Interview

Emerald Horizon: „Der Börsengang dient nicht dem Einsammeln von Geld, sondern der Kreditwürdigkeit“

Das Management-Team von Emerald Horizon. © Emerald Horizon
Das Management-Team von Emerald Horizon. © Emerald Horizon

Heute bekommt die Wiener Börse einen Neuzugang aus dem Tech-Sektor: Emerald Horizon AG aus Graz rund um CEO Florian Wagner macht das Listing und damit SMRX-Aktien handelbar. Warum Emerald den Schritt an die Börse macht, warum es dabei weniger um Kapital, sondern mehr um Kreditwürdigkeit geht und wie das Business Model funktioniert, erzählt Wagner heute im Interview mit Trending Topics.

Heute ist das Listing an der Wiener Börse. Der wichtigste Tag in der Geschichte von Emerald Horizon?

Es ist einer von vielen wichtigen Tagen. Wir haben keinen Sprint, wir haben einen Marathon mit vielen kleinen Meilensteinen. Heute ist ein weiterer davon – und wir freuen uns sehr, dass SMR-X jetzt an der Börse ist.

Warum überhaupt der Schritt an die Börse? Was bringt er dem Unternehmen?

Zunächst erzählt er die SMR-X-Story besser. Die Idee der Small Modular Reactors gibt es schon länger; unser X hat vier Enden: Strom speichern, Hitze speichern, Hitze erzeugen und Strom erzeugen. Als gelistetes Unternehmen können wir diese Botschaft viel klarer transportieren – auch, dass das X für Accelerator steht. Dieser Teilchenbeschleuniger, wie man ihn aus der Medizintechnik kennt, ist der entscheidende Unterschied zu anderen SMRs: Er produziert die Neutronen. Wir brauchen sie also nicht mehr aus einer kritischen Kettenreaktion. SMR-X ist gewissermaßen das inverse Bild eines klassischen Reaktors – Thorium allein ist nicht einmal spaltbar, erst der Accelerator macht die Energieerzeugung möglich. Und die Menschen, die das mittragen, sollen davon auch profitieren. Ich sage immer: Ich liebe Tiere, Menschen und auch Wohlstand – solange er nicht auf Kosten der ersten beiden geht.

Es ist aber kein IPO. Es wird kein frisches Geld über neue Aktien aufgenommen.

Richtig, das meiste ist im Vorfeld passiert. Wir haben über die Jahre 61 Investoren aufgebaut, deren Aktien jetzt einfach gelistet werden. Zuletzt habe ich selbst zum gleichen Preis weitere Aktien gekauft, gemeinsam mit einem weiteren Investor – wieder fünf Millionen. Davon wird es mehrere geben. Der kritische Faktor war bei uns nie Kapitalnot, sondern Zeit. Prüfstände und Tests kosten nicht primär Geld, sondern Jahre – und diese Zeit kann auch niemand mit Milliarden beschleunigen. Das war unser großes Asset.

Unser Modell ist Energy as a Service. Wir verkaufen nichts mit großem CapEx, sondern stellen dem Kunden Energie und Container hin – über einen langfristigen Vertrag, Zielwert rund 8 Cent. Der Kunde spart planbar und risikolos, wir haben langfristige Einnahmen, und genau die erlauben uns, zur Bank zu gehen. Gebaut werden die Module nicht von uns, sondern von einem niederländischen Partner aus dem ASML-Umfeld mit 16.000 Leuten. Wir bekommen den Vertrag vom Kunden, borgen uns dafür Geld aus, der Manufacturer baut und stellt es hin. Nichts davon braucht nennenswert Eigenkapital. Der Börsengang dient deshalb nicht dem Einsammeln von Geld, sondern der Kredit- und Glaubwürdigkeit für die nächsten Ausbauschritte.

Viele werden sagen: Einen Atomreaktor stelle ich mir nicht auf die Wiese. Was unterscheidet die Technologie vom klassischen Reaktor?

Es ist in gewisser Weise das Gegenteil. Im Physikbuch steht beim Atomreaktor sofort „kritische Kettenreaktion“: Man spaltet Uran, ein Neutron erzeugt zwei, die wieder zwei – und das extrem schnell. Im Grunde ist das eine gebändigte Atombombe, die nur mit enormem Aufwand am Explodieren gehindert wird: Notstrom, unzählige Sicherheitsfeatures. Genau das macht die Reaktoren der dritten Generation so groß, teuer und ineffizient, vor allem wenn man die Endlagerung einrechnet.

