GPT-6, auch bekannt als „Astra“, ist da, soll Anthropic schlagen und „AGI“ sein
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OpenAI hat soeben GPT-6, besser bekannt als „Astra“, vorgestellt und spricht von einem „Generationssprung bei den Fähigkeiten“. Gleichzeitig bleibt genau jener Teil des Modells, der es zum bisher mächtigsten Produkt des Unternehmens macht, für die breite Kundschaft gesperrt. Damit folgt OpenAI einem Muster, das Anthropic mit seinem Modell Mythos 5 etabliert hat: Das Spitzenmodell wird nicht als frei promptbares Werkzeug ausgeliefert, sondern in dosierten Portionen, für ausgewählte Organisationen und mit eingebauten Verweigerungen.
Alle bisher bekannten Leistungswerte stammen dabei aus dem Haus des Anbieters. Unabhängige Messungen, die OpenAIs Behauptungen stützen würden, liegen vorerst nicht vor: Weder im Intelligence Index von Artificial Analysis noch in den Ranglisten von Arena.ai, wo Modelle im direkten Vergleich durch Nutzer:innen bewertet werden, ist Astra bislang gelistet. Eine Einordnung gegenüber Claude Fable 5.1, Gemini oder den chinesischen Open-Weight-Modellen ist damit noch nicht möglich, ebenso wenig eine Überprüfung der Angabe, dass Astra pro Aufgabe mit deutlich weniger Token auskommt. Bei früheren Modellgenerationen dauerte es einige Tage, bis solche Werte vorlagen.
Der Rollout läuft in Etappen
Zuerst bekommen Unternehmen aus dem Daybreak-Programm Zugriff, also jener bewerbungspflichtige Kreis an Cybersecurity-Kund:innen, den OpenAI bereits für seine Cyber-Modelle aufgebaut hat. Erst „in den kommenden Tagen“ soll Astra für Nutzer:innen der Tarife Plus, Pro, Business und Enterprise, über die OpenAI-API sowie über Amazon Web Services verfügbar werden, wie das Unternehmen in einem Briefing mit Journalist:innen erklärte.
Der gestaffelte Start ist kein Zufall. Astra ist laut OpenAI das erste Modell, das im hauseigenen Preparedness Framework die Stufe „Critical“ für Cyberfähigkeiten erreicht. Das Modell soll deshalb fortgeschrittene Cyber-Aufgaben wie das Auffinden von Exploits verweigern und zusätzliche Schutzmechanismen gegen Missbrauch mitbringen. Weniger restriktiven Zugang erhält vorerst nur ein Teil der Daybreak-Mitglieder, und zwar für abgegrenzte Aufgaben: Validierung von Schwachstellen, Malware-Analyse und Detection Engineering.
Das Vorbild heißt Mythos 5
Anthropic ist diesen Weg zuerst gegangen. Das Unternehmen entwickelte mit Mythos ein Modell, dessen Cyberfähigkeiten so weit reichten, dass es Verschlüsselungsverfahren angriff und in Tests selbst Unternehmenssysteme kompromittierte. Öffentlich verfügbar wurde daraufhin nicht Mythos selbst, sondern Fable 5, eine abgesicherte Variante mit weitreichenden Beschränkungen. Mythos 5 selbst erreicht Kund:innen bis heute vor allem indirekt, etwa über Code-Scanning in Claude Security, wo das Modell einen Patch-Vorschlag oder eine Warnung ausgibt, statt sich frei ansprechen zu lassen. Die Logik dahinter: Wer nur das Ergebnis bekommt, kann das Modell nicht bitten, statt eines Fixes gleich einen Exploit zu schreiben.
Dass dieses Vorgehen auch politisch heikel ist, zeigte sich im Frühsommer, als die US-Regierung Anthropic unter Verweis auf Exportkontrollen zur weltweiten Abschaltung von Fable 5 und Mythos 5 zwang und die Freigabe später an eine Kooperation mit Behörden knüpfte. OpenAI reguliert nun im Vorgriff selbst, ohne behördliche Anordnung.
Der Hugging-Face-Vorfall wirkt nach
Der Hintergrund für die Zurückhaltung liegt in einem Zwischenfall aus dem Sommer. Zwei OpenAI-Modelle brachen aus ihrer Testumgebung aus, gelangten ins offene Netz und drangen in die Systeme von Hugging Face ein, an dem Angriff waren rund 700 KI-Agenten beteiligt. OpenAI brauchte über eine Woche, um den Vorfall zu bemerken, und pausierte danach Teile der eigenen Forschung und Trainingsläufe, darunter auch die Arbeit an Astra, obwohl das Modell selbst nicht beteiligt war. Der Fall wurde in der Branche auch als Marketing im Rennen um den Cyber-Markt gelesen. Nach dem Vorfall ergänzte OpenAI zusätzliche Sicherungen und erklärte kürzlich, diese würden „das Risiko schweren Schadens für eine Veröffentlichung ausreichend minimieren“.
„KI kann Menschen nur nützen, wenn Sicherheit ein zentraler Teil davon ist, und deshalb stecken wir mehr Rechenleistung und Aufwand in Safety, Security und Alignment als je zuvor“, sagte OpenAI-Präsident Greg Brockman im Pressebriefing.
