Anthropic bald bei 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz
Ob es derzeit für Anthropic gut oder schlecht läuft, könnte man mit „ja“ beantworten – denn beides stimmt. Zwar soll das KI-Unternehmen von der US-Regierung als Lieferkettenrisiko eingestuft werden und riskiert damit den Verlust von Aufträgen; und eine neue Finanzierungsrunde wird wegen dem Streit mit US-Kriegsminister Pete Hegseth und US-Präsident Donald Trump sicher nicht einfacher.
Aber: Der Macher der Claude-Modelle verzeichnet derzeit rasantes Wachstum und hat seinen annualisierten Umsatz auf fast 20 Milliarden Dollar gesteigert. Zuletzt hatte das Unternehmen mit Claude Code und Claude Cowork zwei Hits abgeliefert, die Aktienkurse von SaaS-Unternehmen ins Abstürzen brachten. Die Einstufung als Lieferkettenrisiko will Anthropic rechtlich bekämpfen.
Starkes Umsatzwachstum im ersten Quartal 2026
Anthropic hat seinen Run-Rate-Umsatz kürzlich auf über 19 Milliarden Dollar gesteigert. Dies entspricht mehr als einer Verdopplung gegenüber den 9 Milliarden Dollar Ende 2025 und einem deutlichen Anstieg gegenüber den rund 14 Milliarden Dollar von vor wenigen Wochen. Das Wachstum wird vor allem auf die starke Akzeptanz der KI-Modelle und Produkte des Unternehmens zurückgeführt, insbesondere auf das Programmierwerkzeug Claude Code.
Das Unternehmen, das kürzlich mit 380 Milliarden Dollar bewertet wurde, verzeichnet auch bei Endnutzern wachsende Beliebtheit. Die Haupt-App von Anthropic führt derzeit die Download-Charts von Apple an, was auf eine Welle der Unterstützung während des Konflikts mit dem Pentagon hindeutet.
Konflikt mit dem Verteidigungsministerium
Am Freitag erklärte Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic zu einem Lieferkettenrisiko. Diese Einstufung wird normalerweise für Unternehmen aus Ländern verwendet, die die USA als Gegner betrachten. Der Schritt erfolgte nach monatelangen Verhandlungen, die in einer Sackgasse endeten.
Der Konflikt entzündete sich an zwei spezifischen Ausnahmen, die Anthropic für die Nutzung seines KI-Modells Claude forderte:
- Massenhafte inländische Überwachung amerikanischer Bürger
- Vollautonome Waffensysteme
Anthropic begründet seine Position damit, dass aktuelle KI-Modelle nicht zuverlässig genug für vollautonome Waffen seien und eine massenhafte Inlandsüberwachung einen Verstoß gegen grundlegende Rechte darstelle. Das Unternehmen betont, dass diese Ausnahmen nach seinem Kenntnisstand bisher keine einzige Regierungsmission beeinträchtigt haben.
Rechtliche Einschätzung und erwartete Konsequenzen
Anthropic bezeichnet die Einstufung als Lieferkettenrisiko als „rechtlich nicht haltbar“ und hat angekündigt, diese gegebenenfalls vor Gericht anzufechten. Das Unternehmen argumentiert, dass Verteidigungsminister Hegseth nicht die gesetzliche Befugnis habe, seine Ankündigungen umzusetzen.
Nach Einschätzung von Anthropic gelten folgende rechtliche Grenzen der Einstufung:
- Die Einstufung nach 10 USC 3252 kann sich rechtlich nur auf die Nutzung von Claude im Rahmen von Verträgen mit dem Verteidigungsministerium erstrecken
- Sie kann nicht beeinflussen, wie Auftragnehmer Claude für andere Kunden nutzen
- Individuelle Kunden und kommerzielle Verträge bleiben vollständig unberührt
- Verteidigungsauftragnehmer dürfen Claude weiterhin für alle Zwecke außerhalb ihrer Verträge mit dem Verteidigungsministerium nutzen
Reaktionen und Ausblick
Dean Ball, ein ehemaliger Berater des Weißen Hauses, der am KI-Aktionsplan der Trump-Regierung mitgewirkt hat, bezeichnete die Einstufung als „versuchten Firmenmord“. Anthropic selbst betont, dass es seit Juni 2024 als erstes führendes KI-Unternehmen Modelle in den klassifizierten Netzwerken der US-Regierung einsetzt und amerikanische Streitkräfte unterstützt hat.
„Keine noch so große Einschüchterung oder Bestrafung durch das Verteidigungsministerium wird unsere Position zur massenhaften Inlandsüberwachung oder zu vollautonomen Waffen ändern“, erklärte das Unternehmen in einer offiziellen Stellungnahme.
Die langfristigen Auswirkungen der Pentagon-Einstufung auf Anthropics Softwareverkäufe an Geschäftskunden, die seit jeher das Kerngeschäft bilden, bleiben abzuwarten. Das Unternehmen versichert seinen Kunden, dass seine Vertriebs- und Supportteams bereitstehen, um Fragen zu beantworten, und dass es Priorität habe, Kunden vor Störungen durch diese außergewöhnlichen Ereignisse zu schützen.

