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Christoph Wiederkehr im AI Talk: „Zuerst ohne KI, dann über KI und dann mit KI lernen“

Christoph Wiederkehr ist seit Anfang 2025 Bundesminister für Bildung – und hat jetzt eine der größten Lehrplanreformen der letzten Jahrzehnte angestoßen: KI wird zum Unterrichtsfach, Latein schrumpft, Medienkompetenz rückt ins Zentrum. Gleichzeitig soll ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige kommen.

Im AI Talk sprechen Jakob Steinschaden, Mitgründer von newsrooms und Trending Topics, und Clemens Wasner, CEO von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria mit dem Minister darüber, warum Wissenshausaufgaben obsolet geworden sind, wieso österreichische Schulbücher längst in ChatGPT stecken – und weshalb er trotzdem findet, dass Schüler zuerst ohne KI lernen müssen.

Clemens Wasner: Sie waren in Wien Bildungsstadtrat, und zwar genau in der Phase, als ChatGPT Ende 2022 durchgestartet ist. Zu Beginn von Covid war Machine Learning noch ein sperriges Thema, hauptsächlich in der Industrie und Forschung verankert. Dann kamen schlagartig jede Woche zig Millionen User dazu. Wie haben Sie das Thema KI im Bildungsbereich in dieser Phase erlebt?

Christoph Wiederkehr: Mich hat das sehr intensiv beschäftigt, generell das Thema digitale Infrastruktur und Digitalisierung an den Schulen. Als ich in Wien ins Amt gekommen bin, war mitten in der Corona-Pandemie – das hat viel Negatives gebracht, war aber auch ein Boost für die Digitalisierung in den Schulen. Wir haben in dieser Phase wirklich viel an Geschwindigkeit aufnehmen können. Und ja, die nächste große Entwicklung war dann natürlich künstliche Intelligenz und die Fragestellung: Wie gehen wir mit der KI im Bildungssystem um? Für mich war von Beginn an klar, das wird disruptiv unsere Art des Lernens verändern.

Aber wie genau, war dann am Anfang noch nicht wirklich gewusst. Und es ist auch immer noch etwas schwammig, aber wir haben natürlich jetzt schon etwas mehr Klarheit, wie wir über die KI lernen müssen in den Schulen, um dann mit der KI unser Lernen auch zu optimieren. Seitdem beschäftigt mich dieses Thema täglich, nicht nur in meiner politischen Funktion, sondern auch privat, weil ich persönlich davon überzeugt bin: Das wird die größte technologische Disruption, die die Menschheit je hatte. Warum? Weil sich in so kurzer Zeit so viel verändern wird.

Jakob Steinschaden: Wo sehen Sie die große Disruption im Bildungswesen durch KI aktuell am intensivsten?

Wiederkehr: Ich sehe als gutes Beispiel die Hausübungen. Als KI eingeführt worden ist, war in der Schule in vielen Ländern die Diskussion: Soll man KI verbieten, weil damit kann man ja die Hausübungen machen? War ein eher naiver Gedanke. Dann war der Gedanke, man könne ja KI mit KI kontrollieren, ob etwas menschlich oder von KI gemacht war. Das zeigt, wie absurd diese Annahmen waren – es bringt nichts, wenn Schüler mit KI eine Hausübung machen und Lehrkräfte dann mit KI kontrollieren, ob KI involviert war. Dieses kleine Beispiel zeigt, dass wir die Schule dann anders denken müssen.

Und nicht nur zum Negativen: Klassische Wissenshausaufgaben sind obsolet geworden, bringen nichts mehr. Wir müssen Wissen anders abfragen und anders kontextualisieren. Für Wissenstestungen werden mündliche Prüfungen wichtiger, wird Mitarbeit wichtiger – selber denken, selber etwas produzieren und nicht nur das Wiedergeben von Wissen. Da haben wir eine Transformation, die auch viele Chancen bietet. Und wo sich Lernen massiv noch verändern wird – da sind wir aber erst am Beginn –, das sind persönlich unterstützte KI-Tutoren. Ich glaube, es wird eine Mischung sein aus Interaktion mit einer Lehrkraft und Interaktion mit einem KI-Agenten, einem KI-Tutor, um so das Lernen zu individualisieren und zu personalisieren.