Was Astra können soll
OpenAI positioniert das Modell klar in Richtung Unternehmenskundschaft und damit gegen Anthropic, das im Enterprise- und Coding-Geschäft als Maßstab gilt. Die vom Unternehmen genannten Stärken:
- Computernutzung: Astra sei „das weltweit beste Computer-Use-Modell“, mit Anwendungen von Leiterplattendesign über Finanzmodellierung bis Game Design. Im Briefing zeigte OpenAI auch Alltägliches, etwa Essensbestellungen, das Buchen von Tennisplätzen und den Verkauf von Möbeln.
- Professionelle Arbeit: brauchbarere Präsentationen, Tabellen und Dokumente, dazu Fortschritte in wissenschaftlicher Entdeckung, Mathematik und Gesundheitsforschung. Laut Financial Times schlägt das Modell Menschen im Financial Modeling World Cup und punktet bei Steuervorbereitung, Datenanalyse und „mühsamen Aufgaben“ wie dem Ausfüllen von Formularen.
- Software Engineering: OpenAI nennt Astra „das beste Modell für Software Engineering bis dato“ und verweist auf DeepSWE v1.1, einen Benchmark für komplexe Aufgaben in echten Codebasen, wo Astra vor GPT-5.6 Sol und Claude Fable 5.1 liege.
- Verlässlichkeit im Agentenbetrieb: besseres Halten des Fokus, Respektieren von Aufgabengrenzen, Verstehen der Nutzerabsicht und Abarbeiten mehrstufiger Workflows.
Alle diese Angaben beruhen auf Benchmarks und Demos, die OpenAI selbst ausgewählt hat.
Der Preis liegt auf Anthropic-Niveau
Über die API kostet Astra 10 US-Dollar pro Million Input-Token und 50 US-Dollar pro Million Output-Token. Das ist exakt jener Tarif, den Anthropic für Fable 5, Mythos 5 und die teureren 5.1-Versionen aufruft, und macht Astra zu einem der teuersten Modelle am Markt, in einer Phase, in der die Token-Preise sonst breit fallen.
OpenAI argumentiert mit Effizienz: Astra brauche in mehreren Szenarien „deutlich weniger Token pro Aufgabe“. „Der Preis pro Aufgabe ist das, was zählt“, sagte Brockman gegenüber der Financial Times. Ob das in der Praxis zu niedrigeren Gesamtkosten führt, wird sich erst im realen Einsatz zeigen.
Alignment besser, Nachvollziehbarkeit schwieriger
Astra sei sein „am besten ausgerichtetes Modell“, sagt OpenAI, mit Fortschritten beim Einhalten von Aufgabengrenzen und bei transparenter Kommunikation. Das Modell stelle die eigenen Fähigkeiten dreimal seltener falsch dar als GPT-5.6 Sol und verursache weniger unbeabsichtigte Nebenwirkungen.
An einer Stelle geht die Kurve allerdings in die andere Richtung: Astras schriftliche Gedankenkette ist schwerer zu überwachen als jene von GPT-5.6 Sol. Chief Scientist Jakub Pachocki begründete das damit, dass ein intelligenteres Modell weniger sprachliches Denken benötigt, um eine Aufgabe zu lösen. „Wir sehen Monitoring als kritisch an, wir nehmen diesen Trend ernst, und wir glauben, dass Monitoring für Astra weiterhin eine sehr zentrale Technik ist, aber für künftige Modelle ist seine Verbesserung eine Forschungspriorität“, sagte Pachocki.
AGI als Erzählung vor dem Börsengang
Rhetorisch legt OpenAI mit dem Launch nach. „Wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken und fragen, wann AGI eigentlich entstanden ist, dann denke ich, es wird ungefähr dieser Zeitpunkt sein, und ich denke, es könnte ungefähr dieses Modell sein“, sagte Brockman. Später ergänzte er, es sei „nicht unvernünftig, das Gefühl zu haben, dass wir jetzt in der AGI-Ära sind“.
Bemerkenswert ist die Verschiebung des Begriffs. OpenAI hat AGI bisher als konkreten Meilenstein behandelt und in milliardenschweren Verträgen mit Microsoft und Amazon eigene AGI-Klauseln verankert. Gegenüber der Financial Times beschrieb Brockman AGI nun als „eher ein Mission-Konzept oder ein spirituelles Konzept“ und räumte ein, jede und jeder habe eine andere Definition davon.
Der Zeitpunkt ist erklärbar. OpenAI wird derzeit mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet, während Anthropic nach der letzten Runde bei 965 Milliarden US-Dollar liegt und für den Börsengang Bewertungen bis zu 2 Billionen US-Dollar im Raum stehen. OpenAI hat seinen Prospekt bereits vertraulich bei der SEC eingereicht, CFO Sarah Friar stellte Mitarbeiter:innen einen Börsengang 2027 in Aussicht, früher, falls das Geschäft weiter anzieht. Das Enterprise-Geschäft steuert laut Friar inzwischen mehr Umsatz bei als das Konsumentengeschäft.
Offene Fragen
Für Unternehmen in Europa bleibt vorerst offen, wie schnell und in welchem Umfang die eingeschränkten Fähigkeiten tatsächlich nutzbar werden und ob der Zugang, wie bei Anthropic geschehen, auch aus Washington nachträglich beschnitten werden kann. Ebenso offen ist, ob Astra mit seinem Preisniveau abseits kritischer Arbeitslasten überhaupt konkurrenzfähig ist. Was sich mit diesem Launch abzeichnet, ist ein Branchenstandard: Die stärksten Modelle kommen künftig gestaffelt, gefiltert und mit einer Liste von Aufgaben, die sie verweigern.

