Lizenzen

Streit um Euro-Office: Warum OnlyOffice die Partnerschaft mit Nextcloud beendet

EuroOffice. © EuroOffice
EuroOffice. © EuroOffice

Eine acht Jahre alte Technologiepartnerschaft ist zu Ende. Der russische Softwareanbieter OnlyOffice hat seine Zusammenarbeit mit dem deutschen Cloud-Unternehmen Nextcloud offiziell ausgesetzt. Auslöser ist ein neues Projekt namens Euro-Office, das Nextcloud gemeinsam mit europäischen Partnern ins Leben gerufen hat. Im Kern geht es um Lizenzrecht, geopolitische Interessen und die Frage, wem Open-Source-Code gehört.

Die Vorgeschichte: Acht Jahre gemeinsamer Weg

Seit 2016 konnten Nutzer der Nextcloud-Plattform Dokumente direkt im Browser bearbeiten, weil OnlyOffice seine Editoren als integrierten Bestandteil zur Verfügung stellte. Die Partnerschaft galt als Vorzeigeprojekt für die Kombination aus europäischer Cloud-Infrastruktur und leistungsfähiger Office-Technologie. Millionen von Nutzern weltweit profitierten von dieser Integration.

Dieses Verhältnis ist nun Geschichte. Nextcloud und seine Partner kündigten Ende März 2025 an, die OnlyOffice-Codebasis zu forken und unter dem Namen Euro-Office weiterzuentwickeln. OnlyOffice reagierte umgehend mit der Aussetzung der Partnerschaft und einer öffentlichen Stellungnahme.

Der Vorwurf: Verstoß gegen Lizenzrecht

OnlyOffice wirft den Euro-Office-Initiatoren vor, gegen die Bedingungen der GNU Affero General Public License Version 3 (AGPLv3) zu verstoßen. Zwar ist OnlyOffice unter dieser Open-Source-Lizenz veröffentlicht, doch das Unternehmen hat auf Basis von Paragraph 7 der AGPLv3 zusätzliche Bedingungen hinzugefügt. Diese wurden am 25. Mai 2021 in die Lizenzdatei aufgenommen und umfassen konkret:

  • die Pflicht zur Beibehaltung des OnlyOffice-Logos in abgeleiteten Werken
  • die Pflicht zur korrekten Quellenangabe und Namensnennung
  • das ausdrückliche Verbot, die Markenrechte von OnlyOffice zu nutzen

OnlyOffice argumentiert, dass diese Zusatzbedingungen untrennbar mit der Lizenz verbunden sind. Ein von OnlyOffice beauftragter Rechtsanwalt formulierte es so:

„Die Schaffung eines abgeleiteten Werkes begründet kein eigenständiges Lizenzregime, das frei von den Bedingungen ist, unter denen der ursprüngliche Code erworben wurde. Jedes abgeleitete Werk, das auf dem ursprünglichen OnlyOffice-Code basiert, darf nur unter Einhaltung aller anwendbaren Lizenzbedingungen einschließlich der Zusatzbedingungen erstellt und verbreitet werden.“

Konkret bedeutet das: Wer den Code nutzt, muss das OnlyOffice-Branding beibehalten. Euro-Office tut dies nach Ansicht von OnlyOffice nicht und verstößt damit nach Auffassung des Unternehmens gegen geltendes Recht.

Weitere Vorwürfe gegen Nextcloud

Über den Lizenzstreit hinaus erhebt OnlyOffice weitere schwerwiegende Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Partner. Das Unternehmen beschuldigt Nextcloud, aktiv versucht zu haben, OnlyOffice-Mitarbeiter abzuwerben, und Kunden negativ gegen OnlyOffice beeinflusst zu haben.

Die Gegenseite: Warum Nextcloud den Fork gewählt hat

Nextcloud und seine Partner begründen den Schritt mit mehreren Argumenten. Erstens sei eine direkte Zusammenarbeit mit OnlyOffice praktisch nicht möglich gewesen, da das Projekt als besonders schwierig für externe Beiträge gelte. Zweitens verweist Nextcloud auf die russische Herkunft des Unternehmens: OnlyOffice beschäftigt russische Entwickler, Codekommentare sind teilweise auf Russisch verfasst, und einige Nutzer sowie Organisationen seien unwohl dabei, Software zu verwenden, die möglicherweise mit russischen Behörden in Verbindung stehen könnte.

„Europa verfügt seit Jahren über die technischen Bausteine. Was bislang fehlte, war eine Initiative, sie zu einer sinnvollen Gesamtlösung zu bündeln. Mit Euro-Office beginnen wir nicht bei Null, sondern übernehmen Verantwortung für ein wichtiges Stück digitaler Infrastruktur“, so Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud

Drittens steht das Projekt im Kontext einer breiteren politischen Debatte über digitale Souveränität in Europa. Geopolitische Entwicklungen und Regelwerke wie der US CLOUD Act haben das Bewusstsein für Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern geschärft.

Was hinter Euro-Office steckt

Euro-Office ist mehr als ein technisches Projekt. Es ist der Versuch eines Konsortiums europäischer Unternehmen und Organisationen, eine vollständig souveräne Office-Alternative zu schaffen. Die Initiative unterstützt gängige Dokumentformate wie DOCX, XLSX und PPTX sowie offene ODF-Formate und zielt auf maximale Kompatibilität mit Microsoft-Workflows ab.

Zu den beteiligten Organisationen gehören:

Organisation Herkunft Schwerpunkt
IONOS Deutschland Cloud-Hosting, 6,6 Mio. Kunden in 17 Märkten
Nextcloud Deutschland Datenschutzfokussierte Kollaborationsplattform
EuroStack Initiative Europa Europäische digitale Infrastruktur und Cloud-Ökosysteme
bTactic Katalonien, Spanien Cloud-Kollaboration auf Basis freier Software
Soverin Niederlande Europäische E-Mail-Plattform, DSGVO-konform
Abilian Frankreich Open-Source-Lösungen für öffentliche Verwaltungen
XWiki Frankreich Open-Source-Wissensmanagement, gegründet 2004
OpenProject Deutschland Open-Source-Projektmanagement

„Angesichts der geopolitischen Entwicklungen des letzten Jahres braucht Europa dringend eine zuverlässige, vollständig Microsoft-kompatible und einfach zu bedienende, souveräne Office-Lösung“, so Achim Weiß, CEO von IONOS.

Zeitplan und aktueller Stand

Eine technische Vorschau von Euro-Office ist bereits auf GitHub verfügbar. Die erste stabile Version ist für den Sommer 2026 geplant. Das Konsortium ruft weitere europäische Unternehmen, Behörden und zivilgesellschaftliche Organisationen zur Beteiligung auf.

Parallel dazu ist mit Office.eu eine ähnliche Initiative gestartet, die ebenfalls auf Nextcloud Hub basiert und im März 2026 in Den Haag offiziell vorgestellt wurde. Sie richtet sich vorrangig an Privatpersonen sowie kleine und mittlere Unternehmen.

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