Bitcoin bei 77.000 Dollar: Nicht-staatliche Wertspeicher wieder im Aufwind
Trending Topics auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen.
Bitcoin und Gold konkurrieren seit Jahren um dieselbe Rolle im Depot, nämlich um die des knappen Wertspeichers außerhalb des staatlichen Geldsystems. Wer auf das eine setzt, argumentiert üblicherweise gegen das andere. In der vergangenen Woche haben beide zugleich kräftig zugelegt, und der Auslöser kam in beiden Fällen aus derselben Quelle: dem US-Finanzministerium.
Zum Start in die neue Woche hält die Bewegung. Bitcoin behauptet sich bei rund 77.085 Dollar und liegt damit auf Wochensicht knapp 22 Prozent im Plus, zu Beginn der Vorwoche notierte die größte Kryptowährung noch zwischen 63.000 und 65.000 Dollar. Gold steht bei rund 4.644 Dollar je Feinunze und damit auf dem höchsten Stand seit drei Monaten, nach einem Wochenplus von etwa fünf Prozent.
Die größten Krypto-Assets im Überblick, ohne die Stablecoins USDT und USDC:
| Asset | Preis | 24 Stunden | 7 Tage |
|---|---|---|---|
| Bitcoin (BTC) | 77.085,10 $ | +0,74 % | +21,81 % |
| Ethereum (ETH) | 2.454,32 $ | +1,55 % | +29,78 % |
| BNB (BNB) | 695,55 $ | +0,94 % | +15,07 % |
| XRP (XRP) | 1,45 $ | -1,12 % | +46,21 % |
| Solana (SOL) | 93,97 $ | +0,79 % | +25,00 % |
| TRON (TRX) | 0,3431 $ | +0,09 % | +3,16 % |
| Hyperliquid (HYPE) | 77,85 $ | -1,79 % | +31,66 % |
| Dogecoin (DOGE) | 0,09079 $ | -0,28 % | +29,65 % |
| Zcash (ZEC) | 832,42 $ | +3,08 % | +63,70 % |
| UNUS SED LEO (LEO) | 9,33 $ | -1,53 % | -0,88 % |
| Chainlink (LINK) | 11,49 $ | +1,37 % | +22,44 % |
| Cardano (ADA) | 0,2187 $ | -0,40 % | +24,89 % |
Auffällig ist die Breite der Bewegung. In defensiven Phasen sammelt sich Kapital zuerst bei Bitcoin, aktuell legen die großen Altcoins stärker zu als die Leitwährung selbst. Zcash sticht mit einem Wochenplus von knapp 64 Prozent heraus, XRP kommt auf mehr als 46 Prozent.
Der Auslöser kommt aus Washington
Den entscheidenden Impuls lieferte die Ankündigung des US-Finanzministeriums, seine Rückkäufe länger laufender Staatsanleihen auszuweiten. Für bestimmte Laufzeiten soll das maximale Volumen von zwei auf mindestens vier Milliarden Dollar steigen, offizielles Ziel ist eine bessere Funktionsfähigkeit des Treasury-Marktes. Zuvor war die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 2007 geklettert.
Für Risikoanlagen zählt die Signalwirkung. Die Renditen am langen Ende gaben nach, der Dollar schwächte sich ab, und gleichzeitig rückte die Tragfähigkeit der US-Staatsverschuldung wieder in den Vordergrund, die inzwischen 40 Billionen Dollar überschritten hat. In diesem Umfeld gewinnen knappe, nichtstaatliche Wertspeicher an Attraktivität, für Gold seit Jahrhunderten, für Bitcoin seit gut einem Jahrzehnt.
Das Tempo lieferte der Derivatemarkt. Viele Händlerinnen und Händler hatten nach den schwachen Vormonaten auf fallende Kurse gesetzt. Als Bitcoin in der Wochenmitte wichtige Marken überschritt, wurden binnen einer Stunde Short-Positionen im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar liquidiert, über den gesamten Verlauf der Rally waren es mehr als drei Milliarden, wie Trending Topics berichtete. Bitcoin überwand dabei erstmals seit Monaten seine 200-Tage-Linie.
