Amazon stellt Großteil der eigenen KI-Modelle ein, fokussiert auf Infrastruktur
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Amazon baut seine KI-Strategie um. Der Konzern stellt einen Großteil seiner selbst entwickelten Nova-Modelle ein, ordnet Teams neu und konzentriert Entwickler:innen und knappe Rechenkapazitäten auf ein einzelnes Frontier-Projekt. Das berichten mehrere US-Medien unter Berufung auf Personen mit Einblick in die Vorgänge. Die Umbauten folgen auf eine Kündigungsrunde in der Artificial-General-Intelligence-Organisation (AGI) und die Schließung des AGI Lab – jener Forschungsgruppe, die Amazon 2024 aufgebaut hatte, nachdem es das Team hinter dem KI-Startup Adept übernommen hatte.
Nova im „Keep the lights on“-Modus
Konkret beginnt Amazon damit, die meisten seiner hauseigenen Flaggschiff-Modelle zu deprecaten: das High-End-Modell Nova Premier, das multimodale Omni-Modell, das Video-Modell Reel und das Bildmodell Canvas. Intern beschreiben Mitarbeiter:innen den Status dieser Modelle als „KTLO“ – kurz für „keep the lights on“. Der Begriff steht in der Softwareentwicklung für Systeme, die für bestehende Kund:innen weiter betrieben, aber nicht mehr aktiv weiterentwickelt werden.
Ein Amazon-Sprecher betonte gegenüber Business Insider, man unterstütze KI-Modelle traditionell über lange Zeiträume, weil Kund:innen darauf angewiesen seien, und halte an Investitionen in Frontier-Modelle fest. „KI-Modelle bleiben eines der wichtigsten Dinge, an denen wir arbeiten, und daran hat sich nichts geändert“, so der Sprecher. Man passe das Modellportfolio laufend an den Kundenbedarf an und stelle Migrationspfade bereit.
Ein kompletter Ausstieg aus der Marke ist es also nicht. Im verbleibenden Portfolio stehen weiterhin Nova 2 Sonic und Nova 2 Lite, dazu Nova Forge – ein Service, mit dem Kund:innen eigene Modelle bauen und anpassen können – sowie die Agenten-Technologie Nova Act. Auch das neue Flaggschiffmodell könnte am Ende unter dem Label Nova erscheinen.
Ein Lab weniger, ein Fokus mehr
Die AGI-Organisation war 2023 entstanden, um Foundation Models und Basistechnologien für Amazon-Produkte zu bauen. Geführt hat sie bis Dezember 2025 der langjährige Alexa-Manager Rohit Prasad. Zu ihr gehörte auch das im Dezember 2024 gegründete AGI Lab rund um Adept-Mitgründer David Luan, das an langfristiger Forschung arbeitete. Luan verließ Amazon im Februar, das Lab wurde im Zuge des jüngsten Umbaus geschlossen; der Standort San Francisco wird dichtgemacht.
Parallel dazu wurde innerhalb der AGI-Organisation die Gruppe Frontier Model Research (FMR) aufgebaut. Sie wird von Pieter Abbeel geleitet, dem UC-Berkeley-Professor, der über die Übernahme des Robotik-Startups Covariant zu Amazon kam. FMR gilt intern inzwischen als oberste Priorität, Ressourcen wandern von den bestehenden Nova-Modellen dorthin ab. Das dort entwickelte neue Foundation Model soll auf der Hauskonferenz re:Invent im Herbst debütieren.
Seit Dezember 2025 hängt die gesamte AGI-Organisation unter Senior Vice President Peter DeSantis, gemeinsam mit der Chip-Entwicklung und dem Quantencomputing-Bereich. DeSantis verfolgt laut den Berichten eine deutlich engere Strategie als sein Vorgänger: Wo Prasad mehrere Modellfamilien für Text, Bild und Video parallel betrieb, bündelt DeSantis Talent und Rechenleistung auf wenige Frontier-Projekte. Mitarbeiter:innen berichten von wenig Orientierung über die langfristige Zukunft von Nova. Die Kündigungen kamen für viele überraschend – Frontier-Forscher:innen galten als besonders begehrte Talente, die AGI-Einheit arbeitete mit eigenen Karrierestufen und Vergütungssystemen, um im Wettbewerb um KI-Personal mithalten zu können.
