„Harvest Now, Decrypt Later“: Warum Europas Satelliten jetzt Quanten-sicher werden müssen
Noch nie hat Europa so viele Satelliten ins All geschickt wie heute. Sie bilden die Grundlage für 5G‑Netze, Navigation und globale Kommunikation. Wer heute einen Satelliten baut, muss aber in Jahrzehnten denken, denn Satelliten sind meist zehn bis zwanzig Jahre im Orbit. Somit auch das Verschlüsselungssystem, das vor Angriffen schützt. Und das ist kritisch, denn staatliche und kriminelle Akteure fangen verschlüsselte Satellitendaten bereits heute ab und speichern sie, um sie später mithilfe von Quantencomputern zu entschlüsseln. Diese Strategie hat einen Namen: „Harvest Now, Decrypt Later“. Damit wird Satellitenkommunikation zu einer strategischen Sicherheitsfrage, deren Folgen erst Jahre später sichtbar werden.
Warum Satelliten besonders verwundbar sind
Klassische Verschlüsselung beruht auf mathematischen Problemen, die für heutige Computer praktisch unlösbar sind. Quantencomputer könnten das ändern, denn sie können bestimmte Berechnungen exponentiell schneller durchführen. Experten wie das Global Risk Institute rechnen damit, dass leistungsfähige Quantencomputer innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren gängige Verschlüsselung knacken könnten.
Für Systeme auf der Erde wäre das zwar problematisch, aber beherrschbar, denn Software lässt sich aktualisieren. Bei Satelliten ist die Lage grundlegend anders. Ihre lange Einsatzdauer macht nachträgliche Sicherheitsanpassungen praktisch unmöglich und erhöht das Risiko langfristiger Kompromittierung erheblich.
Wer Quantenresilienz nicht von Anfang an einbaut, hat sie schlichtweg nicht und riskiert damit die Integrität seiner Systeme. Das bedeutet: Die heute getroffenen Entscheidungen haben Konsequenzen, die weit über 2030 hinausreichen.
Was auf dem Spiel steht
Wird die Verschlüsselung eines Satelliten geknackt, können Angreifer die Kommunikation mitlesen. Das betrifft nicht nur militärische oder staatliche Daten, sondern auch Unternehmenskommunikation, Mobilfunknetze und Flugzeug-WLAN. Aber es bleibt nicht dabei. Angreifer können auch Daten manipulieren, falsche Informationen einspeisen oder Steuerbefehle verfälschen. Solche Eingriffe bleiben oft unbemerkt und ermöglichen es, über einen längeren Zeitraum Einfluss auf Kommunikations- und Steuerungsprozesse auszuüben. Im schlimmsten Fall übernehmen sie die Kontrolle über den Satelliten selbst, was zu Fehlfunktionen, gezielten Abschaltungen oder dauerhafter Unbrauchbarkeit führen kann. Da Satelliten nicht einfach repariert oder ersetzt werden können, sind solche Angriffe oft endgültig. Was dabei oft unterschätzt wird: Schon der Verdacht, dass Navigations- oder Zeitsignale manipuliert sein könnten, genügt, um Systeme vorsorglich abzuschalten. Satelliten sind zentrale Knotenpunkte der globalen Infrastruktur. Werden ihre Signale gestört, können Kaskadeneffekte auf der Erde auftreten, etwa in der Energieversorgung, der Verkehrssteuerung oder der Notfallkommunikation.
Wie werden Satelliten quantenresilient?
Dank der Fortschritte in der Verschlüsselung müssen wir jedoch nicht warten, bis unsere Satelliten resilient sind. Zwei Ansätze sind heute einsatzbereit.
Post-Quantum-Kryptographie (PQC) setzt auf mathematische Probleme, die auch Quantencomputer nicht effizient lösen können. Sie lässt sich in bestehende Systeme integrieren und bietet sofortigen Schutz. Allerdings ist das bei Satelliten, die bereits im All sind, nicht möglich. Außerdem bleiben Angriffe bei dieser Art der Verschlüsselung weiterhin unbemerkt. Auch wenn die Verschlüsselung heute als sicher gilt, können Angreifer Daten bereits sammeln und darauf warten, dass sie in Zukunft lesbar werden.
