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„Wir sind ein KI-Startup“ ist keine Positionierung mehr

Thomas Meneder, Managing Director des OÖ HightechFonds. © OÖ HightechFonds
Thomas Meneder, Managing Director des OÖ HightechFonds. © OÖ HightechFonds

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Im Jänner habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass die Party vorbei ist und das gut so sei. Nach sechs Monaten liegen nun die Halbjahreszahlen von Tracxn und Dealroom auf dem Tisch. Sie sind ein Realitätscheck der freundlicheren Sorte: Es ist wieder mehr Geld da. Nur eben nicht für alle. Wer die starken Zuwachsraten bei den Deals sieht und daraus ableitet, dass Fundraising 2026 leichter wird, hat die Reports aber nicht zu Ende gelesen.

Hier sind die Lehren, die ich als Investor aus den Daten ziehe – und was sie für die konkrete Planung der nächsten zwölf Monate bedeuten.

Mehr Kapital ist nicht mehr Zugang

Global sieht man: Das erste Halbjahr 2026 hat einen Rekord gebracht, nämlich wurden zwischen Jänner und Juni 506 Milliarden US-Dollar an Risikokapital in Startups weltweit investiert. Aber Achtung: Die Zahlen würden ganz anders aussehen, wenn man einige Mega-Runden (OpenAI, Anthropic, xAI) weg rechnet.

Europäische Tech-Unternehmen haben im ersten Halbjahr, je nach Zählweise, zwischen 30 und 44 Milliarden Euro eingesammelt, ein deutliches Plus gegenüber H1 2025. Gleichzeitig ist die Zahl der Finanzierungsrunden, je nach Zählweise, auf 1.555 bis 1.740 gefallen. Das sind rund 350 Runden weniger als im Vorjahreshalbjahr. Die statistische Wahrscheinlichkeit, überhaupt eine Runde zu closen, ist also gesunken, während die Gesamtsumme gestiegen ist. Wer seinen Fundraising-Plan auf der Marktstimmung aufbaut statt auf der eigenen Runway-Rechnung, plant am Markt vorbei.

Der trügerische Durchschnitt

im ersten Halbjahr 2026 gab es sieben Mega-Runden – nach zwei im zweiten Halbjahr 2025 und einer einzigen in H1 2025. Allein Isomorphic Labs (1,8 Mrd. Euro), Neura Robotics (1,2 Mrd.), Nscale (1,7 Mrd.) und Stegra (1,3 Mrd.) haben zusammen 6 Milliarden Euro aufgenommen, also rund ein Sechstel des gesamten europäischen Volumens. Diese vier Deals alleine machen die Durchschnittsrunde optisch groß, ohne dass sich für ein Seed-Team in Linz irgendetwas verändert hätte. Die richtige Benchmark ist also nicht der europäische Schnitt, der durch einzelne Ausreißen verzerrt, wird, sondern vergleichbare Unternehmen in der gleichen Phase und Region.

Die Seed-Finanzierungen sind um 77 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro gestiegen und damit die am schnellsten wachsende Phase im Markt. Das ist die vielleicht wichtigste gute Nachricht des Halbjahres: Investoren ziehen sich nicht aus der Frühphase zurück, aber sie schreiben größere Checks an weniger Teams.

ARR entscheidet über die nächste Runde

Late Stage legte um 73 Prozent auf 13,1 Milliarden Euro zu, Early Stage nur um 19 Prozent auf 13,5 Milliarden. Das ist die K-Kurve, über die alle reden, in einer Zahl: Wer Traktion nachweisen kann, bekommt transformative Runden – wer zwischen Seed und Series B feststeckt, kämpft. Zwischen zwei Runden gibt es eine alles entscheidende Kennzahl, die Investoren ganz genau ansehen: belastbarer Umsatz mit Wiederholungskäufen (oft als Annual Recurring Revenue, kurz ARR, bezeichnet). Alles andere ist in diesem Markt von untergeordneter Bedeutung.

KI ist keine Positionierung mehr

Weltweit gingen laut Dealroom 77 Prozent aller Risikokapital-Investments an KI-Startups – und die Report-Verfasser betonen dabei auch noch ausdrücklich, dass das keine großzügige Kategorisierung ist. Wenn also drei Viertel des Marktes KI machen, ist „wir sind ein KI-Unternehmen“ kein Differenzierungsmerkmal mehr, sondern nur mehr langweilige Standardangabe. Die Frage im Investment Committee lautet längst nicht mehr, ob ein Startup KI einsetzt, sondern welchen proprietären Datenzugang, welche Domänen-Tiefe oder welchen Vertriebskanal ihr habt, den ein Wettbewerber nicht in wenigen  Wochen nachbaut.

