Aufrüstung

Cambridge Aerospace: Startup für Abfangraketen bei 3,4 Milliarden Dollar Bewertung

© Cambridge Aerospace
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Europas Defence-Tech-Boom bekommt einen weiteren Protagonisten: Cambridge Aerospace hat am Montag den Abschluss einer Series-C-Finanzierungsrunde über 300 Millionen Dollar bekannt gegeben. Die Post-Money-Bewertung des britischen Herstellers von Luftverteidigungssystemen liegt damit bei 3,4 Milliarden Dollar. Angeführt wurde die Runde vom kalifornischen Wachstumsinvestor DFJ Growth, mit dabei waren außerdem Lux Capital, Accel, Lakestar, Never Lift, Ora Global sowie Elad Gil & Co.

Bemerkenswert ist vor allem das Tempo. Cambridge Aerospace wurde erst im September 2024 gegründet — und hat seither nach Angaben von CEO Steven Barrett insgesamt mehr als 630 Millionen Dollar eingesammelt. Erst im April dieses Jahres hatte das Unternehmen eine Series B über 200 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 1,3 Milliarden Dollar abgeschlossen, damals co-angeführt von Elad Gil & Co und Spark Capital. Innerhalb von rund vier Monaten hat sich die Bewertung also mehr als verdoppelt; gegenüber der Series A im Sommer 2025 (100 Millionen Dollar bei rund 400 Millionen Dollar Bewertung) liegt sie beim Achtfachen.

Skyhammer und Starhammer: Abfangraketen zum Bruchteil des Preises

Das Produktversprechen von Cambridge Aerospace ist im Kern ein ökonomisches. Die klassische Luftverteidigung leidet an einem Kostenproblem: Wer eine Shahed-Drohne im Wert von wenigen zehntausend Dollar mit einer Rakete für mehrere Millionen abschießt, verliert das Austauschverhältnis — selbst wenn er das Duell technisch gewinnt. Genau hier setzt das erste Produkt des Unternehmens an.

Skyhammer ist ein hoch-subsonischer Interceptor, der mit rund Mach 0,7 fliegt, eine Reichweite von etwa 30 Kilometern hat und auf langsamere Ziele wie Angriffsdrohnen und Marschflugkörper ausgelegt ist. Die Stückkosten sollen im Bereich von „zehntausenden“ Dollar liegen — laut früheren Angaben des Unternehmens bei ein bis zwei Prozent des Preises konventioneller Abfangraketen. Der Ansatz: Autonomie in der Steuerung, um Entwicklungs- und Fertigungskosten niedrig zu halten, und Masse statt Einzelstück-Perfektion.

Das zweite System, Starhammer, ist eine raketengetriebene Hochgeschwindigkeitsvariante für schnellere und höherwertige Bedrohungen — bis hin zu ballistischen Flugkörpern. Starhammer soll 2027 auf den Markt kommen. Zusätzlich baut das Unternehmen in Norfolk an einer eigenen Fertigung für Feststoffraketentriebwerke, einem der klassischen Engpässe der europäischen Rüstungsproduktion.

Die frischen Mittel sollen vor allem in den Ausbau der Fertigung fließen. Aktuell liegt die Produktion im niedrigen dreistelligen Bereich pro Monat, das erklärte Ziel sind mehrere tausend Skyhammer monatlich.

Aufträge aus London, Tests in Jordanien

Kunden hat Cambridge Aerospace bereits. Im April kündigte das britische Verteidigungsministerium auf der London Defence Conference einen Millionen-Pfund-Vertrag über Skyhammer-Interceptoren samt Startgeräten für die britischen Streitkräfte und Golf-Partner an; kurz darauf wurden die Systeme in Jordanien erfolgreich getestet. Im Juli folgte die Aufnahme in das Programm LEAP (Low-Cost Effectors & Autonomous Platforms). Mit der US-Regierung laufen Gespräche.

Rund 250 Menschen arbeiten inzwischen für das Unternehmen, zwei Drittel davon in technischen und Engineering-Rollen, ergänzt um Veteranen alliierter Streitkräfte. Neben Großbritannien ist Cambridge Aerospace in Deutschland, Polen, Norwegen, der Ukraine und Australien präsent.