J. Steinschaden: Sie haben kürzlich angekündigt, dass KI und Informatik in der Oberstufe zusammengeführt werden. Welche Ziele werden damit verfolgt?

Wir erweitern im Gymnasium in der Oberstufe Informatik und künstliche Intelligenz. In diesem Fach soll aus informatischer Sichtweise die KI erklärt werden – die informatischen Zusammenhänge, um KI-Literacy zu fördern. Die Anwendung von KI wird in allen Fächern notwendig sein. Das ist auch kein Entweder-oder, und wir isolieren KI jetzt nicht auf ein Fach. Aber die Informatiklehrkräfte werden die Aufgabe haben, die Basis zu bilden an Wissen über die KI, um sie kontextualisieren zu können. Zum Beispiel zu verstehen: Warum halluziniert die KI manchmal? Woher kommt das? Man muss es technisch verstehen, um es dann sinnvoll anwenden zu können. Also wir bauen eine fachliche Basis – das Lernen über KI in dem Fach –, um dann mit der KI in allen Fächern gut umgehen und lernen zu können.

C. Wasner: Das klingt nach einer Grundfähigkeit, auf der die anderen Fächer aufbauen. Gleichzeitig fällt auf, dass der klassische Informatikunterricht – Ordnerstrukturen, SharePoint-Uploads – für kommende Generationen kaum noch relevant ist. Sehen Sie das ähnlich?

Absolut, und es hat sich wirklich viel verändert. Es war ja noch vor fünf, sechs Jahren die Mehrheitsmeinung, man solle unbedingt eine Programmiersprache lernen. Ich glaube, dass das im Gymnasium nicht notwendig ist – aber man sollte die Mechanismen dahinter verstehen. Man soll die Technik und die Technologie verstehen und nachvollziehen können. Wirkliche Basics: Wie funktioniert ein Computer, wie kommt er zu seinen Ergebnissen, wie funktioniert das Internet, was ist die KI? Aber auch natürlich Sachen, die für das persönliche Leben wichtig sind – Cybersecurity beispielsweise, eigener Passwortschutz, Datenschutzthemen. Themen, die einem im Leben einfach begegnen werden.

C. Wasner: 97 Prozent der Jugendlichen nutzen bereits KI. Reicht das Anwenden-Können nicht aus?

Es verwendet zwar fast jeder Jugendliche KI, aber die wirkliche Kompetenz in diesem Bereich ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nur anwenden zu können heißt noch nicht, dass ich es verstehe oder kritisch hinterfragen kann. Und wenn man sich anschaut, was die Jugendlichen alles mit der KI machen, ist es einfach wichtig, hier zu bilden. Die meiste Nutzung von Kindern betrifft tatsächlich Fragen zu persönlichen Beziehungen und psychologischen Problemen. Und da eine Information mitzugeben – wie kommt die KI zu den Ergebnissen, und man soll kritisch draufschauen, welche Antworten kommen –, ist so wichtig.

C. Wasner: Das Thema reflektierte Nutzung: Viele Schüler verwenden Large Language Models wie eine Google-Suche – ohne Kontext mitzugeben, etwa ihr Alter oder ihre Schulstufe. Erst mit diesem Kontext liefert ein LLM altersgerechte Ergebnisse. Ist dieses Bewusstsein schon durchgedrungen?

Gutes Beispiel. Wie gebe ich was ein? Und was kommt dann heraus? Und wie hinterfrage ich das, was herauskommt? Das ist alles eine Plausibilitätsannahme und -fragestellung. Aber auch das muss man mal fundiert durchgedacht haben, um das kritisch analysieren zu können. Und natürlich Quellen-Check, Quellenkunde bei heiklen Fragestellungen – wie kann ich checken, ob das, was die KI ausgespuckt hat, auch für meinen Kontext passt?

C. Wasner: Die Quellenlage für eine Lehrplanreform in diesem Bereich ist dünn – wenig Langzeitstudien, viele internationale Feldversuche. Wie sind Sie bei der Erarbeitung vorgegangen?

