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„Tech-Unternehmen vergessen oft, dass Investorengeld nicht gratis ist“

Matthias Köckeis, Leiter KMU für Gesundheit, Technologie & Tourismus in der Raiffeisen Stadtbank Wien, und Stefan Köppl, Managing Partner beim Samira Advisors. © Trending Topics
Matthias Köckeis, Leiter KMU für Gesundheit, Technologie & Tourismus in der Raiffeisen Stadtbank Wien, und Stefan Köppl, Managing Partner beim Samira Advisors. © Trending Topics

Das österreichische Tech-Ökosystem ist erwachsen geworden – alleine in den vergangenen Monaten gab es beispielsweise mit Tractive und Emmi AI Exits im dreistelligen Millionenbereich. Scale-ups werden deswegen für Banken immer interessanter, und umgekehrt.

Im Doppel-Interview erklären Matthias Köckeis, Leiter des Kompetenzzentrums KMU für Gesundheit, Technologie & Tourismus in der Raiffeisen Stadtbank Wien, und Stefan Köppl, Managing Partner beim M&A-Berater Samira Advisors, warum sich Banken und Startups immer näherkommen, wie Akquisitions-Finanzierung funktioniert – und warum Equity oft die teuerste Finanzierungsform ist.

Warum widmen sich Banken heute verstärkt Startups, Scale-ups und dem Tech-Sektor?

Stefan Köppl: Weil das Tech-Ökosystem in Österreich erwachsen geworden ist. Bis vor einigen Jahren haben wir über Early-Stage-Finanzierungsrunden geredet, jetzt über Exits für mehrere hundert Millionen – siehe Tractive, siehe Emmi AI. Technologiefirmen haben sich als der Wachstumstreiber schlechthin für unsere Volkswirtschaft bewiesen.

Viele sind vom Hypergrowth-Modus zu profitablen, stabil wachsenden Firmen gereift – mit Finanzierungsbedarf, der sie für Banken interessant macht. Gleichzeitig haben Tech-Szene und Banken lange gefremdelt: Die Banken verstanden die Old Economy, aber nicht die Tech-Geschäftsmodelle – und umgekehrt. Dieser Gap schließt sich gerade.

Wie reagiert die Raiffeisen Stadtbank Wien auf die besonderen Bedürfnisse von Tech-Unternehmen?

Matthias Köckeis: Die Wachstumsdynamik im Technologiesektor ist so groß, da wollen wir dabei sein. Weil Tech-Geschäftsmodelle meist anders funktionieren als traditionelle, haben wir uns spezialisiert: mit einer eigenen Abteilung für diese Kunden. Wir investieren in die Ausbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und wir wenden Tools wie das Business Model Canvas an, um Geschäftsmodelle und die Potenziale schneller zu verstehen und analysieren zu können.

Matthias Köckeis, Leiter KMU für Gesundheit, Technologie & Tourismus in der Raiffeisen Stadtbank Wien. © Trending Topics
Matthias Köckeis, Leiter KMU für Gesundheit, Technologie & Tourismus in der Raiffeisen Stadtbank Wien. © Trending Topics

Was unterscheidet Tech-Geschäftsmodelle von der Old Economy?

Köckeis: Die Old Economy ist anlagenintensiv – Banken finanzieren vor allem Investitionen in Produktionskapazitäten. In der New Economy geht es meist ums Vorfinanzieren von beispielsweise Personalkosten, Lizenzen, Investitionen in die IT-Infrastruktur oder Akquisitionen. New Economy ist stark skalierbar und sehr übernahmefreudig: Wer gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine gute Idee hat, wird schnell selbst zum Übernahmeziel.

Wie unterstützen Banken Tech-Unternehmen ganz konkret?

Köckeis: Erstens mit klassischer Unternehmensfinanzierung plus Förderberatung. Unsere Consultants filtern die besten Förder- und Haftungsmöglichkeiten heraus und begleiten den Weg. Zweitens mit Akquisitions-Finanzierungen, beispielsweise auch bei der Expansion ins Ausland. Es gibt viel Innovation in Österreich, die so weitere Absatzwege im Ausland suchen.

Wie funktioniert Akquisitionsfinanzierung grundsätzlich?

Köckeis: Sie ist etwas für etablierte Unternehmen, die eine andere Firma übernehmen wollen. Nach dem Bewertungsprozess – das EBITDA ist hier zentral – gibt es zwei Wege: die Corporate Akquisition, bei der die Übernahme aus dem konsolidierten Cashflow beider Unternehmen gezahlt wird, oder den spekulativeren Leverage Buy-out über eine eigens gegründete Akquisitionsgesellschaft.

Köppl: Hier haben Tech-Firmen einen Vorteil: Wiederkehrende Umsätze mit geringem Churn machen die Rückzahlung für Banken sehr planbar.

