EU will technologische Souveränität erhöhen, eigene Cloud und KI stärken
Die Europäische Kommission hat am 3. Juni 2026 ein weitreichendes Maßnahmenpaket vorgestellt, das Europa unabhängiger von ausländischen Technologieanbietern machen soll. Das sogenannte „Technological Sovereignty Package“ umfasst vier zentrale Initiativen in den Bereichen Halbleiter, Cloud-Computing, Künstliche Intelligenz, Open-Source-Software und Energie. Ziel ist es, strategische Abhängigkeiten von den USA und Asien zu reduzieren und eine eigenständige europäische Technologiebasis aufzubauen.
Was bedeutet technologische Souveränität für die EU?
Technologische Souveränität bezeichnet die Fähigkeit Europas, kritische Technologien, Infrastrukturen, Dienste und Daten selbst zu entwickeln, zu kontrollieren und zu skalieren. Die Kommission betont dabei ausdrücklich, dass das Paket nicht als Protektionismus zu verstehen sei. Das offizielle Strategiepapier hält fest, technologische Souveränität bedeute „keine Isolation, keinen Protektionismus und keine technologische Abkopplung“.
Hintergrund ist die wachsende Sorge in Europa über die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologiekonzernen. Bereits nach der Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus hatten einige dänische Städte begonnen, Microsoft-Produkte durch Open-Source-Alternativen zu ersetzen. Auch die Möglichkeit, dass US-Behörden über den sogenannten CLOUD Act auf in Europa gespeicherte Daten zugreifen können, hat die Debatte befeuert.
„Alle haben wirklich erkannt, wie wichtig es ist, dass wir bei kritischen Technologien nicht von einem einzigen Land oder einem einzigen Unternehmen abhängig sind. Abhängigkeiten können gegen uns eingesetzt werden, so Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Kommission für Technologiesouveränität.
Die vier Säulen des Pakets
1. Chips Act 2.0: Europas Halbleiterindustrie stärken
Der ursprüngliche Chips Act aus dem Jahr 2023 sollte Europas Anteil an der globalen Halbleiterproduktion verdoppeln. Laut dem Europäischen Rechnungshof ist dieses Ziel bis 2030 jedoch kaum erreichbar. Mit dem überarbeiteten „Chips Act 2.0″ soll die Kommission künftig direkt in grenzüberschreitende Großprojekte investieren dürfen, ohne dass Unternehmen den aufwendigen Weg über nationale Förderprogramme gehen müssen.
Darüber hinaus soll die Binnennachfrage nach europäischen Chips gestärkt werden, um den wirtschaftlichen Anreiz für den Bau neuer Halbleiterfabriken zu erhöhen. Die Kommission schätzt, dass bis 2035 insgesamt 120 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen notwendig sind, um die europäische Halbleiterindustrie zu revitalisieren. Bis 2028 sollen bestehende Förderprogramme genutzt werden; die langfristige Finanzierung hängt vom noch laufenden Verhandlungsprozess über den nächsten EU-Haushalt ab.
Der globale Halbleitermarkt wurde 2025 auf rund 595 Milliarden Euro geschätzt und soll bis 2030 die Billionen-Euro-Schwelle überschreiten, wobei KI-bezogene Komponenten über 70 Prozent des Marktes ausmachen werden.
2. Cloud and AI Development Act (CADA): Europas digitale Infrastruktur ausbauen
Das Herzstück des Pakets ist der „Cloud and AI Development Act“. Er zielt darauf ab, die europäische Rechenzentrumkapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Derzeit dominieren US-Konzerne den europäischen Cloud-Markt: Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren zusammen mehr als 70 Prozent des EU-Marktes.
