Miro geht um 1,4 Mrd. Dollar an Bending Spoons – 2022 noch mit 17,5 Mrd. Dollar bewertet
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Der italienische Software-Konzern Bending Spoons setzt seine Einkaufstour fort, und diesmal trifft es einen der bekanntesten Namen der Collaboration-Software: Miro. Wie das Unternehmen soeben bekannt gab, wurde eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme des Whiteboard-Anbieters unterzeichnet, und zwar zu einem Unternehmenswert von 1,355 Milliarden Dollar in bar. Rechnet man die Netto-Cash-Position von Miro hinzu, ergibt sich ein Eigenkapitalwert von rund 1,79 Milliarden Dollar. Ein Teil des Kaufpreises fließt gleich wieder zurück: Bestehende Miro-Aktionär:innen haben zugesagt, 295 Millionen Dollar ihres Erlöses in neu ausgegebene Bending-Spoons-Aktien zu investieren. Der Abschluss steht noch unter den üblichen Bedingungen inklusive regulatorischer Freigaben.
Für Bending Spoons ist es der zweite Milliarden-Deal innerhalb weniger Wochen. Erst kürzlich wurde die Übernahme von Airtable abgeschlossen, ebenfalls ein Silicon-Valley-Liebling aus der Nullzinsphase.
Von 17,5 Milliarden auf 1,355 Milliarden Dollar
Die eigentliche Geschichte des Deals steckt in der Differenz. Anfang 2022, auf dem Höhepunkt des Tech-Booms, sammelte Miro in einer Series-C-Runde 400 Millionen Dollar ein, angeführt von Iconiq Growth, bei einer Bewertung von 17,5 Milliarden Dollar. Damals sprach das Unternehmen von mehr als 50 Millionen Nutzer:innen und rund 1.800 Beschäftigten, und Remote Work galt als Dauerzustand, der digitale Whiteboards zur Grundinfrastruktur machen würde.
Was jetzt bezahlt wird, sind keine 8 Prozent dieser Bewertung. Miro wechselt also für weniger als ein Zehntel dessen den Besitzer, was Investor:innen dem Unternehmen vor vier Jahren zugeschrieben haben. Der Weg dorthin führte über die Rückkehr ins Büro, über eine Welle neuer KI-Tools, die Brainstormings und Diagramme fast nebenbei erledigen, und über Konkurrenz von Figma, Canva und den Kollaborationsfunktionen der großen Plattformen. Bereits 2024 strich Miro rund 18 Prozent der Belegschaft.
Operativ steht das Unternehmen dennoch solide da. Bending Spoons nennt einen Annual Recurring Revenue von etwa 600 Millionen Dollar, wovon knapp 90 Prozent aus dem Business- und Enterprise-Segment stammen. Rund 250.000 Organisationen nutzen das Produkt, knapp 4 Millionen zahlende User:innen sind an Bord, mehr als 750 Kund:innen bringen jeweils über 100.000 Dollar ARR. Der Kaufpreis entspricht damit etwa dem 2,3-fachen des wiederkehrenden Umsatzes, ein Multiple, das man in guten Zeiten eher bei stagnierenden Legacy-Anbietern gesehen hat als bei einer Marke mit 15 Jahren Produktgeschichte.
„Es ist ein Privileg und eine nicht geringe Verantwortung, ein Produkt willkommen zu heißen, das über 250.000 Organisationen in ihre Workflows integriert haben“, sagt Luca Ferrari, CEO und Mitgründer von Bending Spoons. Man wolle nach dem Closing substanziell in Performance, Verlässlichkeit und Funktionalität investieren und Miro langfristig besitzen und betreiben. Miro-Gründer und CEO Andrey Khusid spricht von einem „AI-first workspace“ und davon, dass die beste Version von Miro noch bevorstehe.
Die Strategie dahinter: Software kaufen, Kosten senken, Cash abschöpfen
Bending Spoons ist längst kein App-Entwickler mehr, sondern eine Art Übernahme-Maschine für digitale Marken mit treuer Nutzerbasis und schwacher Wachstumsstory. Im Portfolio stehen mittlerweile Evernote, Meetup, WeTransfer, Vimeo, Brightcove, StreamYard, AOL, Komoot und das oberösterreichische Scale-up Tractive. Das Muster ist immer ähnlich: gekauft wird ein Produkt mit Millionen Nutzer:innen, das seine Bewertungsfantasie verloren hat, danach folgen Preisanpassungen, ein Umbau der Abo-Modelle und ein radikaler Schnitt bei den Kosten.
