Urkainekrieg

Russland erlässt Haftbefehl gegen Telegram-Gründer Pavel Durov

Telegram-CEO Pavel Durov. © P.Durov / Instagram
Telegram-CEO Pavel Durov. © P.Durov / Instagram

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat den Telegram-Gründer Pavel Durov wegen „Beihilfe zu terroristischer Tätigkeit“ angeklagt und international zur Fahndung ausgeschrieben. Der Fall markiert den vorläufigen Höhepunkt eines seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen Moskau und dem meistgenutzten Messenger des Landes – der zugleich eine zentrale Rolle im Krieg gegen die Ukraine spielt.

Der Föderale Sicherheitsdienst FSB hat am Mittwoch mitgeteilt, dass gegen Pavel Durov, den Gründer und Chef des Messengers Telegram, ein Strafverfahren nach Teil 1.1 des Artikels 205.1 des russischen Strafgesetzbuchs eingeleitet wurde. Der Paragraf stellt Beihilfe zu terroristischer Tätigkeit unter Strafe. Zugleich wurde Durov laut FSB auf die internationale Fahndungsliste gesetzt. Über die Mitteilung berichteten zunächst die Agentur Interfax sowie Reuters und Bloomberg. Bei einer Verurteilung droht in Russland eine Höchststrafe von lebenslanger Haft.

Der Vorwurf

Der FSB begründet die Anklage damit, dass die Telegram-Administration „zahlreiche Kanäle, Chats und Bots“ nicht entferne, die nach Darstellung des Geheimdienstes von ukrainischen Spezialdiensten sowie von terroristischen und extremistischen Organisationen genutzt würden, um Sabotage- und Terroranschläge, Tötungsdelikte und Cyberbetrug in Russland vorzubereiten und zu koordinieren. Dabei sei es zu zahlreichen Todesopfern – laut FSB auch unter Frauen und Kindern – sowie zu Sachschäden in Milliardenhöhe gekommen.

Diese Angaben stammen ausschließlich vom russischen Geheimdienst und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Telegram und Durov haben sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Bereits Ende Februar 2026 hatte Durov öffentlich gemacht, dass in Russland ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft; er warf den Behörden damals vor, Vorwände zu konstruieren, um den Zugang zu Telegram einzuschränken und „das Recht auf Privatsphäre und freie Meinungsäußerung zu unterdrücken“.

Vom VKontakte-Gründer zum Unternehmer in Dubai

Durov, heute 41 Jahre alt, ist gebürtiger Russe. In St. Petersburg baute er ab 2006 mit VKontakte das russische Pendant zu Facebook auf, das bis heute zu den größten sozialen Netzwerken des Landes zählt. 2014 verkaufte er unter dem Druck der russischen Behörden seine verbliebenen Anteile und verließ das Land – Auslöser waren nach seiner Darstellung Forderungen der Sicherheitsbehörden nach Nutzerdaten, unter anderem zu ukrainischen Protestgruppen.

Den 2013 gemeinsam mit seinem Bruder Nikolai gegründeten Messenger Telegram führt Durov seither aus dem Ausland. Firmensitz ist laut eigenen Angaben Dubai, wo Durov auch lebt. Er hält heute die Staatsbürgerschaften der Vereinigten Arabischen Emirate und Frankreichs. Telegram kommt nach Unternehmensangaben auf mehr als eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer.

Telegram im Ukraine-Krieg

Telegram ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 zu einer Schlüsselinfrastruktur des Krieges geworden – auf beiden Seiten. In der Ukraine zählt die App zu den wichtigsten Nachrichtenquellen überhaupt: Behörden, Militär und Präsident Wolodymyr Selenskyj kommunizieren über eigene Kanäle, Luftalarm-Kanäle warnen regional vor Drohnen- und Raketenangriffen, Freiwilligenorganisationen sammeln dort Spenden für Drohnen und Ausrüstung.

Auf russischer Seite dominieren die sogenannten Z-Blogger oder Milblogger die Plattform: Kriegsberichterstatter und Militärkommentatoren mit teils Millionenreichweite, die den Krieg unterstützen, dabei aber auch offene Kritik an der Militärführung äußern. Zugleich verbreitet der russische Staat über Telegram-Kanäle massiv Propaganda. Berichten zufolge nutzten russische Einheiten den Messenger auch zur Koordination an der Front – im März 2026 berichteten Militärblogger, die Führung habe Soldaten die Deinstallation der App angeordnet, nachdem der FSB Telegram als Sicherheitsrisiko eingestuft hatte.

Genau diese Doppelrolle steht im Zentrum der russischen Anklage. Der FSB verwies am Mittwoch parallel auf einen Fall, in dem 46 Russinnen und Russen festgenommen worden sein sollen, die nach Behördenangaben über einen Dating-Chatbot auf Telegram von ukrainischer Seite angeworben worden seien.

Drosselung, Millionenstrafen und der Staats-Messenger MAX

Der Haftbefehl ist der jüngste Schritt einer längeren Eskalation. Seit August 2025 schränkt die Medienaufsicht Roskomnadzor den Betrieb von Telegram in Russland ein; im Februar 2026 wurden die Restriktionen verschärft, mit der Begründung, das Unternehmen halte sich nicht an russisches Recht. Allein seit Jahresbeginn wurden gegen Telegram nach Angaben von Strafverfolgungsbehörden Bußgelder von mehr als 100 Millionen Rubel (rund 1,3 Millionen Dollar) verhängt, überwiegend wegen nicht gelöschter Inhalte.

Parallel bewirbt der Staat den eigenen, unverschlüsselten Messenger MAX. Telegram wirft den russischen Behörden vor, mit vorgeschobenen Begründungen das Geschäft zu beschädigen, um dem staatlichen Konkurrenten den Weg zu ebnen. FSB-Chef Alexander Bortnikow hatte Durov im Februar vorgeworfen, aus Eigennutz zu handeln und Straftaten auf der Plattform zu dulden. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte zuletzt am Montag, es gebe Kontakte über eine Wiederherstellung von Telegram, die Vertreter des Messengers seien dabei aber wenig aktiv.

Praktische Wirkung ungewiss

Unabhängig davon läuft gegen Durov seit August 2024 ein Verfahren in Frankreich. Er war am Flughafen Paris-Le Bourget festgenommen und anschließend in zwölf Punkten beschuldigt worden – der Kern des Vorwurfs: Telegram gehe nicht ausreichend gegen kriminelle Aktivitäten auf der Plattform vor und kooperiere zu wenig mit den Behörden. Durov weist die Vorwürfe zurück und nannte die Festnahme „juristisch und logisch absurd“. Seit Juni 2025 darf er unter Auflagen nach Dubai reisen.

Wie viel der internationale Fahndungsaufruf praktisch bedeutet, ist offen. Durov lebt in den Vereinigten Arabischen Emiraten und besitzt neben dem emiratischen auch einen französischen Pass; westliche Staaten setzen russische Fahndungsersuchen in politisch aufgeladenen Fällen in der Regel nicht um. Allerdings gibt es ein Auslieferungsabkommen zwischen Russland und den VAE, wo Telegram den Firmensitz hat.

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