„Von Regulierung getrieben“: Auch Revolut steigt ins Geschäft mit Private Markets ein
Private Equity, Credit und Infrastructure – das waren bisher eher Kategorien für institutionelle Investoren mit viel Kapital im Rücken. Doch 2026 dreht sich das Bild. Nachdem bereits Trade Republic oder die Erste Bank die so genannten Private Markets mit neuen Angeboten auch für Kleinanleger geöffnet haben, zieht auch Europas größte Neobank, Revolut, nach. Ab sofort können in Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien und 17 weiteren europäischen Ländern Revolut-Nutzer in die Fonds der Investment-Größen Apollo, Ares, Hamilton Lane und Partners Group investieren.
Rolandas Juteika (Head of Wealth and Trading, EEA) und Wiktor Stopa (Head of Growth, West- und Osteuropa) von Revolut geben im Doppel-Interview Einblicke in Markt-Trend, Gebühren und Strategie bei Private Markets.
Revolut startet in Österreich mit Fonds von Apollo, Ares, Hamilton Lane und Partners Group. Warum jetzt – was hat sich verändert, dass Private Markets für eine App mit 75 Millionen Kundinnen und Kunden plötzlich Sinn ergeben?
Rolandas Juteika: Historisch waren Private Markets nur einer sehr exklusiven Gruppe vorbehalten – oftmals mit Mindestbeträgen von über 100.000 Euro. Mit dem ELTIF-2.0-Regelwerk hat die EU zum ersten Mal einen Rahmen geschaffen, der es uns ermöglicht, Privatanlegern einen sicheren und strukturierten Zugang zu Private Markets zu geben. Gleichzeitig wollen wir unseren Kunden die Möglichkeit geben, ihre Portfolios noch weiter zu diversifizieren. Wir gehen damit den Schritt vom einfachen Investieren hin zum Wealth Management.
Trade Republic, Erste Asset Management und andere haben ebenfalls Produkte für Private Equity/Markets für Privatanleger gestartet. Ist das ein struktureller Umbruch – oder ein Vertriebs-Trend, der entsteht, weil die Private-Equity-Branche nach Jahren schwacher Exits neue Kapitalquellen sucht?
Juteika: Nein. Wir sehen einen strukturellen Wandel, der von Regulierung getrieben ist, die den Zugang von Privatanlegern zu Private-Markets-Produkten aktiv fördert. Diese Anlageklasse trägt zur weiteren Diversifikation privater Portfolios bei und kann deswegen durchaus Sinn machen.
Private Markets sind anders als Aktien/ETFs sehr illiquide. Wie erklären Sie das durchschnittlichen Revolut-Nutzern, die Aktien oder Krypto gewöhnt sind?
Juteika: Unser Anspruch beim Launch von Private Markets ist klare Kommunikation und Nutzeraufklärung. Jeder Nutzer muss vor dem ersten Investment eine Eignungsprüfung absolvieren, die die Mechanik von Private Markets behandelt. Je nach Ergebnis dieser Prüfung kann der Zugang zu diesen Produkten eingeschränkt sein oder der Kunde muss die spezifischen Risiken ausdrücklich bestätigen, bevor er fortfahren kann.
Darüber hinaus weisen wir explizit auf das Liquiditätsprofil hin, bevor eine Order aufgegeben werden kann. In der App zeigen wir die Lock-up-Zeiträume, Kauf- und Verkaufsfrequenzen sowie weitere spezifische Eigenschaften der einzelnen Produkte an. Zusätzlich haben wir in Übereinstimmung mit der ELTIF-Regulierung eine Bedenkzeit eingeführt, die Privatanlegern ein 14-tägiges Fenster gibt, um ihre Order zu stornieren. Unser Ziel ist es sicherzustellen, dass Nutzer von Anfang an verstehen, dass es sich um langfristige Investments handelt, die sich strukturell von täglich gehandelten Aktien oder ETFs unterscheiden.
Zur Liquidität: Sie sprechen von regelmäßigen Rücknahmefenstern unter ELTIF 2.0, gleichzeitig steht in der Aussendung, dass die Fonds grundsätzlich illiquide bleiben und Rücknahmen ausgesetzt werden können. Was heißt das konkret – wie oft sind Ausstiege möglich, wie hoch ist das Rücknahmelimit pro Fenster, und was passiert im Stressszenario, wenn viele gleichzeitig raus wollen?
Juteika: Rücknahmen sind in der Regel quartalsweise möglich – abhängig vom jeweiligen Fonds und dessen genehmigten Bedingungen. Dies ist als Schutzmechanismus konzipiert. Er verhindert, dass Fondsmanager in einem Abschwung Vermögenswerte zu Notverkaufspreisen liquidieren müssen und schützt damit den Portfoliowert aller verbleibenden Investoren. Wir weisen unsere Kunden explizit auf diesen Mechanismus hin, bevor sie investieren. Informationen zur Rücknahme sind jederzeit in der App bei jedem Fonds verfügbar.