Es war eigentlich relativ klar, wenn man von dem weggeht, was notwendig ist, und auch von europäischen Vergleichen. Es gibt seit vielen Jahren die Empfehlung der Europäischen Kommission, informatische Fähigkeiten in allen Schulformen zu stärken. Warum? Weil Informatik in unserer Gesellschaft wichtiger wird – für die persönliche Entwicklung, aber genauso für den Wirtschaftsstandort, und das geht Hand in Hand. Drum war klar: Wir müssen informatische Fähigkeiten in der Schule verstärken.

Ein zweiter Bereich, der mir persönlich sehr wichtig ist, den wir aber auch international sehen, ist der Umgang mit Medien. Durch Social Media hat sich die Art, wie wir Informationen über die Welt erhalten, komplett verändert. Früher hatten wir Gatekeeper als Journalisten, die mit mehr oder weniger Qualität uns die Wirklichkeit wiedergegeben haben. Jetzt ist es ungefiltert über Social Media. Wir haben Phänomene mit Propaganda, mit Fake News, aber jetzt auch mit Deepfakes – KI-generierte Videos, die man kaum mehr unterscheiden kann. Die Frage der Unterscheidbarkeit von wahr und falsch ist viel komplexer geworden. Drum brauchen wir Raum in der Schule, um uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen.

Das heißt: Zwei große Säulen der Bildungsreform in der Oberstufe sind informatische Fähigkeiten und Medienkompetenz bzw. Demokratiefähigkeit. Dass da Widerstände kommen, ist bei Reformen immer vorprogrammiert. Wenn wir neue Kompetenzen einführen, müssen wir auch Platz schaffen. In den letzten Jahrzehnten haben wir immer gesagt, jedes Thema, das in der Gesellschaft dazugekommen ist, soll die Schule einfach nebenbei auch noch machen. Das geht nicht mehr. Und bei der Frage, was in der Schule nicht mehr so wichtig ist, gibt es natürlich sehr unterschiedliche Meinungen. Aber auch hier gibt es Empirie und vergleichende Studien, wo es am einfachsten ist, etwas zu reduzieren, um einen Mehrwert zu schaffen.

J. Steinschaden: Sollen Schulen mit ChatGPT arbeiten – oder schwebt Ihnen etwas anderes vor? In ganz Europa sieht man, dass sich Behörden von Microsoft abwenden und europäische Alternativen suchen. Gilt das auch für KI-Modelle im Unterricht?

Das ist auf jeden Fall unsere strategische Zielrichtung – unabhängiger werden und digitale Souveränität stärken. Muss aber ehrlich eingestehen: Davon sind wir noch weit entfernt, insgesamt aus Europa, aber auch wir im Bildungsministerium.

Wir haben jetzt einen wichtigen Schritt gemacht, beispielsweise bei Lern-Apps. Wir haben mit diesem Jahr ein Programm eingeführt, das heißt „Marktplatz LernApps“. Schulen können dort zertifizierte digitale Lernangebote auswählen. Die werden von uns als Bildungsministerium finanziert, und damit ist sichergestellt, dass die Tools datenschutzkonform sind, österreichische Inhalte mit dabei haben und qualitätsgesichert sind. Das war ein sehr wichtiges Projekt, wir sind in der Pilotphase, es wird sehr gut angenommen. Die Konkurrenz ist genau die, die Sie angesprochen haben: Es ist einfach, bei ChatGPT, Gemini oder wo auch immer einfach Sachen einzugeben. Aber es ist weder qualitätsgesichert fürs österreichische Bildungssystem noch datenschutzkonform. Also wir brauchen eigene Lösungen, an denen wir arbeiten und die wir gerade pilotieren.

C. Wasner: Im Selbstversuch zeigt sich, dass die österreichischen Schulbücher bereits komplett in den großen Sprachmodellen enthalten sind – man kann direkt Testschularbeiten daraus generieren lassen. War Ihnen das bewusst? Und könnte der österreichische Bildungsverlag damit selbst zum LLM-Anbieter werden?

