Anthropic könnte im Oktober mit 2 Billionen US-Dollar größten IPO aller Zeiten abliefern
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Anthropic könnte beim geplanten Börsengang im Oktober mit 2 Billionen US-Dollar oder mehr bewertet werden. Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf ein halbes Dutzend Investoren des KI-Unternehmens. Eine Notierung in dieser Größenordnung wäre der größte Börsengang aller Zeiten und würde SpaceX übertreffen, das im Juni mit 1,77 Billionen Dollar an die Börse ging. Gegenüber der aktuellen Bewertung des Unternehmens wäre es mehr als eine Verdoppelung; ursprünglich war in Medienberichten von rund 1 Billion Dollar die Rede gewesen.
Fixiert ist die Zahl allerdings nicht. Mehrere Investoren sagten der FT, die Führungsspitze von Anthropic habe selbst in vertraulichen Gesprächen noch kein Bewertungsziel genannt – die Investoren rechnen mit eigenen Modellen. Anthropic hat im Juni Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht und befindet sich damit in der sogenannten Quiet Period, in der Aussagen zur Geschäftsentwicklung stark eingeschränkt sind. Das Unternehmen wollte den Bericht nicht kommentieren.
Warum Investoren so hohe Multiples ansetzen
Der Hebel für die Bewertungsfantasie ist das Wachstumstempo. Ein Investor rechnete gegenüber der FT vor: Bei einem Jahreswachstum von rund 800 Prozent wäre selbst ein sehr niedriger Ansatz vom 30-fachen Umsatz plausibel – das ergäbe rechnerisch ein 3-Billionen-Dollar-Unternehmen.
Ein direkt vergleichbares börsennotiertes US-Unternehmen gibt es für Anthropic nicht. Als Näherung dienen Firmen, die als KI-Profiteure gelten: Der Datenanalyse-Konzern Palantir und der Cloud-Anbieter Nebius wurden heuer mit dem rund 55-fachen Umsatz gehandelt.
Das Umsatzwachstum: von 9 auf über 100 Milliarden Dollar
Anthropic misst seine Erlöse in annualisierter Form, also hochgerechnet aus der jüngsten Geschäftsentwicklung. Diese Run-Rate lag Ende 2025 noch bei rund 9 Milliarden Dollar. Im Frühjahr 2026 überschritt sie 30 Milliarden Dollar, im Mai gab das Unternehmen an, die Marke von 47 Milliarden Dollar überschritten zu haben. Auf Quartalsbasis stiegen die Erlöse laut FT von 4,8 Milliarden Dollar im ersten Quartal auf knapp 11 Milliarden Dollar im zweiten Quartal.
Für das Jahresende 2026 erwarten die Geldgeber eine annualisierte Rate von 100 bis 120 Milliarden Dollar – das wäre mehr als eine Verzehnfachung im Lauf des Jahres.
Finanziert wird dieses Wachstum von außen: Venture-Capital-Fonds, Staatsfonds und institutionelle Investoren haben allein 2026 knapp 100 Milliarden Dollar in das Unternehmen gesteckt.
Wann Anthropic OpenAI überholt hat
Anthropic hat den größeren Rivalen OpenAI im Lauf des Jahres 2026 in zwei Disziplinen überholt.
Beim Umsatz geschah das im Frühjahr 2026: Anthropic meldete eine annualisierte Rate von über 30 Milliarden Dollar, während OpenAI bei rund 24 bis 25 Milliarden Dollar lag (nach eigenen Angaben rund 2 Milliarden Dollar Umsatz pro Monat). Ausschlaggebend war die unterschiedliche strategische Ausrichtung: Anthropic konzentriert sich auf Geschäftskunden und API-Nutzung, OpenAI wächst vor allem über das Konsumentenprodukt ChatGPT. Bei der Ankündigung der Series-G-Runde im Februar 2026 zählte Anthropic über 500 Firmenkunden mit einem Jahresvolumen von jeweils mehr als 1 Million Dollar, wenige Wochen später waren es mehr als 1.000. Das Analysehaus Epoch AI hatte den Umsatz-Überholvorgang bereits im Februar 2026 prognostiziert, allerdings erst für die Jahresmitte.
Bei der Bewertung zog Anthropic im Mai 2026 erstmals an OpenAI vorbei: Inklusive der damals frischen Investorengelder kam das Unternehmen auf 965 Milliarden Dollar.
Bei der Nutzerzahl liegt weiter OpenAI vorne. Anthropic veröffentlicht keine Angaben zur Claude-Nutzerbasis; Statista schätzte sie für Juni 2026 auf rund 245 Millionen monatliche Nutzerinnen und Nutzer. ChatGPT erreichte im Mai die Marke von 1 Milliarde Nutzern.
Die Risiken im Börsenprospekt-Umfeld
Die optimistischen Prognosen treffen auf eine Reihe offener Baustellen:
- Konflikt mit der US-Regierung: Anthropic liegt weiter im Rechtsstreit mit dem US-Verteidigungsministerium, das das Unternehmen heuer als Lieferkettenrisiko eingestuft hatte.
- Exportkontrollen: Im Juni musste Anthropic seine Top-Modelle Fable 5 und Mythos 5 nach Exportauflagen des US-Handelsministeriums kurzzeitig vom Markt nehmen. Die Sperre wurde nach gut zwei Wochen wieder aufgehoben, verunsicherte laut FT aber Kunden – das Umsatzwachstum im Monat Juni fiel schwächer aus. Danach habe sich das Wachstum wieder erholt.
- Preisdruck: Anthropics führendes Modell kostet laut Artificial Analysis in der Nutzung mehr als das Zweieinhalbfache von OpenAIs Flaggschiff, chinesische Open-Weight-Modelle sind ein Bruchteil davon.
- Budgetgrenzen bei Firmenkunden: Laut Daten des Zahlungsdienstleisters Ramp hat Anthropic bei US-Unternehmen zuletzt zwar Marktanteile gewonnen, gleichzeitig stoßen Firmen an ihre KI-Ausgabenlimits und weichen auf günstigere Modelle aus. In einzelnen Fällen wurden interne Vorgaben, KI möglichst intensiv zu nutzen, wieder zurückgenommen.
- Regulierung und Wettbewerb: Dazu kommen der Druck in Richtung KI-Regulierung und die rasch aufholende chinesische Konkurrenz.

