Interview

Chris Schnabl: 25-jähriger Österreicher ist Investor bei VC-Riese Andreessen Horowitz

Chris Schnabl bei Andressen Horowitz. © C. Schnabl, a16z, Collage: Trending Topics
Chris Schnabl bei Andressen Horowitz. © C. Schnabl, a16z, Collage: Trending Topics

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In einem Alter, in dem andere ihren Master abschließen, entscheidet Chris Schnabl mit über Millionen-Investments. Der Niederösterreicher ist 25 und Investing Partner bei Andreessen Horowitz, jener VC-Firma von Marc Andreessen und Ben Horowitz, die zu den einflussreichsten Adressen der weltweiten Startup-Finanzierung zählt und früh bei Facebook, Coinbase oder OpenAI dabei war. Partner-Titel in dieser Liga gehen üblicherweise an Leute mit zwei Exits oder 15 Jahren Bay Area im Lebenslauf. Ein Österreicher Mitte 20, der aus Cambridge heraus in Startups investierte und dann einen Anruf bekam: Das ist auch im Silicon Valley eine Ausnahme.

Schnabls Weg führte über Robotikwettbewerbe an der HTL Wiener Neustadt, ein Informatikstudium an der TU München, Forschung in Berkeley und Cambridge. Heute investiert er in KI-Anwendungen im Seed- und Series-A-Bereich und ist dafür rund um den Globus unterwegs. Im Interview erzählt er, wie aus einem Abendessen ein Jobangebot wurde, warum bei Gründer:innen die Soft Skills unterschätzt werden, wie er die Blasendebatte einordnet und was er Wien zutraut.

Trending Topics: Was machst du bei Andreessen Horowitz genau?

Chris Schnabl: Vielleicht kurz zum Überblick: Als Venture-Capital-Unternehmen investiert man in Startups, die Technologie bauen, die einen großen Einfluss auf Menschen haben soll. Das Geschäftsmodell funktioniert so, dass man jene Unternehmen finden möchte, die ganz, ganz groß werden können. Also die Dropbox, die Facebooks, die DoorDashes, die Googles, OpenAIs, Cognitions und Cursors dieser Welt, weil die Milliardenbewertungen erzielen und damit das Geld unserer Anleger:innen zurückbringen können. Ich bin Investing Partner in einem Early-Stage-Team, das sich auf KI-Applikationen fokussiert. Ich investiere also in der Seed- bis Series-A-Phase, vor allem in alles, was eine Anwendung von künstlicher Intelligenz ist. Und Anwendungen kann man sehr breit fächern: Voice, Agentic, Computer Use, für jede dieser neuen Errungenschaften gibt es in unzähligen Industrien sehr gute Anwendungsgebiete. Mit Robotik und weiteren Foundation Models werden es einfach noch mehr Probleme, die wir mit KI lösen können. Wir investieren sowohl in den USA als auch global.

Deine wichtigsten Stationen sind Wiener Neustadt, TU München, Cambridge und die University of California. Wie kam es dazu?

Das sind die akademischen Schleifen, wo ich geschliffen wurde, ja. Ich bin in Niederösterreich aufgewachsen und hatte das Glück, an die HTL in Wiener Neustadt zu kommen. Glück deshalb, weil sie dort ein sehr gutes Robotikprogramm hatten. Es gibt einen Lehrer im Besonderen, der einen großen Unterschied in meinem Leben gemacht hat, weil er sich extracurricular sehr viel mit Schüler:innen für Robotikwettbewerbe beschäftigt hat. Ich habe mit 14, 15 begonnen, Roboter zu bauen, wir haben den Bewerb in Europa gewonnen und konnten in die USA fliegen. Mit 16 war ich das erste Mal in L.A. bei der Robotik-Weltmeisterschaft. Das ist jetzt lustig, weil ich dort mit Leuten von der Los Altos High School zu tun hatte, einer sehr bekannten High School im Silicon Valley. Ein paar davon kannte ich aus den Robotikwettbewerben, das war so ein bisschen der initiale Zunder.

Wie viel Zeit ist da draufgegangen?