Finde ich ein sehr spannendes Praxisbeispiel, war mir noch gar nicht so bewusst, dass die österreichischen Schulbücher schon kostenlos in die LLMs eingeflossen sind und dort verarbeitet werden. Ich glaube, es ist sicher noch nicht in allen Bereichen so. Das Schwierige ist dann festzustellen, wo ist es der Fall und wo nicht – und wo kommt eine Angabe, die in österreichischen Lehrplänen gar nicht vorgesehen ist. Die Qualitätssicherung ist ein riesiges Thema. Und natürlich die Datenhoheit: Welche Daten gibt man Microsoft oder welchem Anbieter auch immer beispielsweise über Schülerinnen und Schüler oder über die Schule? Das sind heikle Fragestellungen. Aber ja, die Weiterentwicklung, Lehrpläne mit LLM-Modellen zu integrieren, wird so viel Nutzen stiften – beispielsweise für Lehrkräfte individualisierte Aufgabenstellungen zu geben, aber auch für Schülerinnen und Schüler über KI-Tutoren. Da wird sich noch ganz viel tun.

C. Wasner: In der Praxis berichten Lehrkräfte von einer Grauzone: Schüler verwenden LLM-Tools teilweise exzessiv – teils wie glorifiziertes Abschreiben. Gleichzeitig ist unklar, inwieweit Lehrkräfte selbst Tools zur Unterrichtsvorbereitung verwenden dürfen. Wie ist das bei der Lehrplanreform berücksichtigt?

Wir schreiben mit der Lehrplanreform vor, was in der Schule vermittelt werden soll – und sagen nicht, in welcher Form. Aus den Lehrplänen entstehen Schulbücher. Früher waren es ausschließlich Schulbücher, dann digitalisierte Lernmittel, und jetzt wird es eine dritte Schiene geben: KI-Lerntools, die sich natürlich aus diesen Lehrplänen speisen sollen, weil sonst haben wir den Nutzen nicht im Bildungssystem. Das müssen wir aber natürlich noch weiter verstärken – auf welche Tools greifen die Lehrpersonen zu, damit sichergestellt ist, dass die neuen Lehrplaninhalte auch im Tool drinnen sind? Weil bei Gemini zum Beispiel wissen wir nicht, ab wann die neuen Lehrpläne dort eingespielt sind, wer sie mal hochgeladen hat.

Also wir müssen eine Schiene aufmachen, wo Lehrkräfte aufgrund unseres Lehrplans individualisierte Arbeitsmethoden und Arbeitsunterlagen für die Schülerinnen und Schüler produzieren können. Das wird massiv Arbeit in der Unterrichtsvorbereitung ersparen. Wichtig ist mir aber: All das wird unterstützen, aber es soll nicht das eigene Denken ersetzen – weder der Lehrkräfte noch der Schülerinnen und Schüler. Wir müssen schauen, dass wir Schule bis zu einem gewissen Alter auch ohne KI weiter fördern. Weil ich der Auffassung bin: Wir müssen zuerst lernen ohne KI, dann lernen über KI und dann lernen mit KI. Das sind drei unterschiedliche Phasen, je nach Alter der Schülerinnen und Schüler.

J. Steinschaden: Wie werden Lehrkräfte für den KI-Unterricht ausgebildet?

Die Ausbildung dauert tatsächlich länger, aber das wird erweitert um Informatik und KI. Wir haben aber ein Schnellboot: die Weiterbildung und Fortbildung der Lehrkräfte, die laufend stattfindet. Dort haben wir schon seit ein paar Jahren verstärkt Fort- und Weiterbildungen zu KI angeboten – über Präsenzveranstaltungen, aber auch über MOOCs, Online Courses zu KI, um die Lehrkräfte zu schulen und zu qualifizieren, wie sie es gut und richtig verwenden können.

C. Wasner: Gibt es international Erfahrungen, ob der KI-Einsatz im Unterricht Testergebnisse – etwa bei PISA – verbessert oder verschlechtert?