Klassische SMRs sind oft nur kleinere Versionen davon, etwa ein Drittel der Größe – mit bekannter Technologie, aber denselben regulatorischen Problemen. An der Börse sieht man das gut: Werte wie Oklo bekommen einen Schub bei „Small Modular“, knicken aber wieder ein, sobald klar wird, dass die kritische Kettenreaktion bleibt.

SMR-X soll das lösen. Wir nutzen einen kompakten Teilchenbeschleuniger aus der Medizin, wie man ihn aus der Krebsbehandlung kennt. Der erzeugt rund 10 Megawatt – weit weg von den 1.000 eines Großkraftwerks, aber der Rest ist Geschäftsmodell: Wir packen das Kleine in einen Container, gebaut wie am Fließband, wirklich Plug and Play. Keine kritische Kettenreaktion, gut transportierbar, und der Regulator ist deutlich entspannter. Erst das macht die viel zitierten zehntausenden Module realistisch.

Beim Strompreis steht die Zahl 8,5 Cent pro Kilowattstunde im Raum. Wie disruptiv ist das?

Das ist ein All-in-Preis. Stellen Sie sich eine PV-Anlage am eigenen Firmengelände vor – keine Netzgebühren, weil im eigenen Bereich produziert wird. In den 8,5 Cent steckt alles drin. Aus dem Netz zahlt man inklusive Gebühren und Abgaben heute je nach Standort zwischen 15 und 40 Cent. Die Ersparnis ist enorm, und beim Energy-as-a-Service-Modell greift sie ab dem ersten Tag, weil keine Vorabinvestition nötig ist. Davon profitieren drei Seiten: der Kunde, der spart; die Bank, die einen Teil der 8,5 Cent breit gestreut über viele Use Cases bekommt; und der Manufacturer, der baut. Den Rest haben wir zweigeteilt: 3,8 Cent definieren wir als fixen Gewinn, der Rest ist variabler Puffer für die Skalierung.

Diese 3,8 Cent – was heißt das in Zahlen?

Das ist vielen nicht bewusst, selbst auf internationalen Investmentkonferenzen. Nehmen Sie 250 SMR-X als Rechengröße, 10 Megawatt, 3,8 Cent, aufs Jahr gerechnet: Das sind rund 800 Millionen Euro Profit. Und da sind der Puffer, die Kosten für Bank und Manufacturer sowie der günstige Kundenpreis schon abgezogen. Das ist nicht nur technologisch disruptiv, sondern auch im Geschäftsmodell.

Heißt: Wenn Sie 250 dieser Reaktoren verkaufen, machen Sie 800 Millionen Euro Gewinn pro Jahr?

Genau. Und das Verkaufen ist leichter, weil der Kunde nichts zahlt, sondern nur einen Vertrag über günstigen Strom unterschreibt. Das Krankenhaus muss keinen Atomphysiker anheuern – das Risiko verschiebt sich zu uns.

Gibt es schon einen gebauten SMR-X? Wann kommt der erste Kunde?

Ich bin bekannt für Effizienz, auch im Ausrollen. Wir starten mit dem Speicher, „Dual Store Plus“: zuerst die Elektrospeicher, später die Hochtemperaturspeicher. Damit lässt sich schon jetzt eine Kundenbasis aufbauen. In rund drei Jahren liefern wir den Generator nach – das ist der Wow-Effekt, beim Kunden wie bei den Investoren, weil dann die genannten Zahlen real werden. Danach folgen Effizienz-Upgrades, ähnlich wie beim Auto: Passt beim ersten Modell etwas nicht, kommt die 2.0- und später die 3.0-Version.

Die Thorium-Reaktoren rollen also in etwa drei Jahren vom Band?

Genau. Wir hatten ursprünglich einen 10-Jahres-Plan, jetzt sind wir im Jahr sieben. Das Langwierige liegt hinter uns. Den Weg gehen wir mit der VDL-Gruppe – Nachbar von ASML, Hauptzulieferer, dazu Haskoning als Regulierungspartner mit 6.000 Leuten. VDL plant Co-Development und Serienproduktion eng verzahnt, deshalb rechnen wir mit einer kurzen Zeitspanne vom ersten funktionierenden SMR-X zur Serie. Später entstehen wahrscheinlich Factory-Kopien in den USA, im Mittleren Osten und in Asien.

