Gastbeitrag

„Wir müssen Startups als zentrale Akteure in der Souveränitätsfrage begreifen“

Francois Bitouzet, Managing Director og VivaTech. © VivaTech / Trending Topics
Francois Bitouzet, Managing Director og VivaTech. © VivaTech / Trending Topics
Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview

Francois Bitouzet ist Managing Director von VivaTech, einer großen Technologie- und Startup-Messe, die jährlich in Paris stattfindet und Innovation, Investoren und Konzerne zusammenbringt. In diesem Gastbeitrag setzt sich Bitouzet mit der Tech-Zukunft Europas auseinander.

Europa steht an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte. Unsere digitale Souveränität wird nicht länger in erster Linie durch staatliche Programme oder klassische Industriepolitik bestimmt. Wir müssen Startups heute als zentrale Akteure in dieser Souveränitätsfrage begreifen. Denn sie entwickeln heute die Technologien, die morgen über unsere wirtschaftliche Stärke, gesellschaftliche Resilienz und geopolitische Handlungsfähigkeit entscheiden.

Diese Verschiebung ist tiefgreifend. Und sie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem alte Sicherheiten erodieren. Die internationale Ordnung ist fragmentiert, Abhängigkeiten werden sichtbar und Europa muss lernen, strategisch eigenständiger zu handeln. Lange konnte sich der Kontinent auf wirtschaftliche Offenheit und politische Stabilität verlassen. Doch in einer Welt zunehmender Systemkonkurrenz reicht es nicht mehr, „fair“ zu sein, wenn andere Akteure Machtpolitik betreiben. Europa braucht einen eigenen technologischen Ansatz, und zwar dringend.

Die Zukunft liegt in den Händen der Gründerinnen und Gründer

Der technologische Wettbewerb von heute unterscheidet sich grundlegend von dem des Kalten Krieges. Damals dominierten große staatlich getriebene Projekte wie Raumfahrt, Verteidigung oder öffentlich finanzierte Forschung. Heute findet das entscheidende Rennen im privaten Sektor statt. Innovationen in Künstlicher Intelligenz, Cloud-Infrastruktur oder Quantencomputing entstehen in Unternehmen, oft in kleinen, hochspezialisierten Teams. Genau deshalb kommt europäischen Startups eine Schlüsselrolle zu.

Die Zeiten, in denen StartUps Garagenprojekte ambitionierter Studierender waren, sind vorbei. Heute gründen zunehmend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Grundlage bedeutender Entdeckungen. Dieser leise Generationswechsel verändert die Innovationskultur Europas grundlegend: Sie wird forschungsgetriebener, technologisch tiefer und unternehmerisch mutiger. Darüber wird noch zu wenig gesprochen, obwohl genau hier ein Teil der europäischen Antwort liegt.

Gleichzeitig bleibt der Zugang zu Kapital schwierig, Wachstumsfinanzierung ist fragmentiert, und grenzüberschreitende Skalierung komplex. Dennoch zeichnet sich ein positiver Trend ab. Open Innovation gewinnt wieder an Bedeutung. Etablierte Unternehmen tun sich traditionell schwer mit der Einsicht, dass bahnbrechende Innovation nicht immer im eigenen Organigramm entsteht. Schon vor zehn Jahren brauchten Corporates Start-ups, um technologisch Schritt zu halten. Doch der Aufstieg der KI hat die Karten neu gemischt. Nach beeindruckenden Investitionen in KI-Pilotprojekte mit enttäuschenden Ergebnissen wird die echte Transformation, getrieben durch die Integration von KI in Geschäftsmodelle, über Europas künftige Führungsrolle entscheiden.

Europas Stärke beruhte nie allein auf Größe oder Geschwindigkeit, sondern auf der Verbindung von Exzellenz, regulatorischer Kompetenz und gesellschaftlicher Verantwortung. Daraus kann eine eigenständige Technologievision entstehen: offen statt abschottend, kooperativ statt hegemonial, wertebasiert statt rein marktgetrieben. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Sinne nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten, welche Technologien wir einsetzen und welche Regeln gelten.