Es ist ein großes Thema, aber wir sind hier voll im Nebel, muss ich auch sagen. Wir haben noch sehr unterschiedliche Signale: Über vermehrten KI-Einsatz, der nicht pädagogisch begleitet wird, könnten sogar die Testergebnisse sinken. Weil du das eigenständige Denken und Produzieren reduzierst – und unsere Testsituationen sind aber eigenständiges Denken und eigenständiges Rechnen und eigenständiges Lesen. Und das soll auch so bleiben, weil es Grundqualifikationen und Kulturtechniken sind, die wichtig bleiben.

Wir haben hier einen Konflikt: Die sinnvolle Verwendung von KI durch gebildete und geschulte Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler wird die Leistung verbessern. Der zu frühe, nicht pädagogisch begleitete Einsatz wird die Ergebnisse massiv verschlechtern. Also wir haben eigentlich zwei gegenteilige Dynamiken gerade durch KI und Lernen. Und es liegt an uns, welchen Weg wir gehen werden. Nur wenn wir es pädagogisch begleiten und gezielt einsetzen, werden wir Mehrwert erzielen. Wohin es gehen wird, möchte ich ganz ehrlich sagen: Ich weiß nicht, ob wir es gesellschaftlich in zehn Jahren geschafft oder nicht geschafft haben werden. Das wird die Zukunft weisen.

C. Wasner: Bei Social Media hat man die negativen Auswirkungen auf Jugendliche – höhere Selbstmordraten, verzerrtes Selbstbild, Mobbing – erst im Nachhinein dokumentiert. Bei KI denken Sie den Second-Order-Effekt offenbar von Anfang an mit. Stimmt Sie das zuversichtlich?

Ja, eine sehr spannende Beobachtung. Ich hoffe, dass wir es gut nutzen werden, um daraus zu lernen. Social Media hat da viel gebracht, weil die Annahme der Gesellschaft war: Wir werden alle viel besser vernetzt sein und mehr persönliche Kontakte haben. Das hat sich als Illusion zum Teil herausgestellt. Jetzt will ich nicht die Vorzüge von Social Media schlecht reden, die gibt es. Aber wir sehen einfach, was für massive Begleiterscheinungen für Kinder und Jugendliche entstanden sind: psychische Gesundheit, weniger Bewegung, scheinautistische Verhaltensmuster aufgrund von zu viel digitalem Endgerätekonsum in der Kindheit.

Ich glaube, dieser Prozess bei Social Media – wo wir jetzt sehen, was es eigentlich aus den Kindern gemacht hat – führt dazu, dass wir beim nächsten Schritt etwas besser darüber nachdenken. Aber niemand wird die Antworten haben, weil es eine neue Technologie ist, die neue Nebeneffekte bringen wird. Aber ja, wir beschäftigen uns mehr damit als damals bei Social Media.

J. Steinschaden: Social-Media-Verbot einerseits, KI-Erlaubnis andererseits – ist das nicht ein Widerspruch?

Wir führen KI als Schulfach in der Oberstufe ein, und die Altersgrenze für Social Media wird bis 14 sein. Für mich ist es nicht der Widerspruch, sondern zwei Seiten einer Medaille. Wir brauchen Regeln, alterskonforme Regeln für Kinder, wie sie mit gewissen Tools umgehen dürfen. Und auf der anderen Seite Bildung in der Schule – und im Idealfall natürlich auch das Elternhaus, aber als Bildungsminister schaue ich, was die Schule bringt.

Ich bin ein Anhänger von Altersgrenzen. Wir haben in allen Bereichen der Gesellschaft Jugendschutz und Kinderschutz: Wie lange dürfen Kinder ausgehen, ab wann dürfen sie Alkohol trinken, ab wann dürfen sie Tabak konsumieren? Im digitalen Bereich braucht es das genauso. Bei Filmen gibt es ja Altersbeschränkungen. Das Gleiche ist für Social Media nötig. Wir müssen sagen, ab welchem Alter was zumutbar ist.

