Prediction Markets

5,7 Milliarden Dollar Wetten bei Polymarket und Kalshi auf WM-Finale

@ Kalshi / Screenshot
@ Kalshi / Screenshot

Spanien ist Weltmeister: Mit dem 1:0 nach Verlängerung gegen Argentinien am Sonntag endete nicht nur die Fußball-WM 2026, sondern auch das mutmaßlich größte Glücksspiel-Event der Geschichte. Auf den Prediction-Market-Plattformen Polymarket und Kalshi lagen laut einem Bericht der New York Times vor Anpfiff mehr als 5,69 Milliarden US-Dollar an Wetten auf den Ausgang des Finales. Wer auf den Europameister gesetzt hatte, durfte sich nach dem Siegtreffer von Ferran Torres in der 106. Minute über die Auszahlung freuen – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem immer mehr Länder und US-Bundesstaaten die Plattformen sperren oder vor Gericht zerren.

Gewettet wurde dabei längst nicht nur auf den Weltmeister. Auf den Plattformen liefen auch Millionen-Wetten auf den dritten Platz, den Goldenen Schuh für den besten Torschützen, auf Aussagen der TV-Kommentatoren – und darauf, ob es das letzte Turnier von Argentiniens Kapitän Lionel Messi war, der den Titel-Hattrick seines Teams verpasste.

Handelsvolumen vervierfacht, App-Downloads explodiert

Die WM hat sich für die beiden US-Plattformen zum Wachstumsturbo entwickelt. Im Juni überschritt das gesamte Wettvolumen auf Polymarket und Kalshi laut Daten des Krypto-Datendienstes Dune Analytics erstmals die Marke von 50 Milliarden US-Dollar – im Vergleichsmonat des Vorjahres waren es noch rund 2 Milliarden. Chad Beynon, Gaming-Analyst bei Macquarie, schätzt, dass das Turnier die monatlichen Handelsvolumina beider Plattformen in etwa vervierfacht und sämtliche Prognosen übertroffen hat.

Auch die Nutzerzahlen zogen während des Turniers massiv an: In der Woche des WM-Starts wurde die Kalshi-App laut Apptopia-Daten knapp 270.000 Mal heruntergeladen – zwei Wochen davor waren es noch etwa 60.000 Downloads. Beide Plattformen, die an jeder Wette über Gebühren mitverdienen, investierten rund um die WM massiv in Marketing: Polymarket fuhr eine Kampagne mit Musikproduzent Rick Rubin und Rapper Future, Kalshi wurde über einen Deal mit dem bestehenden WM-Prediction-Market-Partner ADI Predictstreet offizieller FIFA-Partner – inklusive Bandenwerbung und TV-Spots.

Das Turnier selbst spielte den Plattformen zusätzlich in die Karten: Mit 48 Teams und 104 Spielen war die WM 2026 so groß wie nie, dazu kam das gestiegene Fußball-Interesse in den USA als einem der Gastgeberländer.

Big Tech und Wett-Industrie springen auf

Der Erfolg ist nicht unbemerkt geblieben: Meta-Chef Mark Zuckerberg hat laut NYT intern den Auftrag erteilt, eine eigene Prediction-Markets-App zu entwickeln. Klassische Wettanbieter wie FanDuel und DraftKings bieten mittlerweile ebenso eigene Prognosemärkte an wie die Krypto-Börse Gemini, und auch Trump Media & Technology Group, das Social-Media-Unternehmen von US-Präsident Donald Trump, hat Pläne für Prediction Markets angekündigt. Kalshi wird mittlerweile mit rund 22 Milliarden US-Dollar bewertet, Polymarket mit etwa 15 Milliarden.

Kalshi war während der WM sehr präsent, nämlich als große Sponsor-Marke in den Spielstätten und damit auch auf den Bildschirmen von hunderten Millionen Fußball-Fans auf der ganzen Welt.

Doch die Verbotswelle rollt: US-Bundesstaaten klagen

Parallel zum Boom wuchs allerdings der regulatorische Gegenwind – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. In den USA haben mehr als ein Dutzend Bundesstaaten Klagen gegen Kalshi und Polymarket eingebracht. Der Kern des Streits: Die Bundesstaaten sehen in den Sport-Kontrakten der Plattformen schlicht unlizenziertes Sportwetten-Angebot, das gegen lokale Glücksspielgesetze verstößt. Die Plattformen berufen sich dagegen auf ihren Status als von der US-Aufsichtsbehörde CFTC regulierte Börsen für Event-Kontrakte – und argumentieren, dass damit Bundesrecht gilt und die Bundesstaaten nicht zuständig sind.