Rund 20 Stunden pro Woche, vor Wettkämpfen noch deutlich mehr: Roboter bauen, programmieren, das Regelwerk studieren, Reisen planen, Geld auftreiben. An der HTL gab es diese Stimmung: Wenn du deine Sachen gut machst, dann sind wir nicht so streng, wenn du lieber im Robotiklabor bist als im Unterricht. Mittlerweile ist das dort eine etablierte Institution. Wenn ich auf viele meiner österreichischen Freund:innen blicke, die auch im Ausland leben, sehe ich dieses Schema: Es gibt in Österreich ein paar Schulen mit ein paar Lehrer:innen, die sehr viel Engagement zeigen, und das macht für manche Schüler:innen wirklich einen großen Unterschied.

Und danach?

Danach war die Frage: Wo kann man richtig gut Informatik studieren, wo ist die technische Ausbildung sehr gut, wo gibt es viel Entrepreneurship? Ich hatte neben der HTL schon bei Willhaben gearbeitet und dort auch ein zweimonatiges Praktikum statt der neun Wochen Sommerferien gemacht, weil unser Abteilungsvorstand eine Ausnahme gemacht hat. Das bitte nicht als Empfehlung an alle HTL-Schüler:innen verstehen. Gelandet bin ich dann an der TU München. Währenddessen habe ich ein Forschungspraktikum an der University of California, Berkeley gemacht, das war 2023, als KI gerade aufkam: das Jahr von GPT-3 und den ersten großen Applikationen. Ich hatte davor eher Systems- und Backend-Engineering gemacht und dachte mir: Ich muss KI richtig gut verstehen. Also habe ich begonnen, an Forschung zu arbeiten und Paper zu schreiben. Das hat mich nach Cambridge gebracht, wo ich einen Master begonnen habe, mit der Intention, einen PhD abzuschließen. Zum PhD ist es dann nicht mehr gekommen.

Was war der Knackpunkt Richtung VC-Welt?

Ich hatte die ganze Zeit über alle möglichen Geschäftsideen und habe mit Freund:innen an unternehmerischen Sachen gearbeitet. Wir haben ab 2023 viel KI-Beratung gemacht und daraus Produkte gebaut. Von dem, was wir verdient hatten, habe ich mehr oder weniger sehr viel in Startups von Freund:innen investiert. Dadurch ist Andreessen auf mich aufmerksam geworden. Es gibt dort ein Scout-Programm: Du bekommst ein Budget, ein paar hunderttausend Dollar, um für sie in Startups zu investieren. Aus meiner heutigen Sicht bei Andreessen ist das für uns extrem hilfreich, um Zugang zu Talenten, Unternehmen oder Deals zu bekommen, die wir sonst nicht sehen würden. Ich war in diesem Scout-Programm, habe munter und fleißig investiert, und dann kam irgendwann ein Anruf: Lass uns wieder einmal Abendessen gehen. Ich dachte mir, okay, gerne. Dieses Abendessen hat sich in ein Hiring-Gespräch verwandelt und ein paar Tage später in einen Flug nach Kalifornien mit einem Tag voller Interviews.

Kannst du verraten, wo du damals investiert hast?

Das kann ich leider noch nicht verraten.

Aber es lief gut genug, dass sie dich als Investing Partner wollten.

Ja, und es ging relativ schnell, das war alles im Zeitraum von einem bis eineinhalb Jahren. Man muss dazusagen: Aus europäischer Brille denkt man, Investoren haben Wirtschaft studiert. Hier bei uns in der Bay Area haben fast alle MINT studiert, Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften. Der technische Hintergrund ist sehr wichtig, weil es sonst schwierig wird einzuschätzen, wie viel von dem, was einem gepitcht wird, nur ein Wrapper ist und wie viel davon technisch wirklich erste Klasse an der Front ist.

Was ist deine Investment-Thesis im KI-Bereich? Lange hieß es, der Application Layer sei der wichtige, jetzt sagen viele, Infrastruktur sei das nächste große Ding.

Was ich sehe: Dadurch, dass es viel einfacher geworden ist, Software zu bauen, hundert- bis tausendmal einfacher, das wird jede:r bestätigen, der oder die programmieren kann, ist es noch wichtiger geworden, wer die Teams hinter den Ideen sind und wie deren Execution ist. Early Stage war immer schon sehr auf Personen und Gründerteams fokussiert, weil am Anfang noch gar keine richtige Company existiert. Aber jetzt ist das noch einmal deutlich polarisierter.