Innovation „Made in Germany“: dezentral und voller Potenzial

Deutschland spielt in diesem Kontext eine besondere Rolle. Technologische Qualität, unternehmerische Dynamik und eine wachsende Zahl von Start-ups und Unicorns belegen das Potenzial der größten Volkswirtschaft Europas. Noch wichtiger ist jedoch die Fähigkeit zur Vernetzung. Deutschlands Innovationskraft ist nicht zentralisiert, sondern verteilt sich über zahlreiche Regionen und Branchen. Auf lokaler Ebene besteht häufig eine enge Verbindung zwischen industriellen Clustern, Tech-Hubs und Start-ups, wie etwa in München. Diese dezentrale Struktur kann zu einem europäischen Vorteil werden, wenn sie systematisch vernetzt wird.

Gemeinsam mit Frankreich bildet Deutschland ein strukturelles Fundament für europäische Zusammenarbeit. Doch Europas Innovationskraft endet nicht dort. Italien, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und zunehmend auch Länder wie Schweden, Dänemark oder Polen zeigen, wie breit das technologische Potenzial des Kontinents ist. Was Europa besitzt, ist Substanz. Was häufig fehlt, ist Skalierung im gemeinsamen Maßstab.

Zu oft wird die strategische Debatte auf einen binären Vergleich zwischen den USA und China reduziert. Dabei hat Europa mehr Optionen, als es selbst glaubt. Entscheidend ist jedoch die Bereitschaft, nationale Komfortzonen zu verlassen und Innovation aus einer echten europäischen Perspektive zu denken, sei es bei Finanzierung, Regulierung, Infrastruktur oder Talenten. Denn digitale Souveränität entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch gemeinsame Größe.

Europa muss groß denken

Doch das wird Zeit brauchen. Visionen lassen sich nicht verordnen, Strategien nicht über Nacht umsetzen. Doch der erste Schritt besteht darin, die Richtung zu klären. Wenn Europas Startups heute die Technologien von morgen entwickeln, dann entscheiden sie zugleich über Europas Rolle in der Welt. Werden wir Gestalter sein oder Nutzer fremder Systeme? Die Herausforderung besteht darin, zwischen beiden Extremen zu navigieren und das richtige Gleichgewicht zu finden.

Das aktuelle VivaTech Confidence Barometer, eine jährliche Studie unter internationalen Führungskräften zu Wettbewerbsfähigkeit, Technologieadoption, KI-Investitionen und Digitalisierungsprioritäten, zeigt, dass 61 Prozent der deutschen Teilnehmenden europäischen Lösungen vertrauen, 40 Prozent auf rein deutsche. Digitale Souveränität wird bereits weniger national, sondern zunehmend europäisch definiert.

Die zentrale Aufgabe besteht nun darin, Räume zu schaffen, in denen europäische Innovation sichtbar wird, Partnerschaften entstehen und grenzüberschreitende technologische Zusammenarbeit wachsen kann. VivaTech leistet hierzu einen Beitrag. Seit 2016 bringt die Veranstaltung jährlich mehr als 180.000 Menschen aus aller Welt zusammen, macht Europas Innovationskraft auf globaler Bühne sichtbar und fördert eine offene Debatte darüber, wie digitale Souveränität gemeinsam mit internationalen Partnern gestaltet werden kann.

Europa hat die Ideen, die Talente, das Geld und die wissenschaftliche Exzellenz. Was es jetzt braucht, ist der gemeinsame Wille, daraus Skalierung zu machen. Wenn wir gewinnen wollen, brauchen wir ein europäisches Team. Mit dem Aufbau müssen wir heute beginnen.

Rank My Startup: Erobere die Liga der Top Founder!
Werbung
Werbung

Specials unserer Partner

Die besten Artikel in unserem Netzwerk

Deep Dives

RankMyStartup.com

Steig' in die Liga der Top Founder auf!
#glaubandich CHALLENGE Hochformat.

#glaubandich CHALLENGE 2026

Österreichs größter Startup-Wettbewerb - Top-Investoren mit an Bord
© Wiener Börse

IPO Spotlight

powered by Wiener Börse

2 Minuten 2 Millionen | Staffel 13

Alle Startups | Alle Deals | Alle Hintergründe

AI Talk

Der führende KI Podcast mit Clemens Wasner & Jakob Steinschaden

Future{hacks}

Zwischen Hype und Realität

Trending Topics Tech Talk

Der Podcast mit smarten Köpfen für smarte Köpfe

Weiterlesen