Der zentrale Hebel ist dabei Automatisierung. Bending Spoons betreibt eine eigene Software-Schicht mit internen Tools wie Minerva, Juno, Xina, Matrix und Galf, die Marketing, UX-Optimierung, Payments und Analytics weitgehend automatisiert über alle Portfolio-Produkte hinweg abwickelt. Genau daraus entsteht die Rechnung: Was zuvor ganze Abteilungen beschäftigt hat, läuft in dieser Struktur mit einem Bruchteil des Personals weiter, und der freiwerdende Cashflow finanziert die nächste Übernahme.
Seit dem Börsengang an der Nasdaq, bei dem 1,68 Milliarden Dollar eingesammelt wurden, ist dieses Modell öffentlich finanziert. Die Marktkapitalisierung kletterte danach auf rund 25,7 Milliarden Dollar, mehr als das Doppelte der letzten privaten Bewertung von 11 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal standen 601 Millionen Dollar Umsatz und 27,4 Millionen Dollar Nettogewinn zu Buche, nach einem Verlust von 112 Millionen Dollar im Vergleichszeitraum davor. Mit dem Börsenkapital im Rücken kann das Unternehmen deutlich größere Ziele ins Visier nehmen, was Miro und Airtable in kurzer Folge belegen.
Immer wieder Job-Kürzungen nach Übernahme
Wie so ein Kapitel enden kann, hat man hierzulande beim Pet-Tracking-Anbieter Tractive gesehen. Bending Spoons zahlte 770 Millionen Euro für das Unternehmen aus Pasching, gefeiert als einer der größten Exits der österreichischen Startup-Geschichte. Wenige Wochen nach dem Closing folgte die Ankündigung, rund 160 der etwa 300 Stellen zu streichen, also mehr als die Hälfte der Belegschaft. Gründer Michael Hurnaus verließ das Unternehmen. Begründet wurde der Abbau mit der Notwendigkeit einer „schlanken Organisation“ für „langfristige Flexibilität und Fokus“.
Bei der Wander- und Radfahr-App Komoot fiel der Schnitt noch drastischer aus, dort verloren rund 85 Prozent der Belegschaft ihren Job. Bei Airtable mit seinen rund 1.400 Beschäftigten wollte sich bislang niemand zu Personalplänen äußern. Miro beschäftigt aktuell im vierstelligen Bereich, und die Ankündigung enthält dazu keine Zusagen. Wer die bisherigen Kapitel gelesen hat, wird die Investitionsversprechen in „Performance, Verlässlichkeit und Funktionalität“ entsprechend einordnen: Sie beziehen sich auf das Produkt, nicht zwingend auf die Zahl der Menschen, die daran arbeiten.
Der Airtable-Vergleich zeigt das Muster
Der Fall Airtable ist die beste Blaupause für das, was gerade mit Miro passiert. Die Datenbank-Plattform aus San Francisco war 2021 in einer Series F mit 11,7 Milliarden Dollar bewertet, hat insgesamt rund 1,4 Milliarden Dollar Kapital aufgenommen und wurde kürzlich für 1,285 Milliarden Dollar Unternehmenswert übernommen. Auch dort: ein Produkt mit starker Enterprise-Verankerung, eine Bewertung aus der Nullzinsphase, ein Wachstum, das den Erwartungen nicht mehr standhielt, und am Ende ein Käufer, der weniger für die Story als für den planbaren Abo-Umsatz zahlt.
Für europäische Gründer:innen und Investor:innen steckt darin eine doppelte Lehre. Erstens sind die Bewertungen von 2021 und 2022 in vielen Fällen endgültig Geschichte, und der Weg zurück führt über einen Verkauf mit hohem Abschlag statt über einen IPO. Zweitens sitzt der Konsolidierer diesmal in Mailand und nicht in Kalifornien: Bending Spoons kauft amerikanische Tech-Marken zu Preisen, die vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, und baut daraus einen europäischen Software-Konzern mit Milliardenumsatz.

