vinted hält ihn fest und gibt ihn erst frei, wenn die Bestellung beim Käufer angekommen ist und dieser bestätigt, dass alles in Ordnung ist.

Kommt die Ware beschädigt an, gar nicht oder deutlich anders als beschrieben – etwa eine Fälschung statt des Originals –, lässt sich innerhalb von zwei Tagen nach Zustellung eine Rückerstattung beantragen. Der Support schaltet sich ein, das Geld fließt zurück. Der Verkäufer sieht es bis dahin nicht.

Daraus erklärt sich das Geschäftsmodell des Lockvogels: Bei einer Vorab-Überweisung auf eine externe Seite gibt es kein Treuhandkonto, keine Frist, keinen Support und kein Zurück. Das Geld ist in der Sekunde weg, in der die Überweisung ausgelöst wird – die Ware kommt nie. Der angebliche Rabatt ist der Köder, der aus dem sicheren Hafen herauslocken soll. Jeder Euro, der an der Vinted-Gebühr gespart wird, ist ein Euro, der anschließend vollständig verloren geht.

Vinted reagiert, aber löscht den Händler nicht

Vinted reagiert nach dem Hinweis, dass hier etwas mutmaßlich Betrügerisches passiert, nciht sofort. Im Selbstversuch zeigte sich: Eine erste Meldung des Verkäufer-Profils blieb zunächst ohne sichtbare Folge. Das Profil bleibt online, die Anzeige ist weiter online. Erst beim zweiten Hinweis folgt eine Reaktion: die Bestätigung, dass der Fall geprüft werde und schon Maßnahmen eingeleitet worden seien. Gelöscht wurde der Händler bis dato dennoch nicht.

Das ist kein Vinted-Spezifikum, sondern das strukturelle Dilemma jeder Plattform: Betrüger agieren oft schneller als Moderations-Teams. Das britische Intellectual Property Office (IPO) beschreibt in seiner aktuellen Kampagne genau diese Mechanik an einem realen Fall – eine Käuferin erhielt gefälschte Designer-Sandalen, und noch bevor die Plattform den Fall untersuchen konnte, hatte der Verkäufer sein Profil gelöscht und war mit dem Geld verschwunden. Wer wartet, bis die Plattform reagiert, hat in der Regel bereits verloren. Der Schutz muss früher greifen – beim Käufer selbst.

So lässt sich ein Fake-Shop enttarnen

Die Prüfung, für die früher Stunden nötig waren, dauert heute Minuten. Ein europäischer KI-Recherche-Agent wie eustella lässt sich gezielt dafür einsetzen: Statt selbst durch ein Dutzend Tabs zu klicken, übergibt man dem Agenten den Shop-Link mit der Aufgabe, die Seite zu prüfen.

eustella recherchiert daraufhin in Echtzeit im Netz, durchsucht Bewertungsportale und Foren nach dem Shop-Namen, prüft Kombinationen wie „Shopname + Betrug“ oder „+ Fake“, ermittelt das Alter der Domain und kontrolliert, ob ein vollständiges, echtes Impressum existiert. Über die in eustella integrierte Geizhals-Preisdatenbank lässt sich zugleich der realistische Marktpreis gegenchecken – wodurch ein um Tausende Euro zu niedriges Angebot sofort auffällt. Weil die gesamte Verarbeitung auf europäischer Infrastruktur läuft, bleiben die eigenen Suchdaten dabei in der EU.

Die KI ersetzt jedoch nicht den gesunden Menschenverstand. Das britische Intellectual Property Office hat – gemeinsam mit Vinted – eine Checkliste veröffentlicht, die Secondhand-Käufer:innen verinnerlichen sollten. Frei zusammengefasst:

  • Verkäuferprofil prüfen: Gibt es echte, positive Bewertungen früherer Käufer, eine Historie erfolgreicher Verkäufe und konsistente Angebote – oder ein Konto, das gestern aus dem Nichts auftauchte?
  • Fotos genau ansehen: Stimmen Etiketten, Anhänger und Größenangaben mit dem überein, was bei einer echten Marke zu erwarten wäre? Passen Fotos und Beschreibung zusammen?
  • Auf Qualitätssignale achten: Bei teuren Stücken Nähte, Material, Logo-Platzierung und Verarbeitung kontrollieren. Typische Fälschungs-Marker sind Rechtschreibfehler auf Etiketten, schiefe Nähte, billiges Material und schlecht reproduzierte Logos.
  • Im Zweifel nachfragen: Vor dem Kauf zusätzliche Fotos oder Belege anfordern.
  • Immer plattform-integriert zahlen: Niemals per Direktüberweisung an den Verkäufer, sondern über die plattformeigenen Käuferschutz- und Verifizierungs-Tools.
  • Dem eigenen Preisgefühl trauen: Echte Designerstücke werden praktisch nie zu verdächtig niedrigen Preisen verkauft.

Die Zahlen des IPO untermauern, wie verbreitet das Problem ist: Jede:r vierte Secondhand-Käufer:in erwarb im vergangenen Jahr unwissentlich eine Fälschung, jede:r Dritte prüft die Echtheit vor dem Kauf gar nicht erst.

Was tun, wenn es doch passiert ist

Wer auf eine Fälschung oder einen Fake-Shop hereingefallen ist, sollte zuerst den Streitfall über den Käuferschutz und das Beschwerdesystem der Plattform eröffnen – vorausgesetzt, die Zahlung lief über die Plattform. War es eine Überweisung an einen externen Shop, bleibt der Gang zur Bank (Versuch einer Rückbuchung) und zur Polizei (Anzeige wegen Betrugs). In Österreich ist die Watchlist Internet die zentrale Anlaufstelle, um verdächtige Shops zu melden und mit Listen bekannter Fake-Shops abzugleichen.

Die Vinted-Gebühr von fünf Prozent plus 70 Cent ist damit kein Ärgernis, sondern eine Versicherung im Online-Handel. Von Vinted auf externe shops zu klicken und dort vermeintlich günstig zu kaufen, kann letztendlich viel teurer werden.

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