Sperre der Straße von Hormus kostet jährlich 1,2 Billionen US-Dollar, China am stärksten betroffen
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Eine neue Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria und der Complexity Science Hub Vienna beziffert erstmals das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden durch die Blockade der Straße von Hormus. Das Ergebnis ist alarmierend: Rund 1,2 Billionen US-Dollar an jährlichen Handelsströmen könnten betroffen sein, sollte die Sperrung anhalten. Besonders hart trifft es Energieimporteure in Asien und Europa.
Das Nadelöhr der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus, gerade einmal 33 Kilometer breit an ihrer engsten Stelle, ist das wichtigste maritime Nadelöhr der Welt. Rund 20 Prozent des globalen Ölangebots passieren täglich diesen Wasserweg zwischen dem Oman und dem Iran. Fünf Länder, nämlich Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait und Bahrain, sind für ihre Meeresexporte vollständig auf diese Route angewiesen.
Die Forscher analysierten Handelsdaten aus den Jahren 2022 und 2023 und simulierten mit einem agentenbasierten Schifffahrtsmodell namens TIDES drei Szenarien: eine Blockade von 14, 28 und 56 Tagen. Das zentrale Ergebnis lautet: Je länger die Sperrung dauert, desto unverhältnismäßig größer werden die Schäden.
„Kurze Unterbrechungen von unter zwei Wochen hätten wahrscheinlich begrenzte wirtschaftliche Folgen. Unterbrechungen von mehr als vier Wochen erzeugen jedoch überproportional größere Effekte, da sich kaskadierende Verzögerungen im globalen Schifffahrtsnetz aufschaukeln.“
Wer ist am stärksten betroffen?
Asien trägt das größte Risiko, weil die dortigen Volkswirtschaften ihre Industriestrategien auf zuverlässige Energielieferungen aus dem Golf aufgebaut haben. Die jährlichen Importvolumina aus den Hormuz-abhängigen Golfstaaten sind enorm.
| Land | Jährliche Importe (Mrd. USD) | Hauptprodukte |
|---|---|---|
| China | 97 | Rohöl, Flüssiggas, Petrochemie |
| Indien | 74 | Rohöl, Erdölprodukte |
| Japan | 63 | Rohöl, LNG |
| Südkorea | 30 | Rohöl, LNG |
| Türkei | 14 | Erdölprodukte, Stahl |
| USA | 13 | Düngemittel, Petrochemie |
Europa: Konzentrierte Verwundbarkeit
Die Europäische Union importiert jährlich rund 47 Milliarden US-Dollar aus den Hormuz-abhängigen Golfstaaten. Doch die Betroffenheit ist sehr ungleich verteilt. Fünf Länder, nämlich Italien, Belgien, Frankreich, Deutschland und die Niederlande, machen allein 79 Prozent des gesamten EU-Volumens aus. Großbritannien kommt auf weitere 12,9 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Vereinigtes Königreich: 12,9 Milliarden US-Dollar pro Jahr
Großbritannien ist das am stärksten exponierte europäische Land. Katarisches Flüssiggas und Propan machen mit 5,9 Milliarden US-Dollar fast die Hälfte der britischen Golfimporte aus. Hinzu kommen 2,9 Milliarden US-Dollar an kuwaitischen Erdölprodukten. Diese Konzentration auf Energie schafft eine echte Verwundbarkeit, da LNG kurzfristig kaum zu ersetzen ist.
Italien: 9,8 Milliarden US-Dollar pro Jahr
Italien ist innerhalb der EU am stärksten betroffen. Katar liefert jährlich Waren im Wert von 6,3 Milliarden US-Dollar, davon allein 4,4 Milliarden in Form von Flüssiggas und 3,2 Milliarden als Propan. Die italienische Energieinfrastruktur ist stark auf diese Gaslieferungen angewiesen. Alternative LNG-Lieferanten aus den USA, Algerien oder Norwegen existieren zwar, doch ein Wechsel erfordert Investitionen in Terminalkapazitäten und neue Verträge.
Belgien: 8,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr
Belgien spielt eine besondere Rolle als europäischer Gasverteiler. Das LNG-Terminal in Zeebrugge importiert jährlich 5,8 Milliarden US-Dollar an katarischem Flüssiggas. Zusätzlich fließen 2,1 Milliarden US-Dollar an Diamanten aus den Emiraten über den Handelsplatz Antwerpen. Während die Diamantenströme flexibel umleitbar sind, ist die LNG-Abhängigkeit strukturell verankert.
