Anthropic Bewertung steigt auf 965 Milliarden Dollar, überholt OpenAI mit 852 Milliarden Dollar
Es hat sich abgezeichnet, jetzt ist es klar: Mit einer Series-H-Runde über 65 Milliarden US-Dollar kommt Anthropic auf eine Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden Dollar. Damit zieht der Claude-Entwickler erstmals an Rivale OpenAI vorbei, der zuletzt mit 852 Milliarden Dollar bewertet wurde. Ein Überblick über beide Runden – und worin sie sich unterscheiden.
Anthropic hat am Donnerstag den Abschluss einer Series-H-Finanzierung über 65 Milliarden US-Dollar bekannt gegeben. Die Runde bringt das Unternehmen auf eine Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden Dollar – knapp unterhalb der symbolträchtigen Billionen-Schwelle. Angeführt wurde die Finanzierung von Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia Capital.
Es ist ein bemerkenswerter Sprung in kurzer Zeit: Erst im Februar war Anthropic im Zuge der Series G mit 380 Milliarden Dollar bewertet worden, nachdem das Unternehmen damals 30 Milliarden Dollar aufgenommen hatte. Innerhalb von rund drei Monaten hat sich die Bewertung damit mehr als verdoppelt.
Die Eckdaten der Runde
Als Co-Leads traten Capital Group, Coatue, D1 Capital Partners, GIC, ICONIQ und XN auf. Zu den weiteren nennenswerten Investoren zählt Anthropic eine breite Riege institutioneller Geldgeber: AMP PBC, Baillie Gifford, Blackstone, Brookfield, D.E. Shaw Ventures, DST Global, Fidelity Management & Research Company, General Catalyst, Insight Partners, Jane Street, Lightspeed Venture Partners, MGX, NTTVC, NX1 Capital, Situational Awareness LP, T. Rowe Price Associates, T. Rowe Price Investment Management sowie Temasek.
In den 65 Milliarden Dollar enthalten sind 15 Milliarden Dollar an bereits zuvor zugesagten Investments von Hyperscalern – darunter 5 Milliarden Dollar von Amazon. Amazon hatte im April angekündigt, bis zu 25 Milliarden Dollar in Anthropic zu investieren; im Gegenzug verpflichtete sich das Unternehmen, über die kommenden zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar für Amazons Cloud-Technologien aufzuwenden.
Neu mit an Bord sind außerdem drei strategische Infrastrukturpartner aus dem Halbleiterbereich: Micron, Samsung und SK Hynix. Ihre Technologien für Speicher- und Logikchips sollen laut Anthropic dabei helfen, die Rechenkapazität verlässlich im benötigten Tempo hochzufahren.
Das eingesammelte Kapital soll nach Unternehmensangaben in die Sicherheits- und Interpretierbarkeitsforschung, in den Ausbau der Rechenleistung sowie in die Skalierung von Produkten und Partnerschaften fließen. CFO Krishna Rao verwies auf eine „historische Nachfrage“, die das Unternehmen bediene, und nannte die Werkzeuge Claude Code und Cowork als zentrale Produkte, die weiter ausgebaut würden.
Umsatz und Rechenkapazität
Anthropic beziffert seinen annualisierten Umsatz (Run-Rate) auf zuletzt über 47 Milliarden Dollar – ein Wert, der laut Unternehmensangaben Anfang des Monats überschritten wurde. Gemessen daran ergibt sich für die neue Bewertung ein Umsatzmultiple von rund 21 – eine Größenordnung, die in der Branche etwa mit dem Forward-Multiple von Nvidia verglichen wird. Das Wall Street Journal berichtete zudem, das Unternehmen erwarte einen Umsatzanstieg von rund 130 Prozent und damit den ersten operativen Gewinn.
Parallel zur Finanzierung hat Anthropic seine Rechenkapazitäten ausgebaut: Mit Amazon wurde eine Vereinbarung über bis zu fünf Gigawatt neuer Kapazität geschlossen, mit Google und Broadcom über fünf Gigawatt an TPU-Kapazität der nächsten Generation und mit SpaceX über Zugang zu GPU-Kapazität in den Rechenzentren Colossus 1 und Colossus 2. Nach eigenen Angaben ist Claude das erste Frontier-Modell, das auf allen drei großen Cloud-Plattformen verfügbar ist – Amazon Web Services, Google Cloud und Microsoft Azure. AWS bleibt dabei der primäre Cloud-Anbieter und Trainingspartner.