Köckeis: Durch eine Übernahme ergeben sich oft auch Synergieeffekte. Wer in der Branche zukauft, übernimmt meist Know-how, qualifiziertes Personal und ein bestehendes Netzwerk. So fällt der Markteintritt deutlich leichter.

Welche Finanzierungsformen sind neben klassischen Krediten noch hervorzuheben?

Köckeis: Beispielsweise aws-Garantien, bei denen neu eingebrachtes Eigenkapital durch einen Bankkredit in gleicher Höhe „gehebelt“ wird. Das ist somit eine gut besicherte Finanzierungsform für Wachstum – interessant für alle Unternehmen, bei denen ein Eigenkapitalinvestment bevorsteht. Oder erleichtert die Finanzierung, wenn österreichische Unternehmen direkt im Ausland investieren.

Zum Finanzierungsmix: Wie ändert sich das Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital?

Köckeis: Für eine Bankfinanzierung braucht es immer die Darstellung der Leistbarkeit: In der Planrechnung muss erkennbar sein, dass der Kredit rückführbar ist. Anders als beim Investor, der sein Geld nicht sofort zurückverlangt. Dazwischen liegt Mezzanin-Kapital als Mischung aus Finanzierung und Eigenkapital.

Köppl: Viele Gründerinnen und Gründer fanden den Bankkredit unattraktiv – weil man ihn inklusive Zinsen zurückzahlen muss. Was sie unterschätzen: Die teuerste Finanzierungsform für eine erfolgreiche Firma ist es, Equity abzugeben. Gründerinnen und Gründer vergessen am Anfang oft, dass Investorengeld nicht gratis ist. Beim Exit bleibt dann für einen selbst weniger übrig. Die Kunst ist aber, dass es kein Entweder-oder sein muss: Am Anfang braucht es Eigenkapital, später gehört Fremdkapital vernünftigerweise in den Mix. Dieses Zusammenspiel gab es lange nicht.

Stefan Köppl, Managing Partner beim Samira Advisors. © Trending Topics
Stefan Köppl, Managing Partner beim Samira Advisors. © Trending Topics

Warum haben Banken und Startups früher so gefremdelt?

Köppl: Banken haben auf besicherbare Assets geschaut – die es bei Startups anfangs nicht gibt. Und die Geschäftsmodelle waren unbekannt: Beim Zinshaus im ersten Bezirk kann man sich ausrechnen, was hereinkommt. Ob ein Tech-Geschäftsmodell je funktioniert, wusste niemand. Beide Seiten wollten zusammenarbeiten, haben aber nicht dieselbe Sprache gesprochen. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert.

Köckeis: Auch öffentliche Förder- und Finanzierungspartner spezialisieren sich immer stärker auf Tech-Unternehmen. Diese Aufbruchsstimmung erleichtert uns die Zusammenarbeit.

2026 ist bis dato ein Erfolgsjahr für die österreichische Startup-Branche. Wie geht es weiter?

Köppl: Vor allem auf der Exit-Seite werden wir noch einiges erleben. Aktuell sind viele Deals in der Pipeline, gerade im zweistelligen Millionen-Segment. Die Szene muss lernen, dass auch das riesengroße Erfolge sind. Es muss nicht immer das Unicorn sein: Eine Firma, die wenig Geld eingesammelt hat oder ohne Investorengelder ausgekommen ist, kann für die Gründer oft lukrativer sein als so mancher vermeintlich großer Exit.

Muss man Financial Literacy bei Gründerinnen und Gründern noch fördern?

Köckeis: Auf jeden Fall, das sehen wir bei Raiffeisen Stadtbank Wien als einen wesentlichen Auftrag in unserer Beratung. Oft wissen Unternehmerinnen und Unternehmer nicht, welche Möglichkeiten sie haben oder wie sie sich gegen Risiken gut absichern können. Wir geben hier Orientierung! Zusätzlich bieten wir im Rahmen unserer Veranstaltungen eine wichtige Plattform zum Vernetzen.

Köppl: Ein blinder Fleck vieler Gründerinnen und Gründer ist die Akquisitionsfinanzierung. Kaum jemandem war bewusst, dass man damit zur Bank gehen kann. Wenn sie draufkommen, heißt es: „Es gibt so viele spannende Targets – warum hat mir das keiner gesagt?“ Das sind strategische Optionen, die großteils ungenutzt herumliegen.

Stichwort M&A und Exits: Wie hat sich das Thema entwickelt?

Köppl: Heute sind viele Firmen, in die in den letzten 10, 15 Jahren investiert wurde bzw. die in dieser Zeit gegründet wurden, exit-ready. Dazu kommt europaweit die erste Generation an Nachfolgesituationen im Tech-Sektor. Und man hat gelernt: M&A ist ein integraler Bestandteil im Lebenszyklus einer Technologiefirma. Bis vor ein paar Jahren kannte jeder Founder nur Investment Terms – inzwischen lernt jeder, worauf es bei einem Exit ankommt.

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