Thematisch begeistert mich gerade, dass wir eine Verschmelzung von Infrastruktur- und Applikationsebene sehen. Sehr viele Application-Layer-Companies bauen gemeinsam mit ihren Kund:innen, mit Model Providers und mit Neo Labs eigene Modelle. Ein Beispiel ist Harvey, eine Portfolio-Company, die sehr lange keine eigenen Modelle gebaut hat, sich dafür sehr tief in den Produkt-Stack der Unternehmen integriert hat, von Document Review bis zu Long Running Tasks. Und jetzt, wo sie so tief drinnen sind, haben sie die Daten, die Benchmarks und die Reinforcement-Learning-Umgebungen, um Modelle von der Stange zu nehmen, die commoditized sind, und sie sehr viel besser und meistens auch sehr viel günstiger zu machen.

Das öffnet viele Möglichkeiten für Startups: Sie können für Enterprises eigene Modelle bauen, oder deren Daten und Benchmarks aufbauen und diese an Model Companies weiterverkaufen. Damit lässt sich auch diese Lücke schließen zwischen „wir können eines der Millennium-Probleme lösen“ und der Realität in Unternehmen, wo alle Token verbrennen und trotzdem nichts ankommt. Worauf ich sehr gespannt bin: dass wir Teams haben, die es schaffen, in Enterprises eigene Modelle zu bauen und Workflows so spezifisch zu lösen, dass mehr von dem Token-Verbrauch wirklich in Outcomes ankommt, in Produktivität, in den Prozessen der Unternehmen.

Viele Beobachter:innen sagen, eigene KI-Modelle werden nicht viel wert sein, weil sie zur Commodity werden. Du siehst da also sehr wohl einen Unterschied.

Ja, und das geht noch weiter, bis zu Self-Distillation und Continual Learning: dass Modelle nicht vergessen, was davor passiert ist, aber gleichzeitig während der Nutzung weiterlernen und ihre eigenen Gewichte updaten, um besser zu werden. Vielleicht ist das in zwei Jahren nicht mehr so, aber fürs nächste Jahr gehe ich sehr stark davon aus. Vor allem auf der Kostenseite kann man viel mitnehmen. Im letzten Jahr war noch jede:r im Token-Maxing: Hey, wir müssen KI verwenden, wir müssen möglichst viele Token verwenden. Das hat sich geändert.

Dann bist du vermutlich ein Anhänger von Open-Weight-Modellen, weil die als Basis für eigene Modelle dienen können?

Ich glaube, es ist gut, dass es einen breiten Mix an verschiedenen Modellen gibt. Es gibt einen guten Platz für Frontier Intelligence, und genauso wird man Frontier Intelligence auch immer weiter customizen können. Beides wird passieren.

Du hast gesagt, das Augenmerk liegt noch stärker auf den Gründer:innen. Wie überzeugen die dich? Verbringst du wochenlang mit ihnen im selben Raum?

Man muss dazusagen, dass es oft umgekehrt ist: Ich bin auf der Seite, die die Gründer:innen überzeugen muss. Und es beginnt viel früher, meistens in der Uni-Zeit, eine Beziehung aufzubauen. Idealerweise findet man sehr früh heraus, was sich an den guten Unis tut, was bei den großen guten Unternehmen passiert, bei Ramp, bei Cognition. Gutes Talent gibt es in sehr vielen Formen und Größen, und es ändert sich ständig. Man will früh dran sein und verstehen: Wer hat zum Beispiel bei xAI Grokbot gebaut? Bei X werden hunderte Leute claimen, dass sie Grokbot gebaut haben, aber wahrscheinlich waren es nur eine Handvoll. Dann versucht man herauszufinden: Was macht die besonders, wie kommt man an sie ran? Das macht man auch, wenn sie gerade gar kein Unternehmen bauen wollen. In der Bay Area gibt es diese große Kultur des Paying it forward, man baut wirklich langfristig positive Beziehungen auf. Und hoffentlich rufen sie an, wenn sie einmal ein eigenes Unternehmen starten.

