Claude-Macher

Anthropic leitet IPO ein, könnte unter 10 wertvollste Unternehmen aufsteigen

Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser
Dario Amodei, Chief Executive Officer and Co-Founder, Anthropic. © World Economic Forum / Sandra Blaser

Mit der Series-H-Runde über 65 Milliarden Dollar hat Anthropic eine Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden Dollar erreicht und damit erstmals Rivale OpenAI (852 Milliarden Dollar) überholt. Die Runde gilt als wahrscheinlich letzte private Finanzierung vor einem Börsengang, der laut übereinstimmenden Berichten für Oktober 2026 angepeilt wird. Durch eine vertrauliche Meldung bei der US-Börsenaufsicht SEC hat der Claude-Macher nun den IPO-Prozess eingeleitet. Schon heute würde das Unternehmen rund um CEO Dario Amodei zu den 12 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt gehören, aber es könnte noch viel höher gehen.

Es ist eine der extremsten Neubewertungen, die der private Kapitalmarkt je gesehen hat: Innerhalb von rund drei Monaten hat sich der Unternehmenswert des Claude-Entwicklers von 380 auf 965 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Damit liegt Anthropic erstmals vor OpenAI, das in seiner jüngsten Runde im März mit 852 Milliarden Dollar bewertet wurde. Beim eingesammelten Volumen hat allerdings weiterhin OpenAI die Nase vorn – mit 122 Milliarden Dollar in einer einzigen Runde gegenüber Anthropics 65 Milliarden.

Der Weg an die Börse

Die Series H könnte die letzte große Finanzierungsrunde sein, bevor Anthropic an die öffentlichen Märkte geht. Bereits Ende 2025 hatte das Unternehmen die Kanzlei Wilson Sonsini engagiert, um einen Börsengang vorzubereiten, und erste, informelle Gespräche mit Investmentbanken geführt. Mehrere Medienberichte nennen inzwischen Oktober 2026 als möglichen Zeitpunkt für das IPO – ein Quartal, das Anthropic Spielraum gäbe, die Q3-Zahlen 2026 in die Preisbildung einfließen zu lassen.

Anthropic hat dabei einen strukturellen Vorteil gegenüber OpenAI: Während der ChatGPT-Anbieter erst seine Umwandlung von der Non-Profit- in eine gewinnorientierte Struktur abschließen muss, ist Anthropic von Beginn an als klassisches – wenn auch als Public Benefit Corporation verfasstes – Unternehmen aufgestellt. Das verschafft dem Claude-Entwickler einen vergleichsweise „sauberen“ Pfad an die Börse.

Bei einer Erstnotiz auf Basis der aktuellen 965 Milliarden Dollar würde Anthropic vom ersten Handelstag an zu den wertvollsten börsennotierten US-Unternehmen zählen – eine bemerkenswerte Marke für ein Unternehmen, das erst 2021 gegründet wurde.

Warum die Bewertung so schnell stieg

Treiber der Neubewertung ist vor allem das Umsatzwachstum. Anthropic beziffert seinen annualisierten Umsatz (Run-Rate) zuletzt auf über 47 Milliarden Dollar – ein Wert, der laut Unternehmensangaben Anfang des Monats überschritten wurde. Zum Vergleich: Anfang 2025 lag die Run-Rate noch bei rund einer Milliarde Dollar, im August 2025 bei über fünf Milliarden. Zentraler Wachstumsmotor ist das Enterprise-Geschäft, allen voran das agentische Coding-Werkzeug Claude Code sowie das Knowledge-Work-Tool Cowork.

Gemessen am Run-Rate ergibt die neue Bewertung ein Umsatzmultiple von rund 21 – eine Größenordnung, die in der Branche etwa mit dem Forward-Multiple von Nvidia verglichen wird. Das Wall Street Journal berichtete zudem, das Unternehmen erwarte einen Umsatzanstieg von rund 130 Prozent und damit den ersten operativen Gewinn.