Konkret sieht CADA folgende Maßnahmen vor:
- Regierungen werden verpflichtet, kritische Daten auf EU-eigenen Cloud-Diensten zu speichern
- Einführung einer verpflichtenden „Souveränitäts-Risikobewertung“ für Cloud-Anbieter
- Klassifizierung von Anbietern in einem vierstufigen Souveränitätsranking, basierend auf dem Grad der EU-Kontrolle über Dienste, Lieferkette, Datenverarbeitung und physische Infrastruktur
- Klare Definition von EU-Cloud-Souveränität, um irreführende „Sovereign Cloud“-Behauptungen zu unterbinden
Einige US-Unternehmen bereiten sich bereits auf strengere Anforderungen vor. Google hat mit dem französischen Elektronikriesen Thales das Joint Venture S3NS gegründet, das kürzlich als einer von vier Anbietern für Cloud-Dienste der EU-Institutionen ausgewählt wurde. Auch Microsoft und Amazon haben eigene „Sovereign Cloud“-Lösungen in Europa lanciert.
3. EU Open Source Strategie: Digitale Unabhängigkeit durch offene Software
Die EU-Open-Source-Strategie soll das Ökosystem europäischer Open-Source-Entwickler stärken, das bereits mehr als drei Millionen Entwicklerinnen und Entwickler umfasst. Open-Source-Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist und von anderen genutzt, verändert und weiterentwickelt werden darf, gilt als strategisches Mittel zur Reduktion von Abhängigkeiten von proprietären, meist nicht-europäischen Lösungen.
Die Strategie verfolgt drei Kernziele:
- Breitere Nutzung bestehender Open-Source-Lösungen im öffentlichen und privaten Sektor fördern
- EU-Organisationen dabei unterstützen, hochwertige Open-Source-Alternativen zu proprietären Produkten zu entwickeln
- Das europäische Open-Source-Ökosystem insgesamt stärken, insbesondere durch Unterstützung von Start-ups und KMU
Die Kommission selbst will ihren Einsatz offener digitaler Lösungen ausbauen, interne Kompetenzen aufbauen und die Governance verbessern.
4. Strategische Roadmap für Digitalisierung und KI im Energiesektor
Der steigende Energiebedarf durch Rechenzentren und KI-Anwendungen stellt die europäischen Stromnetze vor erhebliche Herausforderungen. Rechenzentren verbrauchen bereits heute 2,5 Prozent des EU-Stromverbrauchs, und die Nachfrage wird weiter steigen. Die Roadmap gliedert sich in drei Schwerpunkte:
- Nachhaltige Integration von Rechenzentren in das Energiesystem, unter anderem durch flexible Laststeuerung bei hoher Stromnachfrage
- Beschleunigung digitaler und KI-Lösungen im Energiebereich, etwa durch den Ausbau intelligenter Netze und KI-gestütztes Netzmanagement
- Stärkung des EU-weiten Energiedatenaustauschs durch einen einheitlichen Rahmen für grenzüberschreitende Datenflüsse
Risiken und Kritik
Experten warnen vor möglichen Nebenwirkungen des Pakets. Ein restriktiverer EU-Ansatz könnte die Spannungen mit den USA und China verschärfen. Washington hat bereits Regulierungen wie den Digital Services Act als diskriminierend gegenüber amerikanischen Technologieunternehmen kritisiert und Vergeltungsmaßnahmen angedroht.
Hinzu kommt das strukturelle Problem des langsamen europäischen Gesetzgebungsprozesses. Die Vorschläge wurden ursprünglich für März 2026 erwartet, wurden jedoch mehrfach verschoben. Nach der Veröffentlichung müssen die Entwürfe noch mehrere Verhandlungsrunden zwischen den EU-Regierungen und dem Europäischen Parlament durchlaufen, bevor sie in Kraft treten können. Dieser Prozess könnte weitere Monate in Anspruch nehmen.
Virkkunen räumte selbst ein, dass der Aufbau eigener Kapazitäten Zeit brauche: „80 Prozent unserer Technologien kommen von außerhalb Europas, daher wird es nicht über Nacht geschehen, dass wir unsere Kapazitäten in diesen Sektoren aufbauen.“ Signifikante Ergebnisse seien frühestens ab 2030 zu erwarten.