Das Gründungsteam ist ungewöhnlich zusammengesetzt: CEO Steven Barrett ist Regius Professor of Engineering in Cambridge und war zuvor Leiter der Luftfahrtforschung am MIT. CCO Chris Sylvan diente mehr als ein Jahrzehnt bei den Royal Marines und arbeitete anschließend beim US-Defence-Tech-Konzern Anduril. Dazu kommt Seriengründer Junaid Hussain. Ex-Verteidigungsminister Grant Shapps, der dem Unternehmen als Chairman vorstand, war im Juni zurückgetreten; einen Nachfolger gibt es vorerst nicht.

„Diese Runde ist ein Beleg für die unglaubliche Arbeit des gesamten Cambridge-Aerospace-Teams“, sagt Barrett. Mit dem neuen Kapital wolle man Fertigung und Auslieferung so skalieren, dass sie mit dem Tempo der Bedrohungslage und dem Bedarf der Alliierten Schritt halten.

Randy Glein, Gründer und Managing Partner von DFJ Growth, begründet das Investment mit dem Drohnenproblem: Cambridge Aerospace habe ein bezahlbares und präzises Counter-UAS-System entwickelt, und man habe den globalen Markt gescannt, bevor man sich für dieses Team entschieden habe.

Aus London kam prompt politischer Applaus. Verteidigungsminister Wes Streeting nannte die Bewertung einen Vertrauensbeweis für Großbritannien und verwies auf das „Unicorn-Scheme“ der Regierung, das genau solche Skalierungen britischer Start-ups zu Milliardenunternehmen hervorbringen solle.

Im Vergleich: Helsing, Quantum Systems — und die neue Größenordnung

Die 3,4 Milliarden Dollar Bewertung wirken beeindruckend, ordnen Cambridge Aerospace im europäischen Defence-Tech-Feld aber klar hinter den beiden deutschen Schwergewichten ein — die allerdings beide einen deutlichen zeitlichen Vorsprung haben.

Helsing hat am 13. Juli 2026 eine Series E über 1,8 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden Dollar abgeschlossen — die größte Finanzierungsrunde der deutschen Startup-Geschichte, getragen unter anderem von Dragoneer, Lightspeed, Iconiq, Goldman Sachs Alternatives, JPMorganChase und dem kanadischen Pensionsfonds CPP Investments. Das 2021 gegründete Münchner Unternehmen ist damit rund fünfmal so hoch bewertet wie Cambridge Aerospace und hat in einer einzigen Runde das Sechsfache dessen eingesammelt, was die Briten jetzt aufgenommen haben. Helsings Schwerpunkt liegt allerdings woanders: KI-Software für die Gefechtsführung, elektronische Kampfführung, Unterwasseraufklärung und das unbemannte Kampfflugzeug CA-1.

Quantum Systems wiederum schloss am 2. Juli 2026 eine Series D über 1,2 Milliarden Dollar bei rund 8 Milliarden Dollar Post-Money-Bewertung ab, co-angeführt von Blackstone, Noteus, Airbus und Advent. Damit hat sich der Wert des Aufklärungsdrohnen-Herstellers innerhalb von sieben Monaten mehr als verdoppelt — Ende 2025 lag er noch bei rund 3,5 Milliarden Dollar. Anders als die meisten Defence-Scale-ups weist Quantum Systems dabei bereits rund 300 Millionen Euro Umsatz (2025) und zweistellige EBITDA-Margen aus.

Mehr Kapital aus neuen Quellen

Interessanter als die absoluten Zahlen ist die Steigungsrate. Cambridge Aerospace kommt von null auf 3,4 Milliarden Dollar in weniger als zwei Jahren — Helsing brauchte für den Sprung in die Milliardenklasse rund drei Jahre, Quantum Systems, 2015 gegründet, mehr als zehn. Gemeinsam ist allen drei Runden ein Muster, das den europäischen Markt seit Sommer 2026 prägt: Der Kapitalzufluss kommt zunehmend nicht mehr von klassischen Venture-Fonds, sondern von Crossover-Investoren, Private-Equity-Häusern, Pensionsfonds und strategischen Industriepartnern — also von Geld, das üblicherweise erst kurz vor einem Börsengang auftaucht.

Und ebenso gemeinsam ist ihnen die offene Frage nach der Substanz hinter den Bewertungen. Helsing wies für 2024 einen Umsatz von 26,9 Millionen Euro aus, dem heute 18 Milliarden Dollar Bewertung gegenüberstehen. Cambridge Aerospace hat sein erstes Produkt gerade erst ausgeliefert. Was Investoren derzeit einpreisen, sind weniger aktuelle Zahlen als die Erwartung, dass die europäischen Verteidigungsbudgets in den nächsten Jahren in Auftragsbücher fließen — und dass diese Unternehmen dann liefern können.

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