In Michigan ging diese Verteidigungslinie mitten in der WM schief: Generalstaatsanwältin Dana Nessel hatte Kalshi im März geklagt, weil das Unternehmen „unter dem Deckmantel des Handels mit Event-Kontrakten“ Sportwetten ohne Lizenz der Michigan Gaming Control Board anbiete. Kalshis Versuch, den Fall vor ein Bundesgericht zu ziehen, scheiterte Ende Juni – kurz darauf verhängte eine Richterin eine einstweilige Verfügung, die Kalshi zwang, Sport-Kontrakte für Nutzer:innen in Michigan noch während des Turniers auszusetzen. Nessel bezeichnet das Geschäftsmodell als unlizenziert und räuberisch.

Nevada hatte bereits im März eine ähnliche Verfügung erwirkt, Massachusetts geht ebenfalls gegen die Plattformen vor, und New Yorks Glücksspielbehörde verschickte eine Unterlassungsaufforderung. Brisant: Die CFTC stellte sich zuletzt demonstrativ hinter Kalshi und beansprucht die alleinige Zuständigkeit – ein handfester Kompetenzstreit zwischen Bund und Bundesstaaten, der wohl erst höchstgerichtlich geklärt wird.

Europa: Sperren von Spanien bis Ungarn – und Grauzone in Österreich

In Europa ist das Bild ähnlich – nur dass hier gleich ganze Länder den Zugang kappen. Ausgerechnet Spanien, das Land des neuen Weltmeisters, ging Ende Mai als erstes EU-Land gegen beide Plattformen gleichzeitig vor: Die Glücksspielaufsicht DGOJ ließ die Websites von Polymarket und Kalshi landesweit über die Internetprovider sperren und leitete Sanktionsverfahren ein, weil beide ohne die erforderliche Glücksspiellizenz operieren – und aus Sicht der Behörden etwa ausreichende Identitätsprüfungen und Jugendschutz-Mechanismen fehlen. Spanische Fans konnten auf den Titel ihrer eigenen Mannschaft also offiziell gar nicht mitwetten.

Bereits im Jänner hatten Portugal und Ungarn Polymarket gesperrt – in Portugal auch mit dem Argument, dass Wetten auf politische Ereignisse nach nationalem Recht grundsätzlich verboten sind. In Frankreich ist Polymarket nur noch im „View only“-Modus abrufbar, auch Belgien, die Niederlande und Polen haben den Zugang blockiert. In Deutschland stuft die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) die Plattformen als unerlaubtes Glücksspiel ein, da sie keine Lizenz nach dem Glücksspielstaatsvertrag besitzen.

Und Österreich? Hierzulande gibt es zwar noch keine aktive Sperre, die Rechtslage ist aber ebenfalls restriktiv: Das Glücksspielgesetz sieht ein staatliches Monopol vor, weder Polymarket noch Kalshi verfügen über eine österreichische Lizenz. Die Nutzung bewegt sich damit in einer klassischen Grauzone des Online-Glücksspiels.

Glücksspiel oder Finanzprodukt? Die offene Grundsatzfrage

Der gemeinsame Nenner all dieser Verfahren ist eine ungelöste Grundsatzfrage: Sind Prediction Markets Finanzderivate – oder einfach eine neue Verpackung für Online-Wetten? Die Plattformen inszenieren sich als Informationsmärkte, deren Kurse die kollektive Einschätzung über die Wahrscheinlichkeit künftiger Ereignisse abbilden. Europäische Regulierer sehen darin überwiegend Glücksspiel, das Lizenzen, Spielerschutz und Alterskontrollen erfordert. Ein einheitlicher EU-Rahmen fehlt: Die Krypto-Verordnung MiCA deckt Prediction Markets nicht ab, weshalb derzeit jedes Mitgliedsland sein nationales Glücksspielrecht anwendet – ein regulatorischer Flickenteppich.

Dazu kommen wiederholte Vorwürfe rund um Insiderhandel: Mehrere Fälle, in denen mutmaßlich Insiderwissen für Gewinne auf den Plattformen genutzt wurde, haben die Kritik zuletzt weiter befeuert. Der WM-Rekord dürfte den Druck auf die Regulierer eher erhöhen als senken – denn je größer die Volumina, desto lauter die Frage, warum die größten „Wettbüros“ der Welt vielerorts ohne Glücksspiellizenz operieren.

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