Beim Listing wird Emerald Horizon mit knapp 800 Millionen Euro bewertet – bei kaum nennenswertem Umsatz. Wie kommt das zustande?

Ursula von der Leyen hat es treffend formuliert: Die EU hat die Renewables, sie braucht Speicher und Small Modular Reactors, ab 2030 sollen die ersten in Betrieb gehen. Das heißt schon im Statement, dass diese Werte heute nicht auf jahrelangen Umsatz ausgerichtet sind. Klassische Finanzkennzahlen sagen da wenig – multipliziert man null, bleibt null. Bei SMRs geht man anders heran: Wie viele braucht man? Unsere 10 Megawatt sind der ideale Skalierungspunkt – zwei in ein Schiff, eines an eine Tankstelle für 20 Autos, eines fürs kleine, zehn fürs große Datencenter, eines fürs Krankenhaus, mehrere für Inseln. Man adressiert den größtmöglichen Markt. Energie ist konstant, sie läuft im Hintergrund, ein dauerhafter Cashflow – egal, welche KI-Hypewelle gerade kommt. Im Kern ist das ein tiefer Value-Titel, breit gestreut, der heute nur wie ein riskanter Wachstumstitel aussieht, weil wir noch davor stehen. Inzwischen sind wir auch ein Konzern: mit Emerald Horizon in der Slowakei und in den USA – mit regulatorischen Vorteilen und Förderungen, die den Eigenkapitalbedarf weiter senken.

Wo sehen Sie den größten Markt? Bei den KI-Rechenzentren?

Da muss ich nicht raten – wir haben über 150 Verträge unterschrieben, vor allem NDAs zu Energieabnahme, Investment und Forschungskooperationen. Datencenter sind in aller Munde, vielleicht landen sie irgendwann bei SpaceX im All. Aber das ist nur ein Ausschnitt. Überrascht hat mich die Nahrungsmittelproduktion – astronomische Mengen, heute oft mit Gas. Und die Schwerindustrie: Von den fünf größten Aluminiumproduzenten haben wir einen guten Teil unter Vertrag. Auch die Schifffahrt – riesige Energiemengen, großer CO2-Produzent. Wir können das Modul direkt ins Schiff stellen, an einer E-Tankstelle ohne Netzanschluss Autos laden oder an einem Flughafen vor Ort Wasserstoff produzieren, um Flugzeuge langfristig zu fixem Preis zu betanken. Das geht weit über Datencenter hinaus.

Mobilität und Transport sind also größer als die gehypten KI-Rechenzentren?

Inseln und Emerging Markets sind sogar der größte Faktor. Mit Robert Holzmann haben wir einen Vizepräsidenten, der lange Direktor der Weltbank war. Ich kenne kaum ein Projekt, das eine so große Chance hat, Schwellenländer wirklich aufzuwerten: SMR-X hinstellen, daneben eine Schule, Schwerindustrie, die Hitze zur Meerwasserentsalzung nutzen – kühlen, wo es heiß ist, wärmen, wo es kalt ist. Das hat viele indirekte Folgen, bis hin zur Friedensstiftung und weniger Migrationsdruck, weil Menschen sich vor Ort wohlfühlen. Das unterscheidet uns von einem klassischen IPO mit teuren Gehältern – ich selbst habe jahrelang für 400 Euro im Monat an dem Projekt gearbeitet, und viele haben Know-how, Komponenten und Zeit eingebracht.

Robert Holzmann, früherer Nationalbank-Gouverneur mit FPÖ-Nähe, und Ex-FPÖ-Chef Norbert Hofer sind bei Ihnen. Gibt es eine Personalpipeline von der FPÖ zu Emerald Horizon?

Nein. Wir haben auch Leute mit SPÖ-Parteibuch und ÖVP-Hintergrund. Die beiden sind nur bekannter, daher die Optik. Politik spielt bei uns keine Rolle, ich kenne mich da selbst kaum aus.

Auch jemanden von den Grünen?

Ein Großinvestor hat tatsächlich grünen Hintergrund. Ich würde mir wünschen, dass die Grünen sagen: Wir verfolgen ja dasselbe Ziel – und dass es einen Reality-Check und vor allem ein Zuhören gibt. Ich bin bewusst an die Wiener Börse gegangen, nicht an die einfachere Alternative. Ich liebe Österreich, und ich hoffe, dass auch die Bevölkerung das Projekt mitträgt.

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