Ich glaube, dass wir hier auch erst am Beginn einer Reise sind, weil natürlich die Frage ist, welche KI-Anwendungen altersgerecht sind. Aber Altersgrenzen sind für mich immer nur Hand in Hand gehend mit Bildung denkbar. Gleichzeitig ansetzen, in der Schule vermitteln – einfach lange davon fernhalten bringt auch nichts. Wir müssen vorbereiten und bilden, aber auch Suchtfaktoren ernst nehmen und deshalb Alter beschränken.

J. Steinschaden: Ganz praktisch: Dürfen Schüler künftig Hausaufgaben mit Hilfe von KI schreiben? Und dürfen Lehrer KI zum Korrigieren verwenden?

Das kann man sich alles am Schulstandort ausmachen. Es gibt einen Leitfaden von uns aus dem Ministerium, wo Transparenz eingefordert wird: Man muss transparent ausschildern, ist es ein Open-Book-Test, wo haben die Schülerinnen und Schüler KI verwendet – um das ehrlich und transparent sichtbar zu machen. Aber die Art der Hausübungen wird sich massiv verändern.

Ja, Lehrkräfte sollen und dürfen KI verwenden, Schülerinnen und Schüler dürfen auch KI verwenden. Wir müssen eher die Art des Hausaufgabenstellens verändern. Und wir werden viel mehr in die Schule wieder reinholen müssen. Was auch gut ist – etwa Diskussion im Klassenverband über Themen. Nicht nur Hausaufgabe zu Hause produzieren und abgeben. Das Mündliche wird wichtiger, in der Gesellschaft gesamt, aber auch in der Schule. Und das sind positive Begleiterscheinungen.

C. Wasner: Die Analogie zum grafischen Taschenrechner drängt sich auf: Als die kamen, mussten die Prüfungen angepasst werden – und wurden plötzlich viel schwieriger. Werden die Hausaufgaben wegen KI also schwerer?

Ich hätte es anders gelesen: Es wird weniger Hausübungen geben. Aber ja, ich glaube, wir brauchen auch tool-freie Räume in der Schule. Auch in Mathematik muss man überlegen, was man mit Taschenrechner macht und was ohne. Weil diese Grundfertigkeiten – lesen, schreiben, rechnen, kritisch denken – die wird uns keine KI abnehmen. Und es ist die große Gefahr, dass wir denkfaul werden. Ich verstehe es ja selber: Du nutzt KI, irgendeine kreative Fragestellung, und du fragst gleich die KI. Natürlich verlernst du dadurch mittelfristig, selber kreative Lösungen zu finden, wenn du immer an eine Technologie auslagerst. Also wir müssen schauen: Was machen wir ohne Technik, und wo bauen wir die Technik dann drauf auf?

J. Steinschaden: Vor drei, vier Jahren hat man jungen Leuten noch geraten, Softwareentwickler zu werden. Jetzt mit Claude Code und anderen Tools machen sich viele Entwickler Sorgen um ihren Job. Wie kann die Schule auf etwas vorbereiten, das sich innerhalb weniger Jahre so dreht?

Ich glaube, dass eine gewisse Basis sich nicht verändert – dieses Grundelement der Grundkompetenzen und auch ein Grundwissen, das gehört dazu. Man kann diskutieren, wo das aufhört und wo die Grenzen sind. Aber es geht eher um Kompetenzen, die man in der Schule lernen muss: Kritikfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität. Das sind grundsätzliche Kompetenzen, die heutzutage wichtig sind. Ich glaube, dass sich diese nicht so stark verändern werden.

Wenn diese Kompetenzen beherrscht werden, ist das Leben in einer veränderten Gesellschaft möglich. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass wir die Zukunft nicht wissen. Das war immer so als Menschheit, aber jetzt haben wir einfach noch viel weniger Sichthorizont. Aber wir haben die Sicherheit, dass diese Grundbildung, diese humanistische Grundbildung, uns Menschen befähigt, in einer sich verändernden Welt zurechtzufinden. Das heißt zum Beispiel, dass der Softwareentwickler gelernt hat, sich selber weiterzuentwickeln. Es werden andere Aufgaben in der Gesellschaft kommen, die Menschen brauchen, die diese erfüllen. Flexibilität wird immer wichtiger, und dafür braucht es die Grundlagen – weniger die Teilausgestaltung des Fachwissens. Das ist die Transformation, in der wir gerade sind.

