Amazon: 53,4 Milliarden Dollar Buchgewinn aus Anthropic-Beteiligung
Der US-Konzern hat im zweiten Quartal 2026 den höchsten Nettogewinn seiner Geschichte ausgewiesen. Der größte Teil des Sprungs stammt allerdings nicht aus dem operativen Geschäft, sondern aus der Neubewertung der Beteiligung am KI-Unternehmen Anthropic. Gleichzeitig hebt Amazon sein Investitionsbudget für heuer um 20 auf 220 Milliarden Dollar an.
Amazon steigerte den Umsatz im zweiten Quartal, das am 30. Juni 2026 endete, um 20 Prozent auf 200,6 Mrd. Dollar (Vorjahresquartal: 167,7 Mrd. Dollar). Das operative Konzernergebnis stieg von 19,2 auf 27,5 Mrd. Dollar. Die Cloud-Sparte AWS steuert damit rund ein Fünftel des Umsatzes, aber den Großteil des operativen Gewinns bei. CEO Andy Jassy bezifferte das AWS-Wachstum mit 36,7 Prozent und sprach vom stärksten Wert seit 18 Quartalen. Zum Vergleich: Google Cloud legte im selben Zeitraum um 82 Prozent zu, Microsofts Azure um 43 Prozent – allerdings von unterschiedlichen Niveus aus.
Der Nettogewinn kletterte von 18,2 auf 62,6 Mrd. Dollar, der Gewinn je verwässerter Aktie von 1,68 auf 5,75 Dollar.
Der Anthropic-Effekt: 53,4 Milliarden, aber kein Cash
Der Großteil dieses Gewinnsprungs ist ein Buchgewinn. Im Quartalsergebnis stecken 53,4 Mrd. Dollar an nicht-operativen Vorsteuererträgen, die laut Amazon „primär“ auf die Investments in Anthropic zurückgehen. Es handelt sich um eine Neubewertung der Beteiligung nach dem Mark-to-Market-Prinzip, nicht um einen Zahlungsmittelzufluss. Ohne diesen Posten läge der Nettogewinn im Bereich des operativen Ergebnisses.
Der Effekt ist nicht neu, aber deutlich größer geworden: Im ersten Quartal 2026 hatte die Anthropic-Position bereits rund 16,8 Mrd. Dollar an Vorsteuergewinn beigetragen.
Hintergrund der Aufwertung ist die Bewertungsentwicklung bei Anthropic selbst. Das Unternehmen schloss Ende Mai eine Series-H-Runde ab, die es mit 965 Mrd. Dollar bewertete. Im Juni gab Anthropic bekannt, vertraulich Unterlagen für einen Börsengang eingereicht zu haben. Amazon hat nach früheren Unterlagen bislang 13 Mrd. Dollar in Anthropic investiert, mit der Option auf bis zu 20 Mrd. Dollar mehr.
Amazon ist nicht der einzige Profiteur: Microsoft wies für sein Anthropic-Investment von 5 Mrd. Dollar zuletzt einen Gewinn von 3,2 Mrd. Dollar aus.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das vor allem eines: Die Gewinnzahl schwankt künftig mit der Bewertung eines nicht börsennotierten KI-Startups mit. Ein Rückgang der Anthropic-Bewertung würde sich in derselben Logik als Buchverlust niederschlagen.
Investitionen: von 200 auf 220 Milliarden Dollar
Im Analystencall hob Jassy die Prognose für die Investitionen (Capex) im laufenden Jahr von 200 auf 220 Mrd. Dollar an und begründete das mit gestiegenen Speicherpreisen. Im Februar hatte Amazon 200 Mrd. Dollar in Aussicht gestellt und diese Zahl im April bestätigt.
Auch mit dem höheren Budget werde man die Nachfrage nicht bedienen können, sagte Jassy: Man werde 2026 nicht genügend Kapazität haben, und dieselbe Dynamik erwarte er auch für 2027; die bereits vorliegende Nachfrage für 2028 nannte er „striking“. Langfristig traut er AWS ein Umsatzvolumen von bis zu einer Billion Dollar pro Jahr zu.
Der Effekt der Bauwelle zeigt sich in der Cashflow-Rechnung: Der operative Cashflow der vergangenen zwölf Monate stieg um 33 Prozent auf 161,4 Mrd. Dollar. Der Free Cashflow drehte im selben Zeitraum von einem Zufluss von 18,2 Mrd. Dollar auf einen Abfluss von 7,6 Mrd. Dollar – vor allem, weil die Sachinvestitionen um 66,1 Mrd. Dollar gestiegen sind, was Amazon explizit auf KI zurückführt.
Was Amazon konkret mit KI macht
Amazon nennt für das KI-Geschäft von AWS erstmals eine annualisierte Umsatz-Run-Rate von mehr als 25 Mrd. Dollar bei dreistelligen Wachstumsraten. Die eigene Chip-Sparte erreicht laut Unternehmen dieselbe Größenordnung.
Beim KI-Beschleuniger Trainium verweist Amazon auf mehrjährige Zusagen im Gigawatt-Bereich von Anthropic und OpenAI sowie auf Kunden wie NEURA Robotics, Odyssey, TwelveLabs, Decart, Poolside, Karakuri, Metagenomi, NetoAI und Splash Music, dazu Uber und Pinterest. Der ARM-Prozessor Graviton5 ist allgemein verfügbar.
Auf der Software-Seite hat Amazon dem Modell-Marktplatz Bedrock über zehn weitere Foundation Models hinzugefügt, darunter GPT-5.6 (OpenAI), Claude Opus 5 (Anthropic), Gemma 4 (Google DeepMind) und Grok 4.3. Dazu kommen ein Ausbau von Bedrock AgentCore um Zahlungsfunktionen für Agents, Websuche und das Werkzeug Harness, die Security-Vorschau AWS Continuum, der KI-Arbeitsassistent Amazon Quick sowie der Coding-Agent Kiro, der nun auch auf iOS läuft.
Eine Milliarde Dollar fließt in „AWS Forward Deployed Engineering“ – KI-Engineers, die direkt bei Kunden eingesetzt werden. Weitere bis zu eine Milliarde Dollar an Cloud-Credits stellt Amazon der US-Geheimdienst-Community für Migrationsprojekte bereit; parallel startet AWS Secret Cloud for Industry für Rüstungszulieferer, erster Kunde ist Northrop Grumman.
Ausblick und Marktreaktion
Für das dritte Quartal erwartet Amazon 197 bis 202 Mrd. Dollar Umsatz, ein Plus von 9 bis 12 Prozent, sowie ein operatives Ergebnis zwischen 22,5 und 26,5 Mrd. Dollar (Vorjahr: 17,4 Mrd. Dollar).
Die Aktie legte nachbörslich zunächst rund 7 Prozent zu und weitete die Gewinne im weiteren Handelsverlauf aus. Bemerkenswert ist die Reaktion insofern, als Alphabet nach einer ähnlichen Capex-Erhöhung in der Vorwoche unter Druck geraten war.