Die Finanzierungshistorie im Überblick

Runde Zeitpunkt Aufgenommenes Kapital Post-Money-Bewertung Steigerung ggü. Vorrunde
Series A 2021 ~124 Mio. $ n. v.
Series B 2022 ~580 Mio. $ ~4 Mrd. $
Series C Mai 2023 4,1 Mrd. $ ~1,0×
Series D Feb. 2024 2,8 Mrd. $ 18,4 Mrd. $ ~4,5×
Series E März 2025 3,5 Mrd. $ 61,5 Mrd. $ ~3,3×
Series F Sep. 2025 13 Mrd. $ 183 Mrd. $ ~3,0×
Series G Feb. 2026 30 Mrd. $ 380 Mrd. $ ~2,1×
Series H Mai 2026 65 Mrd. $ 965 Mrd. $ ~2,5×

Hinweis: Die Bewertungen der frühen Runden (Series A/B) beruhen teilweise auf Presseschätzungen und wurden nicht in allen Fällen offiziell bestätigt. Die Series H wurde von Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia Capital angeführt; die Series G von GIC und Coatue.

Auffällig ist nicht nur das Tempo, sondern auch die Beschleunigung des aufgenommenen Kapitals: von 3,5 Milliarden Dollar (Series E) über 13 und 30 Milliarden bis zu 65 Milliarden Dollar in der Series H. Gleichzeitig verkürzten sich die Abstände zwischen den Runden zuletzt dramatisch – von rund einem Jahr (E → F) auf nur noch dreieinhalb Monate (G → H).

Eine Hochrechnung – mit Vorsicht zu genießen

Was passiert, wenn man die jüngsten Sprünge mechanisch fortschreibt? Die beiden letzten Runden lieferten folgende Multiplikatoren:

  • Series F → G (Sep. 2025 → Feb. 2026): 183 → 380 Mrd. $ = rund 2,1× in etwa fünf Monaten
  • Series G → H (Feb. → Mai 2026): 380 → 965 Mrd. $ = rund 2,5× in etwa dreieinhalb Monaten

Überträgt man diese Dynamik auf den Zeitraum bis zu einem möglichen IPO im Oktober 2026 (rund fünf Monate nach der Series H), ergibt sich – rein rechnerisch:

  • bei einer konservativen Verdopplung (2,0×): eine Bewertung von rund 1,9 Billionen Dollar
  • bei Fortschreibung des jüngsten Multiples (2,5×): rund 2,4 Billionen Dollar

Interessant ist, dass eine zweite, völlig andere Rechnung in einer ähnlichen Größenordnung landet: Setzt man den vom Unternehmen erwarteten Umsatzanstieg von rund 130 Prozent auf die aktuelle Run-Rate von 47 Milliarden Dollar an, ergibt sich eine künftige Run-Rate von gut 108 Milliarden Dollar. Beim heutigen Umsatzmultiple von etwa 21 entspräche das einer Bewertung von rund 2,3 Billionen Dollar – nahe am oberen Ende der Trend-Extrapolation.

Wichtig: Beide Zahlen sind Gedankenexperimente, keine Prognosen. Eine Verdopplung der Bewertung alle drei bis fünf Monate ist auf Dauer mathematisch nicht haltbar – sie würde Anthropic binnen weniger Quartale jenseits der Marktkapitalisierung der größten Tech-Konzerne der Welt katapultieren. In der Praxis wird die IPO-Preisbildung weit stärker an realisierten Umsätzen, Margen und der Aufnahmefähigkeit des öffentlichen Marktes hängen als an der Extrapolation einer privaten Bewertungskurve. Die symbolträchtige Billionen-Schwelle, von der Anthropic mit 965 Milliarden Dollar nur knapp entfernt ist, dürfte allerdings selbst bei deutlich gebremstem Tempo schon vor oder mit dem Börsengang fallen.

Das Rennen geht weiter

Anthropic und OpenAI liefern sich damit ein Duell auf mehreren Ebenen zugleich – um Bewertung, Kapital, Rechenkapazität und den Zeitpunkt des Börsengangs. OpenAI peilt laut Medienberichten ebenfalls ein IPO im vierten Quartal 2026 an. Während der ChatGPT-Anbieter beim Finanzierungsvolumen und beim erstmaligen Zugang für Kleinanleger vorne liegt, hat Anthropic mit der Series H die höhere Bewertung und – nach eigenen Angaben – das höhere annualisierte Umsatzniveau für sich verbucht. Welcher der beiden Rivalen zuerst und zu welchem Preis an die Börse geht, dürfte zu den meistbeachteten Finanzereignissen des Jahres zählen.

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