Um die Frage besser zu beantworten: Natürlich ist wichtig, ob sie technisch und beim Produkt etwas draufhaben, ob sie Go-to-Market können, all diese Hard Skills. Was aber oft unterschätzt wird, ist, wie wichtig Soft Skills sind. Und damit meine ich nicht nur, ob du ein netter Mensch bist, sondern vor allem: Wie sehr willst du dieses Unternehmen gründen? Ein Unternehmen zu bauen, gerade eines, das sehr groß werden kann, ist sehr hart. Gründer:innen können Jahre damit verbringen, ohne positives externes Feedback zu bekommen. Man muss einen sehr guten Grund haben, um weiterzumachen, vor allem, wenn die Dinge nicht laufen.

Also sind die Fähigkeiten, schlechte Zeiten durchzustehen, wichtiger als Schönwettergründen?

Auf jeden Fall. Bei OpenCode zum Beispiel hat es sieben Jahre und mehr gedauert, an einem Problem zu arbeiten, bevor ein Durchbruch passiert ist. Und ich gehe davon aus: Selbst wenn man die 100 intelligentesten Menschen nimmt, würden viele das nicht sieben Jahre lang aushalten.

Bedeutet die Verschmelzung von Application und Infrastruktur, dass es stark Richtung Vertikalisierung der Geschäftsmodelle geht?

Das ist noch offen, es ist ein bisschen die These, die ich aufgestellt habe. Aber je mehr man vom Stack und von der Expertise hat, desto wahrscheinlicher erscheint es aktuell, dass man die Wertschöpfung auch mitnehmen kann.

Wie sieht der Arbeitsalltag bei Andreessen Horowitz aus? Mark Andreessen und Ben Horowitz kennt man aus dem Ökosystem eher von der großen Bühne.

Mit Ben und Mark haben wir regelmäßige All Hands mit dem ganzen Investment-Team. Ansonsten würde ich die Arbeit zwischen Marathon- und Sprint-Modus unterscheiden. Sprint-Modus ist, wenn ein Deal stattfindet: all hands on deck, das Wichtigste ist, den Deal über die Ziellinie zu bekommen und viel Zeit mit den Gründer:innen zu verbringen, um herauszufinden, was möglich ist und wo der gemeinsame Nenner liegt. Marathon ist der Rest: Was passiert im Silicon Valley, wo gehen die besten Leute gerade hin, was passiert mit der Technologie? Man trifft sehr viele Leute, verbringt viel Zeit am Schreibtisch und viel Zeit im Team, um zu verstehen, wie unsere Entscheidungen im letzten Jahr waren und wie unser Prozess war. Sehr viel Prozessverbesserung also. Aktuell auch: Wie können wir unsere eigenen Workflows und Tools besser machen und automatisieren? Zwischen den VC-Firmen gibt es da einen enormen Wettbewerb, weil du mit mehr Automatisierung mehr Zeit für den menschlichen Teil des Jobs hast, und der ist eigentlich der wichtige.

Wenn du Andreessen Horowitz bei potenziellen Investments pitchst: Was hebst du hervor?

Erstens muss man immer wieder highlighten, wie viele wirklich wahnsinnig gute Funds es in der Bay Area gibt und wie hoch das Niveau an Unterstützung und verfügbarem Kapital für die besten Gründer:innen ist. Was mein Team und ich versuchen: weniger Leuten eine Präsentation darüber zu geben, was wir alles für sie tun werden. Wir machen es einfach, auch wenn wir noch nicht zusammenarbeiten. Wir lassen Taten sprechen und weniger die Worte.

Was ich trotzdem von meinen Portfolio-Companies zurückgespielt bekomme: Wir haben außerhalb des Investment-Teams über 500 Angestellte im Plattform-Team, die sich nur darum kümmern, den Portfolio-Companies bei allen Querschnittsaufgaben zur Seite zu stehen, die Gründer:innen von ihrer Kernmission ablenken würden. Das reicht von Recruiting über Accounting bis Go-to-Market. Beim Go-to-Market verbringen die Kolleg:innen sehr viel Zeit mit Executives großer Unternehmen, machen Vorstellungen, organisieren Roundtables, sind auf Konferenzen und übernehmen so einen Teil der Verkaufsarbeit. Im Recruiting läuft es genauso, gerade wenn eine Company Geld eingesammelt hat und jetzt 20 Leute einstellen muss. Das funktioniert bei einer sehr großen Fund-Size wie unserer einfach gut: Wir können es uns leisten, sehr viel in unser operatives Team zu investieren.