Zur Einordnung: ELTIF-2.0-Strukturen funktionieren als sogenannte Evergreen-Fonds. Sie halten langfristige, nicht börsennotierte Private-Assets und bieten Investoren gleichzeitig strukturierte Liquiditätsfenster unter strengen regulatorischen Vorgaben:
Zur Ausstiegsfrequenz: Rücknahmen werden in der Regel quartalsweise angeboten – in manchen Fällen auch monatlich, abhängig vom jeweiligen Fondsprospekt.
Zu den Rücknahmelimits: Um die Stabilität des Fonds zu gewährleisten, können die Gesamtrücknahmen pro Fenster begrenzt sein. In der Regel auf 2 bis 5 % des gesamten Nettoinventarwerts des Fonds.
Was passiert im Stressszenario?
Juteika: Übersteigen die Rücknahmeanträge in einem bestimmten Fenster das Limit – beispielsweise während eines Marktabschwungs – werden die Anträge anteilig bis zur Obergrenze erfüllt. In extremen Marktstressphasen hat der Fondsmanager die regulatorische Befugnis, Rücknahmen vorübergehend vollständig auszusetzen.
Wie kommen die Bewertungen zustande? Bei Aktien gibt es einen Börsenkurs im Sekundentakt, bei Private Markets einen NAV. Wer bewertet, wie oft, nach welcher Methodik – und wie oft wird der ausgewiesene NAV extern geprüft?
Juteika: Bei Private Markets werden zugrunde liegende Vermögenswerte wie Private Equity oder Private Credit nicht täglich an öffentlichen Börsen gehandelt. Stattdessen werden ihre Bewertungen periodisch nach international anerkannten Fair-Value-Rechnungslegungsstandards wie IFRS oder US-GAAP ermittelt – auf Basis von Discounted-Cashflow-Analysen, Peer-Marktmultiplikatoren und aktuellen Transaktionspreisen. Für ELTIFs wird dieser Prozess durch europäische Regulierung (AIFMD) streng geregelt, die eine vollständige Trennung zwischen dem Portfoliomanagement-Team und der Bewertungsfunktion vorschreibt. In der Praxis berechnet und veröffentlicht ein unabhängiger Fondsadministrator den Nettoinventarwert des Fonds monatlich unter Berücksichtigung laufender Cashflows, Zinsen und Gebühren. Während der NAV monatlich aktualisiert wird, erfolgt eine formale, detaillierte Überprüfung der zugrunde liegenden Private-Assets durch einen unabhängigen Berater in der Regel quartalsweise. Die Jahresabschlüsse und die zugrunde liegenden Bewertungsmodelle des Fonds werden einmal jährlich von einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vollständig geprüft.
Wie transparent ist der Inhalt der Fonds? Sehen Nutzerinnen und Nutzer in der App, in welche konkreten Unternehmen, Kredite oder Infrastrukturprojekte investiert wird – inklusive Verschuldungsgrad und Bewertungsstichtag? Oder bleibt es bei aggregierten Sektor- und Regionenquoten?
Juteika: Derzeit können Kunden die Portfolioaufschlüsselung des Fonds nach Geografie, Sektor und Strategie direkt in der App einsehen. Für bestimmte Fonds zeigen wir auch die wichtigsten Einzelpositionen an, wobei dies je nach Anlageklasse variiert. Private-Credit-Fonds können beispielsweise aufgrund standardmäßiger Vertraulichkeitsvereinbarungen keine einzelnen Kreditnehmerdetails offenlegen. Um Kunden eine kontinuierliche Transparenz über das Portfolio zu gewährleisten, stellen wir die offiziellen Berichte der Fondsmanager direkt in der Revolut App zur Verfügung.
Zu den Gebühren: Bitte einmal die gesamte Kostenkette – Managementgebühr des Fondsanbieters, mögliche Performance Fee/Hurdle Rate, Gebühren auf Ebene der Zielfonds, plus alles, was Revolut selbst an Einstiegs-, Vertriebs- oder Depotkosten verrechnet. Wie hoch sind die realistischen Total Expense Ratios im Vergleich zu einem ETF?
Juteika: Revolut erhebt keinerlei zusätzliche Plattform-, Transaktions- oder Depotgebühren.
Die Fondsgebühren: Fondsmanager erheben eine jährliche Verwaltungsgebühr, die in der Regel zwischen 1,5 % und 2,5 % liegt. Unter Berücksichtigung der Betriebskosten auf Fondsebene – wie unabhängige Administration, Verwahrung und externe Prüfungen – belaufen sich die gesamten laufenden Fondskosten auf etwa 2,0 % bis 2,8 % pro Jahr. Fonds erheben zudem in der Regel eine Performance-Fee, in manchen Fällen abhängig von einer zu erreichenden Mindestrendite.
Im Vergleich zu ETFs: Während passive ETFs geringere Gebühren aufweisen (0,10 % bis 0,50 %), da sie lediglich einen Index abbilden, erfordern Private-Markets-Fonds aktives Sourcing, Underwriting und Management nicht börsennotierter Vermögenswerte – mit dem Ziel, eine Illiquiditätsprämie und insgesamt höhere Nettorenditen zu erzielen.