Viel Geld fließt in die Schicht unter der Anwendung

2024 und 2025 sagten noch viele: Der Application Layer bei KI ist der, der so richtig boomen wird. Aber 2026 sehen wir: Die Schicht darunter ist ebenso gefragt, wenn nicht sogar gefragter. Der stärkste Sektorausschlag im Tracxn-Report ist Enterprise Infrastructure mit einem Plus von 258 Prozent – getrieben von Rechenzentren, HPC-as-a-Service und dem KI-Compute-Ausbau. Unternehmenssoftware bleibt mit 15,3 Milliarden Euro (plus 69 Prozent) zwar der größte Topf, aber die Dynamik liegt bei Hardware, Energie und Infrastruktur. Für den Industriestandort Oberösterreich ist das eine bessere Nachricht, als sie auf den ersten Blick klingt: Physische Wertschöpfung ist wieder finanzierbar.

Der Standort entscheidet mit, und zwar härter als früher

London hat 38 Prozent aller europäischen Tech-Finanzierungen auf sich vereint, rund 11,6 Milliarden Euro, nach 26 Prozent im Halbjahr davor. Paris und Stockholm folgen mit je 8 Prozent, Berlin mit 5. Global ist die Konzentration noch extremer: Über 80 Prozent des weltweiten VC-Volumens gingen in die USA. Wer aus Österreich heraus baut, braucht deshalb spätestens ab der Series A internationale Co-Investoren im Cap Table. Dementsprechend müssen Startups mit internationaler Ambition ihre Fühler rechtzeitig zu diesen internationalen Investoren ausstrecken, um sie dann auch gewinnen zu können.

Aus unserer Sicht sind genau deswegen regional verankerte Investoren wie der OÖ HightechFonds enorm wichtig. Würde es sie nicht geben, dann würde sich die Konzentration des Startup-Kapitals um einige wenige Zentren und Player weiter zuspitzen, und lokale Gründerinnen müssten sofort wegziehen, um auch nur in die Nähe der großen Geldgeber zu kommen.

Ein Boom mit Abstrichen

Meine erste These im Jänner war, dass die Hype-Jahre 2021/22 nicht zurückkommen und wir stattdessen eine Stabilisierung auf fundamentalen Bewertungen sehen. Diese These halte ich nach sechs Monaten aufrecht – die Rekordschlagzeilen sprechen nur scheinbar dagegen. Denn was als globaler Rekord verkauft wird, ist in Wahrheit eine Handvoll Mega-KI-Deals.

506 Milliarden Dollar klingt nach einem Boom, bis man liest, dass 237 Milliarden davon auf wenige Mega-Runden von OpenAI, Anthropic und xAI entfielen – allein OpenAI mit 122 Milliarden Dollar und Anthropic mit zwei Runden über 65 und 30 Milliarden. Zieht man diese Runden ab, bleiben rund 270 Milliarden Dollar für den gesamten Rest des weltweiten Startup-Marktes. Das ist kein Rekord, das ist ein normales Halbjahr. Dass 77 Prozent des globalen Risikokapitals in KI-Startups gingen, bedeutet im Umkehrschluss: Für alles, was nicht KI ist – von Industrietechnologie über Medizintechnik bis Konsumgüter –, blieb nicht einmal ein Viertel des Kuchens.

In Europa ist der Effekt derselbe, nur kleiner. Es sieht nach Aufschwung aus; aber wenn man die Mega-Runden für Isomorphic Labs, Nscale, Neura Robotics, Stegra, Cloover oder Wayve heraus rechnet, dann bleibt deutlich weniger für den Rest der Startup-Landschaft übrig.

Gut ist es für den Exit-Markt, hier sieht man ordentlich Bewegung. Technologie und Talente für KI sind stark gefragt, sowohl bei großen Startups wie OpenAI oder Mistral oder Software-Riesen wie SAP. So etwa wurde Emmi AI, ein Spin-off des Linzer KI-startups NXAI, an Mistral aus Paris verkauft – und auch international wird es nach den Exits von Prior Labs (SAP), One (OpenAI) oder Sana Labs (Workday) weitere Deals geben.

Über den Autor: Thomas Meneder ist Investor, Unternehmer und Managing Director des OÖ HightechFonds und sitzt in zahlreichen Startups und Scale-ups im Advisory Board.

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