Mittlerweile geht es sogar so weit, dass wir Compute, also Rechenzentrumsleistung, für unsere Companies zur Verfügung stellen. Selbst wenn wir investieren: Wenn du deine Modelle und deine Software nicht laufen lassen kannst, dann haben deine Kund:innen nichts davon, du nichts, und wir auch nicht. Wir versuchen also, eigene Kapazitäten in Rechenzentren freizuschaufeln.

Das heißt, die Unternehmen lagern mühsame Sachen wie Accounting zu euch aus?

Ich würde sagen, sie bekommen Unterstützung bei Querschnittsaufgaben. Wenn du ein 20-jähriges Wunderkind bist, das sehr gut in KI ist, hast du wahrscheinlich noch nie einen Pensionsplan für Mitarbeiter:innen aufgesetzt. Und du solltest dich damit auch gar nicht beschäftigen, das ist nicht deine Kernexpertise. Dazu kommt Unterstützung bei Recruiting und Go-to-Market. Aber ich würde das gar nicht überschätzen: Die Gründer:innen machen wirklich den Großteil des Heavy Lifting. Wenn wir gute Unternehmer:innen wären, würden wir die Unternehmen selbst bauen, dann bräuchten wir keine Gründer:innen und hätten mehr Anteile.

In Österreich liegt eine Early-Stage-Runde oft im kleinen bis mittleren sechsstelligen Bereich. Wie schauen eure Tickets aus?

Wir sind im sieben- bis achtstelligen Bereich, was die Ticketgröße angeht. Die Valuations haben sich im letzten Jahr erhöht, aber es ist auch polarisierter als davor. Dass ein Unternehmen in der ersten Bewertungsrunde mit über 100 Millionen bewertet wird, ist jedenfalls nicht mehr abwegig, das passiert öfter und öfter.

Viele sagen, die KI-Szene sei überhitzt und eine Blase, weil die Multiples zwischen Umsatz und Bewertung sehr hoch sind. Wie ist eure Perspektive? Andreessen Horowitz ist meiner Wahrnehmung nach ja noch nicht die ganz riesige KI-Wette eingegangen.

Wir sind einige große Wetten eingegangen, von OpenAI über xAI bis zu Cognition zuletzt. Wenn wir auf die Makrosicht schauen: Venture als Asset-Klasse ist sehr klein, vielleicht eine Billion Dollar, im Vergleich zur traditionellen Finanzindustrie oder zu Private Equity ist das sehr wenig. Der Technologiesektor ist im Rückblick stark gewachsen, und wenn man davon ausgeht, dass sich daran nicht viel ändert, und das war auch schon vor KI so, dann scheint eine große Veränderung unwahrscheinlich.

Was wir heuer gelernt haben, und wovon auch ich sehr stark überzeugt wurde: Der Fortschritt ist noch einmal viel schneller, als man hätte denken können. Die Coding-Modelle sind sehr viel besser geworden, Agents ebenso. Mathematik scheint jetzt auch sehr greifbar. Bei Videomodellen wird es in Zukunft nur besser werden. Ähnliches werden wir hoffentlich in der Robotik und bei Physical AI sehen, mehr KI in Fabriken und im Manufacturing. Das dauert vielleicht ein bisschen länger. Aber es scheint mir sehr unwahrscheinlich, dass wir weniger Fortschritt haben oder dass der Fortschritt anhält. Vielleicht wird es von Zeit zu Zeit härter, aber wenn ich an die letzten Wochen zurückdenke und was da von den großen Labs angekündigt wurde, scheint das kein Ende zu haben.

Manchen geht das zu schnell, es gibt immer mehr Warnungen. Muss man als Investor auch Grenzen ziehen und sagen: Das können wir nicht finanzieren, das ist zu risikoreich für die Menschheit?

