Google in Kronstorf: Dieses Rechenzentrum bringt uns keine Datensouveränität
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Der Bau des Google-Rechenzentrum in Kronstorf regt auf, gestritten wird über Wasser- und Energieverbrauch und mögliche Folgen für die Umwelt. Die ebenso dringende Frage aber ist: Bringt uns dieses Rechenzentrum wirklich Datensouveränität und macht uns unabhängiger?
Wer KI nutzen möchte, braucht Rechenzentren. Wer mitgestalten möchte, umso mehr. Denn Datenverarbeitung benötigt Speicher und Rechenleistung. Der Entwurf des Cloud and AI Development Act vom Juli 2026 sieht bereits eine Verdreifachung von Europas Rechenzentrumskapazität in fünf bis sieben Jahren vor. Der Wunsch dahinter: Mehr Hoheit über die eigenen Daten, mehr Datenschutz und vor allem bessere Rahmenbedingungen für KI-Innovationen und -Dienstleister.
Geografie ist nicht Jurisdiktion
Google ist nicht der einzige Errichter von Rechenzentren in Österreich. Microsoft hat vor gut einem Jahr eine Rechenzentrumsregion rund um Wien eröffnet und damit den Start von Rechenzentren in Schwechat, Achau und Vösendorf. In Leopoldsdorf soll ab 2027 das nächste Rechenzentrum von CloudHQ entstehen. Und auch im Regierungsprogramm der Bundesregierung findet sich der Bau von Rechenzentren.
Das ist wichtig, damit Österreich als Standort für KI-Unternehmen attraktiv bleibt. Der oft erzählte Souveränitätsgewinn hält einer Prüfung jedoch nicht stand.
Der US CLOUD Act verpflichtet US-Unternehmen zur Herausgabe von Daten, über die sie Verfügungsgewalt haben, unabhängig vom Speicherort. Er greift auf den Mutterkonzern zu, nicht auf das Grundstück. Wie belastbar Zusagen dagegen sind, hat im Juni 2025 der französische Senat geklärt. Anton Carniaux, Rechtschef von Microsoft France, wurde unter Eid gefragt, ob er garantieren könne, dass französische Daten niemals ohne Zustimmung Frankreichs an US-Behörden gehen. Seine Antwort: „Non, je ne peux pas le garantir.”
Die Rechtsgrundlage beschäftigt gerade die Gerichte und Behörden. Das EU-US Data Privacy Framework überstand die Klage Latombe im September 2025 erstinstanzlich, das Rechtsmittel liegt beim EuGH. Und das PCLOB, jenes US-Gremium, das die nachrichtendienstlichen Schutzmechanismen prüfen soll, ist seit Januar 2025 nicht beschlussfähig.
Souveränität ist eine Architekturentscheidung
Datensouveränität entscheidet sich also nicht nur am Standort des jeweiligen Rechenzentrums, sondern an vier Fragen, die jedes Unternehmen selbst beantworten muss.
- Welche Daten sind wirklich kritisch? Nach der Zühlke Projekterfahrung liegen 70 bis 90 Prozent der Workloads problemlos in einer europäischen Cloud-Region. Wer alles als hochsensibel einstuft, verliert den Nutzen der Cloud. Wer zu lax einstuft, baut Regulierungsrisiko auf.
- Wer hält die Schlüssel? Zwischen der Zusage eines Anbieters und ihrer technischen Durchsetzbarkeit liegt ein Unterschied. Verfahren wie Hold Your Own Key oder Double Key Encryption sorgen dafür, dass der Anbieter auch auf behördliche Anordnung nicht entschlüsseln kann.
- Kommen wir wieder heraus? Der EU Data Act macht den Anbieterwechsel seit September 2025 einforderbar. Die ehrliche Prüffrage lautet: Könnten wir unseren Workload in 90 Tagen umziehen? Wer darauf keine Antwort hat, verhandelt ohne Druckmittel.
- Was läuft im eigenen Haus? Für sensible Daten gibt es seit kurzem eine reale Option: Offene Modellgewichte und moderne Quantisierung erlauben ein leistungsfähiges Sprachmodell auf eigener Hardware, ohne dass ein einziges Token das Unternehmen verlässt.
Google bietet diese Abstufungen selbst an, vom europäischen Datenraum über den Betrieb durch europäische Partner bis zur Air-Gapped-Variante. Der Anbieter behandelt Souveränität längst als Spektrum. Nur ist dies bislang noch nicht in der öffentlichen Debatte angekommen.
Der AI Act verschafft Zeit zum Aufbauen
Der Digital Omnibus hat die Pflichten für Hochrisiko-Systeme von August 2026 auf Dezember 2027 verschoben. Zeit, die genutzt werden sollte. Die Dokumentation, die der AI Act verlangt, ist genau der strukturierte Kontext, den KI-Systeme brauchen, um in einem Unternehmen verlässlich zu arbeiten.
Was in Kronstorf wirklich zu verhandeln wäre
Die Debatte über eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist legitim. Doch ebenso wichtig ist die Frage: Was bleibt im Land? Ein Rechenzentrum ist Infrastruktur. Souveränität ist eine Fähigkeit. Österreich könnte beides haben. Aber dazu braucht es auch gute Rahmenbedingungen für KI-Forschung und Entwicklung, Förderungen von europäischen Innovationen, ein Umdenken im Umgang mit Daten, Cloudlösungen und KI-Innovationen. Der im Juli vorgestellte Plan zur Standort- und Innovationssicherung der Minister Wolfgang Hattmannsdorfer und Peter Hanke ist eine gute Absichtserklärung. Jetzt müssen Taten folgen – nicht nur für Kronstorf sondern für die weitere KI-Infrastruktur. Fakt ist: Wer eine solche Anlage nur beherbergt, verkauft Grundstück und Strom.
Über den Autor: Rainer Steinlesberger ist seit März 2026 CEO von Zühlke Österreich. Zühlke ist ein herstellerunabhängiges Technologie- und Engineering-Unternehmen und begleitet Kunden in Finanzdienstleistung, Industrie, Gesundheitswesen und öffentlichem Sektor bei Cloud- und KI-Vorhaben.