Bitcoin-Fork BIP 110 ist gescheitert
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Ein Vorschlag wollte Bilder, Texte und andere „Spam“-Daten aus der Bitcoin-Blockchain verbannen. Am Wochenende kam es zur Kraftprobe – und die ging deutlich aus: Die abgespaltene Kette brachte in 15 Stunden ganze zwei Blöcke zustande, während Bitcoin um 90 Blöcke weiterlief.
Über das „Bitcoin Improvement Proposal 110″, kurz BIP-110, wird in der Bitcoin-Community seit Monaten gestritten. Am Samstagabend kam es zur Entscheidung – und BIP-110 fiel durch. Die Regeländerung hätte 55 Prozent Zustimmung der Miner gebraucht. Bekommen hat sie 2,53 Prozent.
Worum es ging
In jeden Bitcoin-Block passen nur rund vier Megabyte. Wer bezahlt, darf diesen Platz füllen – auch mit Dingen, die nichts mit Zahlungen zu tun haben: Bilder, Texte, sogenannte Inscriptions oder Ordinals. Ein Teil der Community sieht darin Spam, der die Blockchain aufbläht und die Gebühren für normale Überweisungen in die Höhe treibt.
BIP-110 wollte solche Daten für rund ein Jahr per Konsensregel einschränken. Der Vorschlag stammt vom Pseudonym „Dathon Ohm“, als treibende Kraft dahinter gilt der langjährige Entwickler Luke Dashjr, der auch die alternative Bitcoin-Software Knots betreut.
Warum viele die Methode ablehnten
Das Ziel teilten durchaus viele. Kritisiert wurde vor allem der Weg dorthin – und zwar an drei Punkten:
Die niedrige Schwelle. 55 Prozent Zustimmung sind für eine Änderung an den Grundregeln von Bitcoin sehr wenig. Bei früheren Upgrades wie SegWit oder Taproot stand nahezu das gesamte Netzwerk dahinter.
Der eingebaute Chain-Split. Üblicherweise scheitert ein Vorschlag einfach, wenn die Zustimmung fehlt. BIP-110 war anders konstruiert: Als „User Activated Soft Fork“ (UASF) sollte er sich bei Verfehlen der Schwelle auf eine eigene Kette abspalten. Genau das ist passiert.
Die begrenzte Wirkung. Selbst bei Erfolg hätte BIP-110 Spam nicht wirklich verhindert. Die Regel war auf ein Jahr befristet, und wer Daten in der Blockchain unterbringen will, findet erfahrungsgemäß neue Wege innerhalb der erlaubten Grenzen.
Dazu kam grundsätzliche Kritik: Wer für Blockspace bezahlt, solle selbst entscheiden dürfen, wofür er ihn nutzt. Andernfalls entscheide das Protokoll darüber, welche Transaktionen „erwünscht“ sind – für viele ein Einfallstor für Zensur.
Die Nacht der Entscheidung
Gegen 21:30 Uhr deutscher Zeit wurde Block 961.631 gefunden. Ab da lief das sogenannte Mandatory Signaling: Nodes mit BIP-110-Regeln akzeptierten nur noch Blöcke, die ausdrücklich Zustimmung signalisieren. Alle anderen lehnten sie ab.
Block 961.632 kam zuerst auf der normalen Bitcoin-Blockchain – und wurde von den BIP-110-Nodes verworfen. Kurz darauf entstand ein eigener Block 961.632 auf der BIP-110-Kette, danach noch 961.633. Kurz war es spannend: Wäre die neue Kette schneller gewachsen, hätte man sie ernst nehmen müssen.
Dann passierte nichts mehr. Rund 15 Stunden später stand Bitcoin bei Block 961.722, die BIP-110-Kette immer noch bei 961.633 – ein Abstand von 90 Blöcken.
Warum die Kette praktisch tot ist
Der Grund ist simpel: Eine abgespaltene Kette erbt die volle Schwierigkeit von Bitcoin, hat aber nur einen Bruchteil der Rechenleistung. Michael Saylor bezifferte den Anteil auf rund 0,15 Prozent. Statt alle zehn Minuten entsteht dort nur alle paar Stunden ein Block.
Diese Schwierigkeit sinkt erst nach 2.016 Blöcken automatisch. Bei diesem Tempo würde das Jahre dauern – Monitoring-Dienste schätzen rund 350 Tage, wenn es überhaupt so weiterliefe. Für Miner gibt es außerdem keinen Anreiz: Sie müssten dieselben teuren Ressourcen einsetzen, bekämen aber Coins, die keine Börse handelt.
Beide Blöcke wurden von einem Miner namens „Roughnecks“ über den Pool OCEAN geschürft. Der sorgte in der Community für Spott, denn Luke Dashjr ist Mitgründer von OCEAN. Roughnecks hat sich inzwischen aufgelöst – vieles deutet darauf hin, dass die Rechenleistung nur gemietet war.
Für Nutzerinnen und Nutzer gibt es zudem ein Risiko: Beide Ketten akzeptieren dieselben Transaktionen, ein Replay-Schutz fehlt. Eine Transaktion auf der Fork-Kette lässt sich also auch im echten Bitcoin-Netz ausführen.
Prominenter Gegenwind
Michael Saylor, Executive Chairman von Strategy, veröffentlichte im Juli eine Liste mit 110 Argumenten gegen den Vorschlag. Er teile die Ziele, halte den Weg aber für einen Angriff auf die Neutralität der Regeln: Konsensregeln sollten auf nachgewiesene Bedrohungen reagieren, nicht auf zugeschriebene Absichten. Bitcoin brauche keine Hüter der Reinheit, sondern neutrale Hüter.
Blockstream-CEO Adam Back warnte vor Schäden für die Glaubwürdigkeit von Bitcoin und davor, dass bestimmte Guthaben (UTXOs) unter den neuen Regeln nicht mehr ausgebbar wären. Auch der Analyst PlanB äußerte Bedenken. Der Streit erreichte sogar die Entwickler-Governance: Bitcoin-Core-Entwickler Murch schlug vor, Dashjr als BIP-Editor abzusetzen.
Die Befürworter geben nicht auf
Dashjr selbst hält an der Sache fest. Er argumentiert, dass Miner ohne BIP-110 ungültige Blöcke produzieren und damit Geld verlieren würden – und dass sie Bitcoin angreifen. Die langsamen Blockzeiten auf der eigenen Kette seien hinzunehmen. Im Umfeld der Befürworter wird außerdem ein Wechsel des Mining-Algorithmus diskutiert. Damit wäre die Abspaltung endgültig eine eigene Kryptowährung. Am Markt blieb das Ganze folgenlos, Coinbase und Kraken meldeten normalen Betrieb.
Bleibt die Erkenntnis, die BIP-110 unfreiwillig geliefert hat: Bitcoin lässt sich gegen den Willen der Mehrheit praktisch nicht verändern. Die Debatte über Spam und darüber, wovon Miner künftig leben sollen, wenn die Blockbelohnung weiter sinkt, ist damit allerdings nicht beendet.