Investorenseitig fiel das Echo erwartungsgemäß positiv aus. Altimeter-Gründer Brad Gerstner sieht Anthropic durch die jüngsten Fortschritte in der Position, „die nächste Phase der KI-Innovation anzuführen“. Dragoneer-Managing-Partner Marc Stad sprach von einem „atemberaubenden“ technologischen Fortschritt und betonte, man stehe erst am Anfang von Entwicklung und Kommerzialisierung. Greenoaks-Gründer Neil Mehta und Sequoia-Partner Alfred Lin verwiesen auf Kultur und kommerzielle Dynamik des Unternehmens.
Der Vergleich mit OpenAI
Die Runde verschiebt das Kräfteverhältnis an der Spitze der KI-Branche. Mit 965 Milliarden Dollar liegt Anthropic nun über der Bewertung von OpenAI, das in seiner jüngsten Finanzierungsrunde im März mit 852 Milliarden Dollar Post-Money bewertet wurde. Bei der Bewertung hat Anthropic damit die Nase vorn – beim eingesammelten Volumen jedoch nicht: OpenAI nahm in jener Runde 122 Milliarden Dollar an zugesagtem Kapital auf und damit fast das Doppelte von Anthropics 65 Milliarden. Es handelt sich um die mit Abstand größte private Finanzierung, die je in der Technologiebranche zustande gekommen ist; ursprünglich war sie mit 110 Milliarden Dollar angekündigt und später aufgestockt worden.
Auch die Investorenstruktur unterscheidet sich. Die OpenAI-Runde wurde von drei strategischen Partnern angeführt – Amazon mit dem größten Einzelbetrag, gefolgt von SoftBank und NVIDIA; Microsoft beteiligte sich, ohne die Summe offenzulegen. Als Co-Leads fungierten unter anderem SoftBank, Andreessen Horowitz, D.E. Shaw Ventures, MGX, TPG und T. Rowe Price. Auffällig ist die Überschneidung im institutionellen Lager: Geldgeber wie D.E. Shaw Ventures, MGX, T. Rowe Price, Blackstone, Fidelity, Sequoia und Temasek finden sich in beiden Runden wieder – ein Hinweis darauf, dass große Kapitalsammelstellen bei beiden Konkurrenten zugleich engagiert sind.
Einen Schritt ging OpenAI, den Anthropic in dieser Runde nicht mitvollzog: Erstmals erhielten auch Privatanleger Zugang. Über die Kanäle dreier großer Banken wurden rund drei Milliarden Dollar von Einzelinvestoren eingesammelt; zudem sollen OpenAI-Anteile künftig in mehreren ETFs von ARK Invest enthalten sein. CFO Sarah Friar begründete dies mit dem Ziel, nicht nur den Zugang zur Technologie, sondern auch zum wirtschaftlichen Aufwärtspotenzial zu öffnen.
Beide Unternehmen steuern auf einen Börsengang zu
Beide Runden fallen in eine Phase, in der die Rivalen einen Börsengang vorbereiten. Für Anthropic könnte die Series H die letzte private Finanzierung vor einem IPO sein, das im weiteren Jahresverlauf erwartet wird. OpenAI peilt laut übereinstimmenden Medienberichten ein IPO im vierten Quartal 2026 an und hat zuletzt seinen Finanzbereich personell aufgestockt. Fidji Simo, OpenAIs CEO of Applications, kündigte an, ChatGPT vom Chatbot zum Produktivitätswerkzeug weiterentwickeln und sich stärker auf Enterprise-Kunden ausrichten zu wollen; das Geschäft mit Unternehmenskunden mache bereits über 40 Prozent des Umsatzes aus.
Damit liefern sich die beiden führenden KI-Anbieter ein Rennen auf mehreren Ebenen zugleich – um Bewertung, Kapital, Rechenkapazität und um den Zeitpunkt des Börsengangs. Während OpenAI beim Finanzierungsvolumen und beim erstmaligen Zugang für Kleinanleger vorne liegt, hat Anthropic mit der Series H die höhere Bewertung und – nach eigenen Angaben – das höhere annualisierte Umsatzniveau für sich verbucht.

