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Wildberries: Milliardenschäden durch ukrainische Angriffe auf „Russlands Amazon“

Burning Wildberries Warehouse. © Facebook
Burning Wildberries Warehouse. © Facebook

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Seit Mitte Juli treffen ukrainische Drohnen systematisch die Logistikzentren von Wildberries. Nach Schätzungen des Marktforschers Data Insight sind dabei Lagerbestände im Wert von bis zu fünf Milliarden US-Dollar verbrannt. Nun wird in Moskau über eine staatliche Rettung des hoch verschuldeten Onlinehändlers diskutiert.

Wildberries ist Russlands größter Onlinehändler – und seit einigen Wochen eines der bevorzugten Ziele der ukrainischen Drohnenkampagne. Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf Analysen des Marktforschungsunternehmens Data Insight und weitere Quellen berichtet, wurden bei den Angriffen Waren im Wert von bis zu fünf Milliarden US-Dollar zerstört. Betroffen ist demnach eine Lagerfläche von mehr als einer Million Quadratmetern.

Die Zahlen sind Schätzungen und stammen überwiegend aus russischen Marktforschungs- und Medienquellen; unabhängig überprüfbar sind sie nur eingeschränkt. Auch das Ausmaß der Zerstörung lässt sich von außen kaum verifizieren – das US-Magazin Business Insider hat zuletzt Satellitenbilder ausgewertet, die beschädigte Hallen zeigen.

Estland beziffert den Schaden deutlich niedriger

Eine zweite, deutlich konservativere Zahl kommt aus Tallinn: Das Nachrichtenzentrum der estnischen Verteidigungsstreitkräfte bezifferte die direkten wirtschaftlichen Verluste Russlands durch die Wildberries-Angriffe Ende Juli auf bis zu zwei Milliarden US-Dollar. Der Unterschied zur Data-Insight-Schätzung erklärt sich vor allem durch die Abgrenzung: Die fünf Milliarden Dollar beziehen sich auf den Warenwert der zerstörten Lagerbestände inklusive der Ware von Drittanbietern, die estnische Zahl auf den direkten volkswirtschaftlichen Schaden.

Der estnische Bericht, über den der öffentlich-rechtliche Sender ERR berichtete, nennt als betroffene Standorte Logistikanlagen in den Regionen Moskau und Tambow sowie in den Regionen Krasnodar und Stawropol. Aus estnischer Sicht wird der Marktplatz aktiv zur Versorgung des russischen Militärs genutzt, insbesondere für die Beschaffung von Ausrüstung, Drohnen und Ersatzteilen.

Über den unmittelbaren Sachschaden hinaus verweist der Geheimdienst auf einen indirekten Effekt: Der von der russischen Zentralbank erhobene Index der Geschäftsaktivität fiel im Juli auf den niedrigsten Stand seit Mitte 2022. Estland ordnet die Wildberries-Angriffe zudem in eine breitere Kampagne gegen russische Logistik ein – auch im Asowschen und im Schwarzen Meer, was Nachschub für die Truppen und die Exportkapazitäten des Landes belaste.

Warum Wildberries ins Visier geriet

Wildberries wurde 2004 von Tatjana Kim gegründet, die bis 2024 unter dem Namen Tatjana Bakaltschuk bekannt war. Nach dem Rückzug westlicher Konzerne aus Russland infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ab 2022 wuchs das Unternehmen zum dominierenden Marktplatz des Landes heran, häufig als „Russlands Amazon“ bezeichnet. Wie Amazon vermietet Wildberries seine Lagerinfrastruktur auch an Drittanbieter.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj begründete die Angriffe damit, dass über die Logistikzentren des Konzerns Drohnenkomponenten, Navigationstechnik und weitere Ausrüstung an die russischen Streitkräfte gelangten. Wildberries-Gründerin Kim weist das zurück, der Kreml bezeichnet die Angriffe als Terrorakte. Unstrittig ist, dass auf der Plattform Güter mit möglichem Dual-Use-Charakter gehandelt wurden – 2025 hatte Wildberries zeitweise sogar eine eigene Kategorie für Militärausrüstung wie Schutzwesten und Helme eingerichtet und später wieder entfernt.