C. Wasner: Das bringt uns zum Elefanten im Raum: Latein wird reduziert. War das schwierig durchzusetzen?

Sehr. War schwierig, aber notwendig aus meiner Sicht. Und wenn wir es kontextualisieren: Humanistische Grundbildung heißt nicht automatisch nur Latein, sondern ist die Befähigung von uns Menschen, uns selbst zurechtzufinden in unserer Welt und Teil der Gesellschaft zu werden. Und da gibt es einfach heute andere Themen, die wichtiger geworden sind als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Latein bleibt weiterhin Teil des Fächerkanons. Das ist im Gymnasium weiterhin mit Bestand, aber halt etwas reduziert – und das ist dringend notwendig, um Platz für andere Themen zu machen.

C. Wasner: Es fällt auf, wie viele Menschen emotional an Latein hängen – regelmäßig packen Leute Anekdoten aus dem Lateinunterricht aus, in den USA zitiert man ständig römische Philosophen auf Social Media. Es geht offenbar weniger um die Sprache als um die Denker, die man im Original gelesen hat.

Stimmt, das römische Reich – da gab es ja irgendwann mal so eine Studie, wie oft darüber geredet wird. Jetzt tun wir das auch. Aber klar, es ist Teil unserer Geschichte. Es ist auch gut, darüber Bescheid zu wissen, weil man natürlich aus der Geschichte für die Gegenwart lernt. Aber natürlich nicht nur römisches Reich, sondern auch griechische Kultur, jüdischer Einfluss – es gibt ja unterschiedliche kulturelle Einflüsse, die uns heute prägen und beschäftigen. Und die auch zu kontextualisieren, soll Bildung ermöglichen.

J. Steinschaden: Was mich persönlich betrifft: Mir wurde versprochen, Latein würde helfen, romanische Sprachen leichter zu lernen. Ich war in Latein sehr gut, aber in Französisch ziemlich mies. Ich hätte damals lieber Softwareentwicklung gelernt.

Ja, ich habe auch sechs Jahre Latein gehabt. Ich habe es in der Schule sogar gern gehabt und davon profitiert. Die Frage ist aber: Was ist besonders wichtig heute, und wo machen wir Platz? Eines, das ich mitgenommen habe: Sapere aude – wage es, deinen eigenen Verstand zu nutzen. Und der muss geschult werden, in der Schule. Der wird zum Teil über Latein oder Mathematik geschult. Aber wir müssen eben auch IT-Kompetenzen vermitteln, Medienkompetenzen, Demokratiefähigkeit. Das Spektrum der Allgemeinbildung des Humanismus ist einfach breiter geworden.

Und das ist auch das, was viel Widerstand erzeugt hat: Humanistische Bildung war in Österreich ein festzementierter Fächerkanon, der einfach immer gleich geblieben ist. Aber ich glaube, das ist nicht die Aufgabe von humanistischer Bildung und von Bildung insgesamt. Wir müssen mit der Zeit gehen und unser System wandeln. Denn Schule ist kein Selbstzweck, sondern hat das Ziel, Jugendliche auf das Leben vorzubereiten. Das ist die Grundaufgabe von Schule.

C. Wasner: Was hat Sie bei KI in den letzten zwölf Monaten am meisten begeistert?

Sehr flashig war die Einführung von KI-Agenten. Als jemand, der sich schon recht intensiv damit beschäftigt, war es dann doch überraschend, wie schnell es auf einmal gegangen ist. Und dass ein Österreicher so dominant mit dabei war, obwohl so viele Milliarden investiert werden – das fand ich einfach faszinierend. Wie trotz eines so hohen Kapitaleinsatzes einzelne Individuen noch so einen individuellen Fortschritt erzeugen können. Und die Möglichkeiten sind enorm, weil es die Verbindung Mensch und Computer noch viel enger verzahnen wird – mit allen Chancen, aber auch Risiken.

Anmerkung: Dieses Interview wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit mit Hilfe von newsrooms.ai gekürzt und anschließend durch den Minister freigegeben.

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