Quantum Key Distribution (QKD) geht einen Schritt weiter: Schlüssel werden über Lichtteilchen übertragen, und jeder Abhörversuch verändert den Zustand dieser Teilchen. Somit wird ein Angriff sofort erkennbar und es kann entsprechend gehandelt werden.
In der Praxis werden beide Ansätze häufig gemeinsam eingesetzt. PQC übernimmt die Verschlüsselung der Daten, während QKD sicherstellt, dass die dafür verwendeten Schlüssel nicht unbemerkt abgefangen werden.
Wo steht Europa im internationalen Wettbewerb?
Europa hat das Risiko erkannt und will bis 2030 an der Spitze der Quantenkapazitäten stehen. So steht es im Digital Compass der EU. Aber erkennen und handeln sind zwei verschiedene Dinge.
China führt schon länger bei der satellitengestützten Quantenkommunikation. Das haben sie bereits 2016 mit dem Micius‑Satelliten und 2024 mit dem Microsatelliten Jinan‑1, der eine Quantenverbindung über 12.900 Kilometer herstellte, demonstriert.
Die USA verfolgen einen anderen Ansatz und setzen primär auf Post‑Quanten‑Kryptographie statt auf QKD‑Satelliten. Boeing plant zwar für 2026 einen ersten Quantensatelliten, allerdings als Forschungsprojekt und nicht als Teil einer operativen Infrastruktur.
Europa versucht derzeit zwei Ansätze parallel zu verfolgen: die Einführung von Post‑Quanten‑Kryptographie in bestehenden Netzen und den Aufbau eigener QKD‑Infrastruktur im All. Letzteres zeigt sich besonders deutlich im Raumfahrtbereich. Mit EAGLE‑1 entwickelt die ESA den ersten europäischen QKD‑Satelliten, dessen Start jedoch von 2024 auf 2026/2027 verschoben wurde. Deutschland hat im August 2024 mit QUBE erstmals einen Minisatelliten mit QKD‑Technologie ins All geschickt. In Wien arbeitet zudem qtlabs, ein Unternehmen aus dem Umfeld des Nobelpreisträgers Anton Zeilinger, daran, satellitengestützte Quantenkommunikation mit österreichischer Technologie zur Marktreife zu bringen.
Das sind wichtige Signale. Doch ein Forschungssatellit ist noch keine Infrastruktur. Und eine Infrastruktur ohne verbindliche Standards ist noch keine Sicherheit. Europa verfügt über die Technologien und das Wissen. Was noch aussteht, ist der Schritt von einzelnen Projekten hin zu einer einheitlichen europäischen Sicherheitsstrategie.
Notwendige Schritte
Technologie allein reicht nicht. Quantenresilienz schützt nur dann, wenn sie auch verpflichtend eingesetzt wird. Europa hat bislang keine verbindlichen Standards, die Satellitenkommunikation explizit adressieren. Das muss sich ändern.
Erstens braucht Europa verbindliche Mindestanforderungen für neue Satellitenmissionen. Jeder Satellit, der ab 2026 mit EU-Mitteln startet, sollte quantensichere Verschlüsselung nicht nur als optionales Feature verwenden, sondern als Voraussetzung erfüllen müssen. Vergleichbare Vorgaben gibt es längst für Bodensysteme.
Zweitens braucht Europa eine koordinierte Infrastruktur, in der Technologien unter realen Bedingungen erprobt und zertifiziert werden können. EAGLE-1 ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ein Satellit allein reicht nicht, solange Mitgliedstaaten, Raumfahrtunternehmen und Industrie ohne gemeinsame Standards agieren. Genau diese Koordination, die fehlenden Standards und die Frage, wer letztlich die Verantwortung trägt, sind die Hürden, über die wir bei der CYSAT 2026 sprechen müssen. Was gebraucht wird, ist kein weiteres Einzelprojekt, sondern eine abgestimmte europäische Strategie.
Die Technologien sind da, das Wissen ist da, und das Bewusstsein über die Risiken wächst. Eine gemeinsame Strategie muss nun dafür sorgen, dass Entscheidungen von heute nicht zu unumkehrbaren Risiken von morgen werden.
Patrick Trinkler ist Gründer der CYSAT, der größten europäischen Konferenz für Raumfahrtsicherheit. Die CYSAT 2026 findet am 20. und 21. Mai in Paris, Station F, statt.