Die Händler tragen den Schaden mit

Einen erheblichen Teil der Verluste tragen nicht Wildberries selbst, sondern die zehntausenden kleinen und mittleren Händler, die über die Plattform verkaufen. Kim erklärte im Juli, die Lagerhallen seien zwar versichert, die Policen deckten Terrorrisiken durch Drohnenangriffe aber nicht ab. Wenige Wochen vor Beginn der Angriffsserie hatte das Unternehmen seine Vertragsbedingungen für Verkäufer angepasst und die Haftung für Waren gestrichen, die bei Raketen- oder Drohnenangriffen sowie Unruhen verloren gehen.

Laut Wall Street Journal wurden Händlern teilweise Entschädigungen angeboten; ihre Waren aus nicht betroffenen Lagern abziehen dürfen sie demnach jedoch nicht. Wildberries kündigte zudem einen dreimonatigen Zahlungsaufschub für Kredite von Verkäufern an. Bei den Angriffen sind nach Angaben russischer Behörden und westlicher Medien auch mehrere Menschen ums Leben gekommen, darunter Beschäftigte aus Zentralasien.

Zehn Milliarden Dollar Schulden – und die Frage nach dem Staat

Der finanzielle Hebel liegt in der Verschuldung: Wildberries hat laut Wall Street Journal bei russischen Banken Kredite von mehr als zehn Milliarden US-Dollar aufgenommen, unter anderem bei Sberbank und VTB. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte, dass die Regierung mit dem Unternehmen über Unterstützungsmaßnahmen spreche. Reuters berichtete zuvor über mögliche Instrumente wie staatlich abgesicherte Kredite, Steuererleichterungen und Subventionen – auch für betroffene Händler. Eine Entscheidung ist bislang nicht gefallen.

Eng verflochten ist der Konzern mit dem Staat auch auf Eigentümerseite: 2024 fusionierte Wildberries mit einer Werbeholding aus dem Umfeld des Oligarchen Suleiman Kerimow, ein Deal, der laut Wall Street Journal von Wladimir Putin abgesegnet wurde.

Parallel versucht das Unternehmen auszuweichen. In Kasachstan sollen laut dortigen Behörden 260.000 Quadratmeter neue Lagerfläche entstehen, die Fertigstellung ist für Anfang 2027 geplant. Auch Konkurrent Ozon, dessen Anlage in Selenodolsk in unmittelbarer Nachbarschaft eines getroffenen Wildberries-Lagers liegt, verlagert Standorte.

Kommerzielle Tech-Infrastruktur als Kriegsziel

Der Fall Wildberries steht nicht allein. 2026 ist auch in einem zweiten Konflikt zivil betriebene Technik-Infrastruktur zum militärischen Ziel geworden: Im US-Iran-Krieg traf es die Rechenzentren von Amazon Web Services am Golf.

Nach dem Beginn der US-Bombardierungskampagne gegen den Iran im Februar 2026 meldete Amazon Anfang März Schäden an drei Standorten im Nahen Osten. Zwei Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden nach Unternehmensangaben direkt getroffen, ein Standort in Bahrain durch einen Drohneneinschlag in unmittelbarer Nähe beschädigt – mit strukturellen Schäden, Stromproblemen und Wasserschäden durch ausgelöste Löschanlagen. AWS evakuierte Personal und riet Kundinnen und Kunden, kritische Workloads in andere Regionen zu verlagern und Notfallpläne zu aktivieren. Ende April teilte der Konzern mit, dass die Wiederinbetriebnahme der Regionen ME-CENTRAL-1 (VAE) und ME-SOUTH-1 (Bahrain) Monate dauern werde.

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