Als Investor:innen sind wir natürlich sehr optimistisch über den technischen Fortschritt. Ich persönlich auch, weil es mein Leben sehr viel besser gemacht hat, als ich Zugang zum Internet hatte, programmieren und Spiele spielen konnte. Was die Risiken angeht: Wir wollen, dass die westliche Welt in der KI-Forschung führend ist. Wenn KI großen Einfluss auf die Menschheit haben wird, dann möchte man natürlich lieber, dass es die Werte sind, mit denen man sich selbst assoziiert, als jene irgendeiner anderen Supermacht. Ich habe viele Freund:innen, die in AI Safety arbeiten und dort sehr gute Arbeit machen. Die Labs sind stark auf Fortschritt fokussiert und machen viel wichtige Safety-Arbeit, aber vor allem trainieren sie Modelle. Um deine Frage zu beantworten: Wir investieren in nichts, was der Menschheit offensichtlich schaden würde, dazu gibt es sehr klare Regeln.

Andreessen Horowitz ist berühmt für den Satz „Software is eating the world“. Auf der Website steht mittlerweile größer „It’s time to build“. Ist das eine Verschiebung von Software Richtung Hardware?

Das ist eine gute Interpretation. Das neue Motto kam als Teil des Rebrandings vor einiger Zeit, und ich müsste nachschauen, was genau die hundert verschiedenen Einflüsse dabei waren. Der Hauptunterschied ist, dass wir sehr optimistisch sind über technischen Fortschritt, der eben nicht nur in Software oder im Internet stattfindet, sondern in sehr vielen Lebensbereichen ankommen wird. Und „It’s time to build“ zeigt eine aktivere Sichtweise: Wir bauen Sachen, statt dass Software einfach passiert. Das spiegelt auch die Größe wider, der Fund ist seitdem sehr viel größer geworden, und damit auch die Ambition.

Mark Andreessen und Ben Horowitz sind politisch exponiert, sie haben sich vor der letzten US-Wahl öffentlich zu Donald Trump bekannt und die Strategie American Dynamism ausgerufen. Wie politisch sind VCs im Silicon Valley mittlerweile?

Aus europäischer Perspektive muss man verstehen, dass Politik in den USA ein bisschen anders funktioniert und es sehr wichtig ist, dass die Politik Technologie gut findet. Ansonsten gibt es sehr viel Einmischung, und das ist für unsere Portfolio-Companies nicht gut. Aber wenn man bei uns oder bei anderen VCs im Büro ist, wäre man wahrscheinlich erstaunt, wie viel es um Technologie und um die Gründer:innen geht und wie wenig um Politik.

Neben KI sind Aerospace, Defense, Public Safety, Education, Housing, Supply Chain, Industrials und Manufacturing große Schwerpunkte. Von welcher künftigen Welt geht man aus, wenn man genau dort investiert?

Das ist bei uns ein eigener Fund. Die Motivation dahinter ist, dass wieder mehr Manufacturing stattfinden wird, genauso wie in Europa, und dass wir durch KI wieder mehr Fertigung und Industrialisierung im eigenen Land haben können. Man geht einfach von einer Welt aus, die ein bisschen weniger global ist als die Welt vor 20 Jahren, und will sich darauf einstellen. Ich frage mich oft, wie viele Roboter in fünf oder zehn Jahren auf dieser Welt sein werden. Irgendwie muss man diese Roboter herstellen, und aktuell ist die Kapazität dafür noch nicht da. Dasselbe gilt für selbstfahrende Taxis und die andere Hardware, die wir haben werden. Irgendwo müssen die gebaut werden, und in den USA, in Europa vielleicht noch ein bisschen mehr, gibt es dafür schlicht zu wenig Kapazität. Gleichzeitig brauchen KI-Forschung und Rechenzentren Energie, und auch die muss irgendwie ankommen.

Im Kern dreht sich also fast alles um KI und Robotik?

Genau, es geht um die physische Infrastruktur, die notwendig ist, um technischen Fortschritt voranzubringen. Es gibt eines meiner Lieblingsdiagramme dazu: Es gibt keine reichen Staaten, die hohe Energiekosten haben.

Du bist gerade in Europa unterwegs, ich glaube, du sitzt in Stockholm. Sucht Andreessen Horowitz aktiv nach Investments in Europa?

