EU startet Ausschreibung für KI-Gigafabriken mit 10 Mrd. Euro – Wien prüft Bewerbung noch
Die Europäische Union hat die offizielle Ausschreibung für den Aufbau von bis zu sieben KI-Gigafabriken gestartet. Mit der Initiative will Europa seine Rechenkapazitäten für Künstliche Intelligenz deutlich ausbauen und unabhängiger von außereuropäischen Technologieanbietern werden. Vorgesehen sind großskalige, energieeffiziente Rechenzentren, die leistungsfähige KI-Prozessoren, Software- und Cloud-Infrastruktur sowie schnelle Netzwerke verbinden. Sie sollen europäischen Start-ups, Mittelständlern, Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Stellen Zugang zu Rechenleistung für das Training, die Feinabstimmung und den Einsatz besonders leistungsfähiger KI-Modelle ermöglichen.
Im Zentrum steht der Aufbau einer europäischen Infrastruktur für sogenannte Frontier-Modelle, also besonders große und rechenintensive KI-Systeme. Die Anlagen sollen den gesamten Lebenszyklus solcher Modelle abdecken – von Entwicklung und Training bis zum großskaligen Einsatz.
Zehn Milliarden Euro öffentliche Mittel, mindestens 20 Milliarden privat
Die Finanzierung folgt einem Public-Private-Partnership-Modell: Bis zu zehn Milliarden Euro aus EU- und nationalen Mitteln sollen mindestens 20 Milliarden Euro private Investitionen mobilisieren. Die privat geführten Konsortien tragen den überwiegenden Teil der Investitions- und Betriebskosten.
Rechtlich kann die EU bis zu 17 Prozent der Investitionen in die Recheninfrastruktur finanzieren; der jeweilige Mitgliedstaat muss diesen Betrag mindestens spiegeln. Alternativ kann die EU den garantierten Bezug von Rechenzeit finanzieren.
Nicht Größe allein entscheidet
Bewertet werden technische Qualität, Sicherheit, Energieeffizienz, Belastbarkeit der Lieferketten, ein tragfähiges Geschäftsmodell sowie der Beitrag zur europäischen technologischen Souveränität. Bewerber müssen als Konsortium auftreten und eine verbindliche Finanzierungszusage des Gastgeber-Mitgliedstaats vorlegen.
Auch mehrstandortige Gigafabriken innerhalb eines Landes oder über mehrere Mitgliedstaaten hinweg sind grundsätzlich möglich. Der Ansatz macht deutlich: Die EU sucht nicht bloß neue Rechenzentren, sondern langfristig finanzierbare Infrastruktur mit europäischer Kontrolle und klaren Regeln für Zugang und Sicherheit.
Großes Interesse aus ganz Europa
Die Resonanz auf die Initiative zeigt, wie groß der Bedarf an europäischer KI-Recheninfrastruktur ist. Bereits in der vorgelagerten Interessenbekundung gingen 76 Vorschläge für insgesamt 60 mögliche Standorte in 16 Mitgliedstaaten ein. Die Einreichungen stammen aus dem Umfeld von Rechenzentrumsbetreibern, Telekommunikationsunternehmen, Energieversorgern, Technologieanbietern, Finanzinvestoren und öffentlichen Akteuren. Zusammen stellten die Interessenten die Beschaffung von mindestens drei Millionen spezialisierten KI-Prozessoren in Aussicht.
Öffentlich sichtbar sind bereits mehrere Bewerbungsinitiativen: In Deutschland wirbt Bayern mit dem Projekt „Blue Swan“ für Schweinfurt. Spanien verfolgt ein Mehrstandortmodell in Móra la Nova bei Tarragona und in San Fernando de Henares bei Madrid. In Frankreich stehen mindestens zwei Vorhaben in den Startlöchern: das breit aufgestellte Industriekonsortium AION sowie das Projekt ÆTHER mit zwei geplanten Campus in der Region Straßburg. Auch Finnland unterstützt eine Bewerbung eines von Nokia geführten Konsortiums.
Diese Projekte sind noch keine ausgewählten Standorte. Die Interessenbekundungen dienten zunächst dazu, potenzielle Bewerber, Finanzierungsmodelle und Standortoptionen zu erfassen. Erst das laufende offizielle Verfahren entscheidet darüber, welche Konsortien den Zuschlag erhalten. Das hohe Interesse deutet dennoch auf ein beträchtliches Ausbaupotenzial hin: Die EU verfügt nicht nur über einzelne Rechenzentrumsprojekte, sondern über eine breite Pipeline aus Industrie-, Energie-, Cloud- und Finanzpartnern, die in großskalige KI-Infrastruktur investieren wollen.
Wien prüft eine mögliche Bewerbung
Auch die Stadt Wien prüft derzeit die Ausschreibungskriterien für eine mögliche KI-Gigafabrik. Erst nach Abschluss dieser Evaluierung soll entschieden werden, ob Wien eine Bewerbung einreicht.
Ein zentraler Gedanke hinter einem möglichen Wiener Projekt ist die Nutzung der beim Betrieb entstehenden Abwärme. Sie könnte in das Fernwärmenetz der Stadt eingespeist werden und damit einen Teil der hohen Energienachfrage der Anlage sinnvoll nutzbar machen.
Zugleich wurde bekannt, dass die Wiener Stadtregierung mit den Bedingungen der Ausschreibung zunächst nicht vollständig zufrieden war. Die laufende Prüfung soll daher klären, ob die Anforderungen, Finanzierungsbedingungen und Rahmenvorgaben mit den energie- und stadtpolitischen Zielen Wiens vereinbar sind. Wien ist damit ein potenzieller, aber noch nicht verbindlich antretender Standort.
Mehr als ein Infrastrukturprojekt
Die Gigafabriken bauen auf den bestehenden europäischen KI-Fabriken auf, die bereits Rechenleistung und Unterstützungsangebote für Forschung, Start-ups und Unternehmen bereitstellen. Die neue Kategorie soll deutlich größere Leistungsklassen erschließen und Europa bei der Entwicklung fortgeschrittener KI-Modelle konkurrenzfähiger machen.
Ob daraus ein europäischer Gegenpol zu den großen KI-Rechenzentren in den USA und China entsteht, hängt vor allem von drei Faktoren ab: der Geschwindigkeit von Genehmigungen, der Verfügbarkeit von Energie und Spitzenchips sowie der Bereitschaft privater Investoren, Bau und Betrieb langfristig zu finanzieren.

