Irankrieg befeuert weltweite Nachfrage nach Elektroautos
Der seit Ende Februar 2026 andauernde Krieg im Iran hat eine globale Energiekrise ausgelöst, die den Absatz von Elektrofahrzeugen in den USA, Europa und auf den Überseemärkten chinesischer Hersteller spürbar ankurbelt. Steigende Benzinpreise veranlassen Verbraucher auf mehreren Kontinenten, sich verstärkt nach elektrischen Alternativen umzusehen, sowohl auf dem Neu- als auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt.
Hintergrund: Ölpreisschock durch Kriegsausbruch
Der Krieg, der am 28. Februar 2026 ausbrach, hat eine wichtige Schifffahrtsroute, die längst berühmte Straße von Hormus, unterbrochen, über die rund 20 Prozent des weltweiten Ölangebots transportiert werden. Die Folgen zeigten sich unmittelbar an den Zapfsäulen. In der Europäischen Union stiegen die durchschnittlichen Benzinkosten drastisch auf teilweise mehr als 2 Euro/Liter, In den USA überschritten die Durchschnittspreise erstmals seit 2022 die Marke von 4 US-Dollar pro Gallone.
Europa: Gebrauchte Elektroautos boomen
Auf dem europäischen Gebrauchtwagenmarkt schlägt sich die Energiekrise besonders deutlich nieder. Online-Plattformen in mehreren Ländern berichten von einem starken Anstieg der Nachfrage nach gebrauchten Elektrofahrzeugen, die bis zu 40 Prozent günstiger sind als Neumodelle und sofort verfügbar sind.
- Der französische Gebrauchtwagenhändler Aramisauto meldete eine Verdoppelung des Elektroauto-Anteils am Gesamtabsatz, von 6,5 Prozent auf 12,7 Prozent, innerhalb von drei Wochen nach Kriegsbeginn.
- In Deutschland verdreifachte sich der Anteil der Elektroauto-Suchanfragen auf mobile.de von 12 auf 36 Prozent, während Händler 66 Prozent mehr Anfragen für gebrauchte E-Autos verzeichneten als im Februar.
- Die schwedische Plattform Blocket verzeichnete in den ersten zwei Märzwochen einen Anstieg der E-Auto-Verkäufe um 11 Prozent und einen Anstieg der Seitenaufrufe für Elektromodelle um 17 Prozent.
- In Norwegen lösten Elektroautos Dieselmodelle als meistverkaufte Kraftstoffkategorie auf dem größten Gebrauchtwagenmarkt des Landes ab.
- Das Unternehmen Olx meldete sprunghafte Anstiege bei Kundenanfragen für Elektrofahrzeuge in Frankreich (plus 50 Prozent), Portugal (plus 54 Prozent), Rumänien (plus 40 Prozent) und Polen (plus 39 Prozent).
„Sobald man die Marke von 2 Euro pro Liter Benzin überschreitet, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck in den Köpfen der Menschen. Wir beobachten ein deutlich steigendes Interesse auf der Website, das sich in Bestellungen für E-Autos und Hybride niederschlägt.“ Romain Boscher, CEO von Aramisauto
Analysten weisen aber auch darauf hin, dass das Interesse an Elektrofahrzeugen bereits vor Kriegsbeginn gestiegen war. Der Krieg habe lediglich einen bereits laufenden Wandel beschleunigt.
USA: Gebrauchtmarkt wächst trotz schwachem Neuwagenabsatz
In den Vereinigten Staaten zeigt sich ein zweigeteiltes Bild. Während der Absatz neuer Elektrofahrzeuge im ersten Quartal 2026 um geschätzte 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr einbrach, unter anderem infolge der Abschaffung des 7.500-Dollar-Steuerguthabens durch die Trump-Regierung im Jahr 2025, legte der Gebrauchtmarkt deutlich zu.
Laut Schätzungen von Cox Automotive stiegen die Verkäufe gebrauchter Elektrofahrzeuge im ersten Quartal 2026 um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und um 17 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Als Hauptursache gilt eine Flut von Gebrauchtfahrzeugen, die nach dem Auslaufen von Leasingverträgen aus den frühen 2020er-Jahren auf den Markt zurückkehren. Laut Kreditauskunftei Experian werden Elektrofahrzeuge bis Ende 2026 einen Anteil von 15 Prozent aller auslaufenden Leasingfahrzeuge ausmachen, gegenüber 7,7 Prozent im ersten Quartal.
Der Preisunterschied zwischen gebrauchten Elektrofahrzeugen und gebrauchten Benzinfahrzeugen schrumpfte zwischen Februar 2025 und Februar 2026 von durchschnittlich 4.923 Dollar auf 1.334 Dollar. Analysten gehen davon aus, dass günstige Gebrauchtmodelle als Einstieg in die Elektromobilität wirken könnten, warnen jedoch, dass anhaltende Bedenken über die Ladeinfrastruktur einen breiteren Boom bei Neufahrzeugen vorerst bremsen dürften.
BYD und chinesische Hersteller profitieren weltweit
Der chinesische Elektrofahrzeughersteller BYD gehört zu den größten Profiteuren der aktuellen Entwicklung. Das Unternehmen, das seit 2022 keine reinen Verbrennungsfahrzeuge mehr produziert, verzeichnet in mehreren Überseemärkten außergewöhnlich starke Nachfrage.
BYD-CEO Wang Chuanfu erklärte bei einer Analystenkonferenz, das Unternehmen verkaufe in Märkten wie Australien, Neuseeland und den Philippinen an einem einzigen Tag so viele Fahrzeuge wie sonst in zwei Wochen. Beim Bangkok Motor Show, der größten Automesse Südostasiens, sicherte sich BYD mehr Bestellungen als jede andere Marke während der zwölftägigen Veranstaltung.
- BYD exportierte im März 2026 insgesamt 120.083 Elektro- und Hybridfahrzeuge, ein Anstieg von 65 Prozent gegenüber März 2025.
- Im ersten Quartal 2026 verkaufte BYD insgesamt 321.165 Fahrzeuge im Ausland.
- Das Unternehmen erhöhte seine Auslandsprognose für 2026 auf 1,5 Millionen Fahrzeuge, ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber der vorherigen Schätzung von 1,3 Millionen.
Overseas-Märkte machten im März 40 Prozent des gesamten BYD-Absatzes aus. Mit dem Hochlauf neuer Produktionswerke in Ungarn und Brasilien zeigte sich das Unternehmen „hochgradig zuversichtlich“, das Jahresziel von 1,5 Millionen Fahrzeugen zu erreichen.
Ausblick: Struktureller Wandel oder vorübergehender Effekt?
Ob der aktuelle Nachfrageschub nachhaltig ist, bleibt unter Experten umstritten. Analysten weisen darauf hin, dass hohe Benzinpreise zwar kurzfristig Kaufentscheidungen beeinflussen, strukturelle Hindernisse wie unzureichende Ladeinfrastruktur in bestimmten Märkten jedoch weiterhin bestehen. Gleichzeitig planen Hersteller wie Ford und General Motors die Markteinführung einer neuen Generation erschwinglicherer Elektrofahrzeuge in den kommenden Jahren.
Einig sind sich Beobachter darin, dass die aktuelle Energiekrise einen Übergang beschleunigt, der bereits vor dem Ausbruch des Irankrieges begonnen hatte. Ob die gestiegene Nachfrage nach dem Ende der Krise anhält, wird maßgeblich davon abhängen, wie sich Benzinpreise, Fahrzeugpreise und Ladeinfrastruktur weiterentwickeln.