Zwei Analysten, zwei Lesarten
Adrian Fritz, Vice President und Chief Investment Strategist beim Krypto-ETP-Emittenten 21shares, sieht ein Zusammenspiel mehrerer Kräfte: bessere Rahmenbedingungen für Risikoanlagen, eine defensive Positionierung, die den Squeeze auslöste, und konkretere regulatorische Signale aus Washington. Die US-Börsenaufsicht SEC legte in der Vorwoche ihren Vorschlag für eine „Regulation Crypto Assets“ vor, der Kapitalaufnahmen bis fünf Millionen Dollar über vier Jahre sowie bis 75 Millionen Dollar über zwölf Monate erleichtern und einen Safe Harbor schaffen soll. Geltendes Recht ist das noch nicht, die Richtung hält Fritz dennoch für relevant.
Die Rückkäufe ordnet er bewusst ein: Sie bleiben eine Maßnahme des Finanzministeriums und damit außerhalb der klassischen Geldpolitik, ein neues Quantitative-Easing-Programm der Fed steht dahinter also keines. Seine Kernfrage zielt daher an der nächsten Kursmarke vorbei: „Entscheidend ist, ob sich der Markt oberhalb von 70.000 US-Dollar stabilisieren kann, nachdem die erzwungenen Käufe am Derivatemarkt abgearbeitet sind.“
Deutlich skeptischer liest James Butterfill die Lage, Head of Research bei CoinShares. Für ihn ist die Rally in erster Linie eine makroökonomische Geschichte mit einem Krypto-Kursschild davor. Die ausgeweiteten Rückkäufe von US-Finanzminister Scott Bessent hält er für problematisch: Sie mildern den Druck am langen Ende vorübergehend, finanziert werden müssen sie über neue Emissionen weiter vorne auf der Zinskurve. Das senkt die durchschnittliche Laufzeit der Staatsschulden und macht die fiskalische Lage empfindlicher gegenüber Zinsentscheidungen der Fed.
Dazu kommt ein Widerspruch, der auch den Goldpreis erklärt. Höhere langfristige Renditen hatten zuletzt einen Teil der Straffungsarbeit der Fed übernommen. Drückt das Finanzministerium diese Renditen aktiv, lockern sich die Finanzierungsbedingungen, der Dollar schwächt sich ab, Importe verteuern sich. Butterfills Fazit: Hier werde Druck am langen Ende gegen eine schwächere Währung und höhere importierte Inflation eingetauscht, während das Problem der fiskalischen Glaubwürdigkeit ungelöst bleibt. Genau dieses Muster, im Markt als Debasement Trade bekannt, treibt aktuell auch das Edelmetall.
Immerhin habe sich die Positionierung verbessert. Große Investorinnen und Investoren hätten den Verkaufsdruck eingestellt und begännen wieder zu akkumulieren. Die Mittelzuflüsse in börsengehandelte Krypto-Produkte lagen in der Vorwoche bei rund 1,3 Milliarden Dollar, davon etwa 715 Millionen an einem einzigen Tag und rund eine Milliarde in Bitcoin-Produkten. Damit sind die Zuflüsse seit Jahresbeginn nach einer längeren Schwächephase wieder positiv.
Diese Woche entscheidet Jackson Hole
Der nächste große Test steht schon an. Beim Symposium in Jackson Hole spricht Kevin Warsh am Freitag erstmals als Fed-Chef. Bestätigt er die zunehmend eingepreiste dovishe Haltung, könnte das laut Butterfill einen Ausbruch über 80.000 Dollar auslösen, jene Marke, die er bis dahin als obere Begrenzung sieht. Fällt die Botschaft restriktiver aus, verliert die Rally ihre wichtigste Stütze.
Für Krypto-Anlegerinnen und -Anleger bleiben damit drei Beobachtungspunkte: die Signale aus Jackson Hole, das Verhalten der 200-Tage-Linie als Unterstützung statt als Widerstand, und die Frage, ob die ETP-Zuflüsse auch nach dem Abklingen des Short Squeeze anhalten. Der parallele Anstieg von Gold liefert den Kontext: Solange der Markt die Tragfähigkeit der US-Staatsfinanzen infrage stellt, profitieren knappe Vermögenswerte gemeinsam. Enttäuscht die Fed die dovishen Erwartungen, dürfte auch der Rückweg für beide in dieselbe Richtung führen.