Vollständige Gebührenaufschlüsselungen und Basisinformationsblätter sind in der App klar dargestellt, bevor eine Investition getätigt wird.
Welche Mindestanlage gilt in Österreich, und wie stellen Sie sicher, dass das Produkt bei der richtigen Zielgruppe landet? ELTIF 2.0 verlangt bei Retail-Kunden eine Eignungsprüfung – wie sieht die in einer App aus, in der sonst mit wenigen Klicks Aktien und CFDs gehandelt werden?
Juteika: Kunden können bei Revolut ab einem Euro in Private-Markets-Produkte investieren. Gleichzeitig sind wir sehr klar darüber, dass diese Produkte mit Risiken verbunden sein können. Dieses Angebot richtet sich ausdrücklich an erfahrene, langfristig orientierte Investoren, die diese Mechanik verstehen. Wir haben daher zwei Prüfstufen in Form eines nahtlosen, schrittweisen digitalen Fragebogens eingeführt.
In einem ersten Schritt durchlaufen Kunden eine ex-ante-Produkteignungsprüfung, bei der Risikobereitschaft, Erfahrung und persönliche Situation analysiert werden. Das Ergebnis ordnet sie einem positiven, neutralen oder negativen Segment zu. Kunden im negativen Segment werden durch eine technische Sperre vom Produkt ausgeschlossen. Sie können die Fonds weder einsehen noch kaufen.
In einem zweiten Schritt müssen Kunden eine spezifische Eignungsprüfung bestehen. Diese verwendet gewichtete, szenariobasierte Fragen, um Finanzsituation, Verlustkapazität, Anlagehorizont und das Verständnis für mögliche Risiken zu bewerten. Je nach Ergebnis kann der Zugang eingeschränkt sein oder der Kunde muss die spezifischen Risiken ausdrücklich bestätigen, bevor er fortfahren kann. Darüber hinaus werden das Basisinformationsblatt und klare Risikohinweise deutlich in der App angezeigt, bevor Kapital investiert werden kann.
Private Markets sind für die meisten Endkonsumenten ein Nischenthema, das sie schlicht nicht kennen. Wie zahlt so ein Produkt auf das Wachstum von Revolut ein?
Stopa: Private Markets ist der nächste Baustein für eine neue Banking-Generation. Wir haben in Europa über 55 Millionen Privatkunden. Mit Blick auf Österreich sind hier die Spareinlagen in den vergangenen zwölf Monaten um über 130 Prozent gestiegen, Investments in Aktien, ETFs und Anleihen um über 110 Prozent. Das zeigt: Die Menschen wollen ihr Geld intelligent investieren, denken langfristig und diversifizieren zunehmend breiter. Mit Private Markets geben wir unseren Kunden in Österreich Zugang zu einer völlig neuen Anlageklasse und machen den nächsten Schritt zur vollständigen Wealth-Management-Plattform.
Welche Kundengruppe wollen Sie damit erreichen: bestehende Trading- und Premium-Kunden, die tiefer ins Portfolio einsteigen – oder eine ältere, vermögendere Zielgruppe, die Revolut bisher eher als Reise- und Zahlungs-App genutzt hat?
Stopa: Private Markets richtet sich zunächst an erfahrene, langfristig orientierte Anleger. Das können bestehende Trading- und Premium-Kunden sein, die ihr Portfolio noch professioneller diversifizieren wollen, aber auch Kunden, die Revolut bislang vor allem für den Alltag genutzt haben und jetzt den nächsten Schritt im Vermögensaufbau gehen wollen. Entscheidend sind dabei vor allem der Anlagehorizont und das Verständnis für diese Anlageklasse. Dass diese Voraussetzungen gegeben sind, stellen wir mit unserer Eignungsprüfung sicher.
Österreich und CEE gelten als sparbuch- und immobilienaffine Märkte. Sehen Sie hier andere Voraussetzungen als etwa in Frankreich oder Skandinavien – und wie viel Ihres Wachstums in der Region erwarten Sie mittelfristig aus dem Wealth-Bereich statt aus dem klassischen Banking?
Stopa: Die neue Banking-Generation, die wir in Europa und gerade auch in Österreich wachsen sehen, geht anders mit ihrem Geld um. Sie lehnt versteckte Gebühren ab, verlangt attraktive Zinsen und niedrige Kosten beim Vermögensaufbau mit ETFs oder Aktien. Gleichzeitig steht diese Generation aber vor der großen Herausforderung, dass ihre staatliche Pension nicht ausreichen wird. Das macht den privaten Vermögensaufbau zu einer Notwendigkeit für alle Österreicher.
Was uns von anderen Anbietern unterscheidet, ist dass wir keine Produktkategorie über eine andere stellen. Wir bieten Banking, Investments, RevPoints und Lifestyle-Produkte zusammen in einer App an. Wir haben inzwischen 11 verschiedene Produktlinien, die jeweils mehr als 100 Millionen GBP an Jahresumsatz erzielen. Diesen Weg werden wir weitergehen und unsere Geschäftstätigkeit weiter diversifizieren. Der Wealth-Bereich ist dabei ein wichtiger Baustein.

