Überlegungen

China könnte Ausfuhr von Open Weight AI beschränken

Yang Zhilin of Moonshot AI. © Moonshot AI
Yang Zhilin of Moonshot AI. © Moonshot AI

Chinas Handelsministerium (MofCom) prüft, den Export von KI- und Halbleitertechnologie deutlich stärker zu regulieren. Laut einem Bericht der Financial Times führen die Regulatoren seit Wochen Gespräche mit den führenden heimischen KI- und Chipunternehmen, um zu verhindern, dass fortgeschrittene chinesische Technologie und Vorzeige-Startups in westliche Hände geraten. Zu den Unternehmen, die in die Konsultationen eingebunden sind, zählen dem Bericht zufolge Alibaba, ByteDance und Zhipu (Z.ai).

Im Zentrum stehen dabei zwei Punkte: die Weitergabe von Trainingsdaten ins Ausland und die Frage, ob ausländische Nutzerinnen und Nutzer die Modellgewichte chinesischer KI-Systeme weiterhin frei herunterladen dürfen. Der Zugang zu den Modellen als Service – also über APIs und Cloud-Angebote – soll laut FT auch künftig möglich bleiben. Beschränkt würde also nicht die Nutzung, sondern der Besitz.

Die Überlegungen sind nicht neu, sondern verdichten sich. Bereits Anfang Juli hatte Reuters berichtet, dass MofCom gemeinsam mit der Planungsbehörde NDRC Gespräche mit Alibaba, ByteDance und Z.ai über eine Beschränkung des Auslandszugangs zu Chinas leistungsfähigsten Modellen geführt hat – ausdrücklich auch zu solchen, die noch nicht veröffentlicht sind. Im Raum stand dabei ein abgestuftes Regime: einfache Meldepflichten für weniger leistungsfähige Open-Source-Modelle, Sicherheitsprüfungen für stärkere Systeme und ein möglicher Ausschluss der leistungsfähigsten Modelle von einer öffentlichen Veröffentlichung. Diskutiert wurde laut Reuters außerdem, den Diebstahl oder das Durchsickern proprietärer KI-Technologie als Verstoß gegen das nationale Sicherheitsgesetz zu behandeln.

Für europäische Unternehmen oder Startups hätte das krasse Folgen, da viele auf Open-Weight-LLMs aus China setzen. Diese sind oft leistungsfähig, aber günstig und eben auf eigener Infrastruktur zu betreiben.

Auch Chipdesigns und Übernahmen im Visier

Die FT berichtet darüber hinaus von Überlegungen, ausländischen Auftragsfertigern wie TSMC oder Anbietern wie Qualcomm zu untersagen, fortgeschrittene Halbleiter auf Basis von Designs chinesischer Unternehmen – genannt werden Huawei, Alibaba und ByteDance – zu produzieren. Zusätzlich könnten Beschränkungen für die Übernahme strategischer Technologieunternehmen durch ausländische Käufer kommen, etwa im Bereich agentischer KI. Anlass sei laut FT eine Lücke, die aus Sicht Pekings die zwei Milliarden Dollar schwere Übernahme des Agenten-Start-ups Manus durch Meta ermöglicht habe – ein Deal, dessen Rückabwicklung die chinesischen Behörden später anordneten.

Die Maßnahmen sollen dem Bericht zufolge in die nächste Überarbeitung des chinesischen Katalogs verbotener und beschränkter Exporttechnologien einfließen. Dieser Katalog ist neben zwei Kontrolllisten für Dual-Use-Güter eines der drei zentralen Exportkontrollregime des Landes; zuletzt wurden 2025 mehrere Fertigungstechnologien für Lithium-Ionen-Batterien aufgenommen, zusätzlich zu bestehenden Kontrollen etwa bei Seltenen Erden. Die nun diskutierte Aktualisierung wäre laut den von der FT zitierten Personen die weitreichendste seit Jahren.

Entschieden ist allerdings nichts. Die Vorschläge befinden sich im Konsultationsstadium, die Behörden wägen die Rückmeldungen der Industrie ab. Und diese Rückmeldungen fallen offenbar kritisch aus: Mehrere Unternehmen haben den Regulatoren laut FT mitgeteilt, dass strengere Auflagen ihre eigene Entwicklungsgeschwindigkeit bremsen und Chinas Chancen im globalen Technologiewettlauf schmälern würden. MofCom, ByteDance, Alibaba, Zhipu und Huawei reagierten nicht auf Anfragen der FT.

Warum Open Weight zum Politikum geworden ist

Dass Peking überhaupt über Exportkontrollen für frei verfügbare Modelle nachdenkt, hat mit einer Verschiebung der letzten 18 Monate zu tun. Die stärksten Modelle aus den USA – von OpenAI und Anthropic – sind geschlossen und nur über APIs nutzbar. Die stärksten chinesischen Modelle sind das Gegenteil: Sie werden als Open-Weight-Modelle veröffentlicht, lassen sich also herunterladen, auf eigenen Servern betreiben, feintunen und weiterverwenden. Genau das hat Qwen (Alibaba), DeepSeek und Kimi (Moonshot AI) zur Standardwahl vieler Entwicklerinnen und Entwickler weltweit gemacht – auch in Europa, wo Souveränitätsargumente eine Rolle spielen.

Wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht, zeigt der jüngste Release von Moonshot AI. Das Pekinger Labor veröffentlichte am 16. Juli Kimi K3, ein Mixture-of-Experts-Modell mit 2,8 Billionen Parametern, nativ multimodal und mit einem Kontextfenster von rund einer Million Token. Es ist damit das bislang größte Open-Weight-Modell überhaupt; die vollständigen Gewichte sind für den 27. Juli angekündigt. In unabhängigen Auswertungen von Artificial Analysis landet K3 im Spitzenfeld: In deren Intelligence Index rangiert das Modell auf Platz drei und liegt damit hinter Claude Fable 5 und GPT-5.6 Sol, aber vor Anthropics Claude Opus 4.8 – bei etwa der Hälfte der Kosten pro Aufgabe. In Arena.ai’s Frontend Code Arena führt K3 das Feld an. Moonshot selbst führt die Sprünge unter anderem auf architektonische Änderungen wie Kimi Delta Attention und Attention Residuals zurück, also auf Effizienzgewinne statt reiner Rechenleistung – ein Punkt, den auch Analysten mit Blick auf die US-Chipexportkontrollen hervorheben.

USA mit Restriktionen für Fable 5 und GPT-5.6

Damit ist ein Modell mit annähernd Frontier-Niveau erstmals nicht nur billig, sondern auch dauerhaft aus der Hand zu geben. Und genau darin liegt aus Sicht Pekings das Problem: Wer Gewichte veröffentlicht, kann sie nicht zurückholen. Ein API-Zugang lässt sich abschalten, eine heruntergeladene Datei nicht. Exportkontrollen für Open-Weight-Modelle wirken deshalb nur prospektiv – auf künftige Releases, nicht auf bereits verteilte.

Beide Supermächte greifen damit zunehmend zum gleichen Instrument. In den USA hatte das Handelsministerium im Juni Exportkontrollen auf Anthropics Modelle Fable 5 und Mythos 5 angewandt, die nach rund zwei Wochen wieder aufgehoben wurden. Für europäische Unternehmen, die ihre KI-Strategien auf verfügbare offene Modelle aus China und den USA aufgebaut haben, verschiebt sich damit eine Annahme, die zuletzt selbstverständlich schien: dass die nächste Generation offener Gewichte ohne Weiteres verfügbar sein wird.

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