Anthropic und Perplexity lassen Finanz-Agenten los, erschüttern Aktien im Finanzsektor
Der Wettbewerb um die Automatisierung von Finanzdienstleistungen durch künstliche Intelligenz gewinnt an Fahrt. Gleich zwei KI-Unternehmen haben innerhalb kurzer Zeit neue Produkte für den Finanzsektor angekündigt: Anthropic, der Hersteller des KI-Modells Claude, präsentierte zehn spezialisierte Agenten für Aufgaben im Bankwesen, Versicherungswesen und Asset Management. Kurz darauf kündigte auch Perplexity mit „Computer for Professional Finance“ ein eigenes Angebot für Finanzprofis an.
Anthropics Vorstoß: Zehn Agenten für den Finanzalltag
Anthropic hat eine Reihe von KI-Agenten vorgestellt, die zeitaufwendige Routinearbeiten im Finanzbereich übernehmen sollen. Die Werkzeuge richten sich an Fachleute in Banken, Versicherungen, Vermögensverwaltungen und Finanztechnologieunternehmen. Sie sollen unter anderem Pitchbooks für Kundenmeetings erstellen, Finanzdaten analysieren und Compliance-Fälle zur Prüfung eskalieren.
Die Agenten sind in zwei Kategorien gegliedert: Werkzeuge für Forschung und Kundenbetreuung sowie Werkzeuge für Finanzbetrieb und interne Abläufe. Sie lassen sich entweder als Plugins in Anthropics Arbeitsumgebung Claude Cowork und Claude Code einsetzen oder als sogenannte Managed Agents auf der Claude-Plattform betreiben, wo sie auch vollständig autonom über längere Zeiträume arbeiten können.
Die neuen Agenten im Überblick
Forschung und Kundenbetreuung:
- Pitch Builder: Erstellt Zielkundenlisten, führt Vergleichsanalysen durch und entwirft Pitchbooks
- Meeting Preparer: Bereitet Briefings zu Kunden und Gegenparteien vor Gesprächen vor
- Earnings Reviewer: Liest Transkripte und Einreichungen, aktualisiert Modelle und markiert relevante Änderungen
- Model Builder: Erstellt und pflegt Finanzmodelle aus Einreichungen, Datenfeeds und Analystenangaben
- Market Researcher: Verfolgt Sektor- und Emittentenentwicklungen und fasst Nachrichten sowie Broker-Research zusammen
Finanzbetrieb und interne Abläufe:
- Valuation Reviewer: Prüft Bewertungen anhand von Vergleichswerten und Methodik
- General Ledger Reconciler: Gleicht Hauptbuchkonten ab und führt Nettoinventarwertberechnungen durch
- Month-End Closer: Führt die Monatsabschlusscheckliste aus und erstellt Abschlussberichte
- Statement Auditor: Prüft Finanzberichte auf Konsistenz und Prüfungsbereitschaft
- KYC Screener: Erstellt Entitätsdateien und bereitet Eskalationen für die Compliance-Prüfung vor
Integration in Microsoft-Anwendungen und Partnernetzwerk
Neben den Agenten hat Anthropic auch die Integration von Claude in Microsoft-Anwendungen ausgebaut. Über Add-ins kann Claude nun direkt in Excel, PowerPoint, Word und demnächst auch Outlook arbeiten. Dabei soll der Kontext automatisch zwischen den Anwendungen übertragen werden, sodass eine Analyse, die in Excel beginnt, ohne erneute Eingaben in eine PowerPoint-Präsentation überführt werden kann.
Gleichzeitig erweitert Anthropic sein Partnernetzwerk im Finanzbereich. Neue Datenanbindungen bestehen unter anderem zu Dun und Bradstreet, Fiscal AI, Financial Modeling Prep, Guidepoint, IBISWorld, SS&C IntraLinks, Third Bridge und Verisk. Moody’s hat zudem eine eigene MCP-App veröffentlicht, die Zugang zu Kreditratings und Daten von mehr als 600 Millionen Unternehmen bietet.
Strategischer Hintergrund: Umsatz vor dem Börsengang
Der Vorstoß in den Finanzsektor ist Teil einer breiteren Strategie. Anthropic konkurriert zunehmend mit dem Rivalen OpenAI darum, seine Technologie in möglichst vielen Branchen zu etablieren. Beide Unternehmen bereiten sich auf einen Börsengang vor und sind auf der Suche nach stabilen Einnahmequellen. Anthropic hat nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 300.000 Unternehmenskunden.
Die Ambitionen des Unternehmens zeigen sich auch in seiner Bewertung: Laut Medienberichten prüft Anthropic eine neue Finanzierungsrunde, die das Unternehmen mit über 900 Milliarden US-Dollar bewerten könnte. Zudem hat Anthropic eine gemeinsame Unternehmung mit Blackstone, Hellman & Friedman sowie Goldman Sachs angekündigt, um seine Software in mehr Unternehmen zu bringen.
„Unsere Fähigkeit, diese Technologie zu kommerzialisieren, wird nicht durch die Leistungsfähigkeit der Modelle gebremst, sondern durch die Geschwindigkeit, mit der sie sich in der Welt verbreitet“, sagte Anthropic-CEO Dario Amodei.
Die Ankündigung hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Börse. Aktien von FactSet Research Systems fielen um bis zu 8,1 Prozent, Morningstar verlor mehr als 3 Prozent, und auch S&P Global sowie Moody’s gerieten unter Verkaufsdruck. Die Märkte interpretierten die neuen Agenten offenbar als direkte Konkurrenz zu etablierten Anbietern von Finanzdaten und Analysetools.
Perplexity zieht nach: „Computer for Professional Finance“
Auch Perplexity, bekannt als KI-gestützte Suchmaschine, drängt in den Finanzbereich. Das Unternehmen hat „Computer for Professional Finance“ angekündigt, ein Produkt, das sich ebenfalls etwa an Finanzanalysten richtet. Perplexity setzt dabei auf einen anderen Ansatz als Anthropic: Nutzer können ihre eigenen Lizenzen für Datenanbieter wie Morningstar, Pitchbook, Daloopa und Carbon Arc einbringen.
Das Angebot umfasst 35 vordefinierte Workflows, die typische Tagesaufgaben eines Analysten abbilden sollen. Damit positioniert sich Perplexity als flexibler Assistent, der bestehende Datenabonnements der Nutzer bündelt und in automatisierte Abläufe einbettet, anstatt ein geschlossenes Ökosystem mit eigenen Datenpartnern aufzubauen.
Zwei Ansätze, ein Ziel
Trotz unterschiedlicher Strategien verfolgen beide Unternehmen dasselbe Ziel: den Finanzsektor als lukrativen Markt für KI-Automatisierung zu erschließen. Anthropic setzt auf ein breites Partnernetzwerk, tiefe Integration in bestehende Bürosoftware und autonome Agenten für komplexe, mehrstündige Aufgaben. Perplexity hingegen betont die Flexibilität durch eigene Datenlizenzierung und einen workflow-orientierten Ansatz.
Für etablierte Anbieter von Finanzdaten und Analysetools könnte der Eintritt dieser KI-Unternehmen in den Markt langfristig Druck auf Geschäftsmodelle ausüben, die bislang auf dem exklusiven Zugang zu strukturierten Finanzdaten beruhen. Die Reaktion der Aktienmärkte auf Anthropics Ankündigung deutet darauf hin, dass Investoren dieses Risiko bereits einpreisen.