Frankreich und Deutschland: Besser aufgestellt
Frankreich importiert jährlich 8,1 Milliarden US-Dollar aus dem Golf, verteilt auf mehrere Lieferanten und Produktgruppen. Die eigenen LNG-Importterminals und der hohe Anteil von Kernkraft und erneuerbaren Energien bieten erhebliche Puffer. Deutschland kommt auf 5,7 Milliarden US-Dollar, wobei ein Großteil auf industrielle Ausrüstung aus den Emiraten entfällt, also auf Güter, die leichter zu ersetzen sind als Energie.
Österreich: Minimale Direktexposition
Österreich ist mit direkten Importen von nur 0,3 Milliarden US-Dollar pro Jahr kaum unmittelbar betroffen. Die eigentliche Gefahr droht indirekt: Steigen die Gaspreise in Italien, Belgien oder Großbritannien, überträgt sich das über die europäischen Pipeline-Netze auch auf den österreichischen Energiemarkt.
Mehr als nur Öl und Gas
Die Studie beleuchtet auch Produktkategorien, die in der öffentlichen Debatte weniger Aufmerksamkeit erhalten, aber strategisch bedeutsam sind.
- Düngemittel: Die fünf Hormuz-abhängigen Golfstaaten liefern 8 bis 10 Prozent der globalen Düngemittelexporte im Wert von 13,5 Milliarden US-Dollar. Die größten Abnehmer sind die USA und Brasilien. Da Dünger Monate vor dem Einsatz gekauft wird, ist die laufende Frühjahrssaison 2026 noch gesichert. Preisanstiege für die Ernte 2027 sind jedoch möglich.
- Stahl und Eisen: Iran exportiert Baustahl vor allem in Nachbarländer. Zentralasiatische Staaten wie Turkmenistan, Pakistan und Tadschikistan sind besonders verwundbar, da sie kaum Alternativen haben. Für die meisten anderen Länder drohen Projektverzögerungen, aber keine Versorgungskrisen.
- Spezialgase für Halbleiter: Katar liefert 98 Prozent aller Golfexporte an Neon, Helium, Argon, Krypton und Xenon, insgesamt rund 3 Milliarden US-Dollar jährlich. Diese Gase sind essenziell für die Chipproduktion. Da die Industrie jedoch strategische Lagerbestände für 3 bis 6 Monate hält und alternative Lieferanten weltweit existieren, bleibt das Risiko bei kurzen Unterbrechungen begrenzt.
Das Schifffahrtsnetz und der Kipppunkt
Das TIDES-Modell simulierte 10.000 Tankschiffe als individuelle Akteure und berechnete, wie viele Schifffahrtstage durch die Blockade verloren gehen. Für China ergibt sich bei einer 14-tägigen Sperrung ein Verlust von rund 0,5 Tagen, bei 28 Tagen bereits 1,7 Tage und bei 56 Tagen 4,3 Tage. Die EU und Großbritannien zusammen kommen auf 0,7, 1,0 und 2,2 verlorene Tage in den drei Szenarien.
Entscheidend ist dabei ein strukturelles Phänomen: Die Schäden skalieren nicht linear mit der Dauer. Eine 56-tägige Blockade verursacht mehr als doppelt so viele Störungen wie eine 28-tägige, obwohl die Dauer nur verdoppelt wird. Ab etwa vier Wochen beginnen sich Verspätungen im globalen Netz aufzuschaukeln. Häfen werden überlastet, Fahrpläne geraten aus dem Takt, und die Folgen breiten sich weit über die direkt betroffenen Routen hinaus aus.
Was bedeutet das für die Politik?
Die Forscher leiten aus ihrer Analyse drei klare Empfehlungen ab:
- Schnelle Lösung hat oberste Priorität. Kurze Unterbrechungen von wenigen Wochen können vom globalen Schifffahrtssystem aufgefangen werden. Jede zusätzliche Woche erhöht das Risiko überproportional.
- Notfallpläne für längere Szenarien sind notwendig. Angesichts der nicht-linearen Schadenseskalation lohnt sich die Vorbereitung auf Unterbrechungen von einem Monat oder länger, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering erscheint.
- Klare Kommunikation verhindert Panik. Historische Erfahrungen aus der Ukraine-Krise zeigen, dass Hamsterkäufe und Panik die Auswirkungen von Versorgungsunterbrechungen erheblich verstärken können. Behörden sollten proaktiv und transparent kommunizieren.
Die Studie macht deutlich: Der eigentliche wirtschaftliche Schaden einer anhaltenden Hormuz-Blockade würde sich weniger durch physische Warenknappheit zeigen als durch anhaltend hohe Preise, steigende Produktionskosten für energieintensive Industrien und wachsenden Rezessionsdruck. Das Fenster für eine wirtschaftlich noch verkraftbare Lösung schließt sich mit jeder weiteren Woche der Sperrung.