Die andere Hälfte der Rechnung: OpenAI auf Bedrock
Während Amazon eigene Modelle zurückfährt, öffnet es seine Cloud für die Konkurrenz. Im November 2025 hatten AWS und OpenAI eine mehrjährige strategische Partnerschaft im Volumen von 38 Mrd. US-Dollar bekanntgegeben: OpenAI führt KI-Workloads auf Amazon EC2 UltraServers mit hunderttausenden NVIDIA-GPUs (GB200 und GB300) aus, skalierbar auf Dutzende Millionen CPUs. Die volle Kapazität soll bis Ende 2026 bereitstehen, mit Option auf Ausbau bis 2027 und darüber hinaus.
Im April 2026 folgte die Produktebene. AWS und OpenAI kündigten drei Angebote auf Amazon Bedrock an – zunächst in begrenzter Vorschau: OpenAI-Modelle inklusive des Frontier-Modells GPT-5.5, der Coding-Agent Codex sowie Amazon Bedrock Managed Agents, powered by OpenAI. Kund:innen authentifizieren sich mit AWS-Credentials, die Inferenz läuft über Bedrock, und die Nutzung kann auf bestehende AWS-Cloud-Verpflichtungen angerechnet werden. Codex ist über CLI, Desktop-App und VS-Code-Erweiterung angebunden; nach OpenAI-Angaben nutzen mehr als vier Millionen Menschen den Coding-Agenten wöchentlich. Im Juni wurden GPT-5.5, GPT-5.4 und Codex allgemein verfügbar, im Juli folgte die GPT-5.6-Familie.
Für Amazon heißt das: Die Modelle, mit denen Enterprise-Kund:innen tatsächlich bauen wollen, laufen künftig innerhalb der AWS-Perimeter aus IAM, PrivateLink, Guardrails und CloudTrail – unabhängig davon, wer sie trainiert hat.
Und Anthropic: 100 Mrd. Dollar Cloud-Zusage
Noch enger ist die Verzahnung mit Anthropic. Am 20. April 2026 gaben beide Unternehmen eine erweiterte Partnerschaft bekannt: Amazon investiert weitere 5 Mrd. US-Dollar und stellt bis zu 20 Mrd. US-Dollar an meilensteingebundenem Kapital in Aussicht. Kumuliert liegt Amazons Anthropic-Investment damit bei rund 13 Mrd. US-Dollar. Im Gegenzug verpflichtet sich Anthropic, über zehn Jahre mehr als 100 Mrd. US-Dollar für AWS-Technologien auszugeben und sich bis zu 5 Gigawatt an Trainium-Kapazität zu sichern.
Grundlage ist Project Rainier, der gemeinsam betriebene Trainium-Cluster, der seit Oktober 2025 vollständig in Betrieb ist. Anthropic nutzt dort nach eigenen Angaben über eine Million Trainium2-Chips für Training und Betrieb von Claude; bis Ende 2026 soll knapp 1 GW an Trainium2- und Trainium3-Kapazität online sein. Über 100.000 Kund:innen betreiben Claude-Modelle auf AWS, womit Claude zu den meistgenutzten Modellfamilien auf Bedrock zählt. Anthropic arbeitet zudem direkt mit Amazons Chip-Tochter Annapurna Labs an der Auslegung künftiger Trainium-Generationen.
Was das Bild ergibt
In Summe zeichnet sich eine Arbeitsteilung ab, die Amazon nie explizit so formuliert hat: Der Konzern reduziert den Anspruch, selbst das beste Modell zu bauen, und maximiert stattdessen seine Position als Infrastruktur- und Vertriebsschicht – über Bedrock als Modell-Marktplatz, über eigenes Silizium und über Beteiligungen an jenen Labs, die die Modelle liefern.
Ob das ein Rückzug oder eine Fokussierung ist, hängt vom Blickwinkel ab. Amazon selbst spricht von Konzentration auf das, was für Kund:innen zählt, und verweist auf das für re:Invent angekündigte neue Foundation Model. Fest steht: Vor zwei Jahren hatte CEO Andy Jassy die AGI-Einheit persönlich als jenes Team positioniert, das Amazons ambitionierteste Modelle bauen sollte; auf der re:Invent im Vorjahr präsentierte AWS Nova Omni 2 noch als multimodales Flaggschiff. Keine drei Jahre später wird ein Teil dieser Linie abgewickelt.
Mehr Klarheit dürften die Q2-Zahlen bringen, die Amazon am 30. Juli vorlegt – inklusive Aufschluss darüber, wie sich die für 2026 geplanten Investitionen in der Größenordnung von 200 Mrd. US-Dollar und die KI-Nachfrage entwickeln.