Wir haben vor einigen Wochen noch einmal vorgestellt, dass wir in unsere globalen Partnerschaften mehr Zeit und mehr Energie investieren. Ein guter Teil unserer Investments passiert in internationale Gründer:innen in den USA, aber auch außerhalb. Es gibt ein paar Hubs, in denen ich alle paar Monate Zeit verbringe. Man kann schon sagen, dass global sehr viele Möglichkeiten spannend werden. Durch KI ist es auch einfacher geworden, in anderen Teilen der Welt große Fortschritte zu machen. Und manche Industrien werden wahrscheinlich nicht zuerst von US-Unternehmen gewonnen, da werden lokale Unternehmen einen viel größeren Vorteil haben.

Welche Hubs in Europa sind für dich spannend?

Vor allem Stockholm und London. München kenne ich persönlich relativ gut, aber dort warten wir noch auf die großen Lovables und Legoras, die sind noch nicht passiert. London und Stockholm bleiben die großen Hubs in Europa. London vor allem, weil es sehr gute Forschung gibt, in der Industrie mit DeepMind, aber auch weil die Unis Weltklasse sind.

Was ist mit Wien?

Es gibt sehr viele gute Österreicher:innen, die im Ausland leben, Unternehmen bauen oder an der Forschung mitarbeiten. Es liegt in der Natur der Sache, dass es als kleineres Land schwieriger ist, die kritische Masse an Talent, Kapital und vor allem Markt zu erreichen. Wenn dein initialer Markt zehnmal kleiner ist als der in Deutschland, dann fällt es dir schwerer, eine bestimmte Größe zu erreichen, und du musst früher expandieren.

Trotzdem glaube ich, dass in Wien einige spannende Unternehmen entstehen werden. Wien hat ein paar Zutaten, die das möglich machen könnten: einen sehr guten Marktzugang nach Osteuropa, das ist von Wien aus deutlich einfacher als von Deutschland aus, und wahrscheinlich sehr gutes Talent, das nicht so teuer ist wie Software Engineers im Silicon Valley, womit man mit Kapital viel effizienter arbeiten kann. Die eine oder andere spannende Company aus Wien würde ich also gar nicht ausschließen. Und vielleicht gibt es da auch bald einmal etwas, das man machen kann.

Abschlussfrage: Was sind deine persönlichen Pläne? Wo willst du mit 30 oder 35 stehen?

Aktuell lerne ich jeden Tag sehr viel, und ich gehe davon aus, die nächsten Jahre weiterhin in Kalifornien zu leben und Zeit mit den besten Gründer:innen zu verbringen. In welcher Kapazität das in fünf bis zehn Jahren sein wird, kann ich schwer vorhersagen. Ich würde davon ausgehen, dass sich nicht so viel ändert, gleichzeitig blicke ich auf mein Leben zurück und sehe, dass sich sehr oft sehr viel geändert hat. Ein bisschen die Abschlussworte dazu: In der Bay Area nennt man das Serendipity. Man ist im richtigen Raum, in der richtigen Umgebung, und dann ergeben sich Dinge. Meine jetzige Arbeit konnte man nicht vorhersagen, das hätte ich nicht planen können. Wahrscheinlich gilt das für viele andere Dinge genauso, ob das Investments sind oder andere Möglichkeiten. Deswegen bleiben wir an der Frontier von dem, was passiert, und an den spannendsten Leuten dran. Und dann schauen wir, was in fünf oder zehn Jahren ist.

Und bei deinen eigenen Investments: Was ist die Krönung, ein IPO oder der große Exit?

Meine privaten Investments vor meiner Zeit bei Andreessen waren vor allem in Freund:innen. Deswegen freue ich mich jedes Mal sehr, wenn die eine Runde raisen. Aus Sicht des Anteilseigners möchte man natürlich irgendwann nicht nur Papiergeld sehen, sondern echte Erträge, und ein IPO ist weiterhin das, wonach Unternehmen streben. Trotzdem sieht man, dass private Unternehmen immer größer werden und immer länger privat bleiben, bevor sie überhaupt an die Börse gehen. Ich bin auch sehr froh, wenn es bei meinen Freund:innen gut läuft, sie sehr große Unternehmen bauen und diese erst einmal nicht verkaufen und nicht an die Börse gehen.

Vielen Dank für das Interview.

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