Sonnenfinsternis bringt teilweise spürbare Effekte auf Solarstromerzeugung in Europa
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Am Abend des 12. August 2026 schiebt sich der Mond vor die Sonne – und damit für rund zwei Stunden vor einen erheblichen Teil der europäischen Photovoltaik-Leistung. Netzbetreiber von Portugal bis Rumänien haben sich vorbereitet, ein britischer Versorger bittet seine Kund:innen sogar aktiv um Verbrauchsverzicht. In Österreich fällt der Effekt hingegen kaum ins Gewicht.
Für Astronomie-Fans ist es das Ereignis des Jahres: Am Mittwochabend zieht der Kernschatten des Mondes über Island und Nordspanien, weite Teile Europas erleben eine partielle Verfinsterung. Für die Betreiber der Stromnetze ist es vor allem ein planbarer, aber genau zu beobachtender Sonderfall – denn Solarstrom fällt in kurzer Zeit weg und kehrt ebenso schnell zurück.
Bis zu 9,7 Gigawatt weniger Solarstrom
Total ist die Finsternis nur über Nordspanien und dem Nordosten Portugals. In weiten Teilen Großbritanniens, Frankreichs und in Norditalien liegt der Bedeckungsgrad allerdings ebenfalls über 90 Prozent.
Europaweit rechnen Netzbetreiber damit, dass zum Höhepunkt der Finsternis rund 9,7 Gigawatt an Photovoltaik-Leistung wegfallen – ungefähr die Erzeugungsleistung mehrerer großer Kraftwerksblöcke. Die Schätzung stammt ursprünglich vom französischen Übertragungsnetzbetreiber RTE und wurde vom europäischen Verband ENTSO-E vergangenen Freitag bestätigt; für Frankreich allein veranschlagt RTE etwa 1.800 Megawatt.
In Spanien, wo die Verdunkelung am stärksten ausfällt, könnten laut Netzbetreiber Red Eléctrica bis zu 5 Gigawatt Solarleistung wegfallen – das entspricht rund 13 Prozent der Spitzenlast eines typischen Mittwochs im August. Für Großbritannien rechnet der Systembetreiber NESO mit einem Rückgang von etwa 700 Megawatt, hält auf Basis historischer Modellierungen aber auch bis zu 1,3 Gigawatt für möglich. Laut einem NESO-Vertreter werden zwischen 18 und 20 Uhr Ortszeit bis zu 95 Prozent der Sonne verdeckt sein.
ENTSO-E hat nationale Expert:innen zusammengeholt, um die Vorbereitungen und die Auswirkungen auf das Energiesystem zu bewerten. Die Leitstellen stehen bereit, die fehlende Leistung aus anderen Quellen auszugleichen.
Entscheidend ist dabei weniger die Menge als der Zeitpunkt: Die Finsternis fällt in die frühen Abendstunden, wenn die PV-Erzeugung ohnehin bereits absinkt. Ein vergleichbares Ereignis zur Mittagszeit hätte deutlich größere Auswirkungen. Die eigentliche Aufgabe für die Leitstellen besteht deshalb nicht darin, den Rückgang zu verhindern – er ist astronomisch exakt vorhersehbar –, sondern darin, die steilen Leistungsgradienten beim Abfall und beim anschließenden Wiederanstieg auszugleichen und Erzeugung und Verbrauch dabei sekundengenau in Balance zu halten.
Österreich: 19 Megawatt Differenz
In Österreich beginnt die Verdunkelung laut Austrian Power Grid (APG) um 17:22 Uhr UTC (19:22 Uhr MESZ) und endet um 18:13 Uhr UTC mit dem Sonnenuntergang. Der maximale Bedeckungsgrad liegt bei rund 85 Prozent.
Auf die Erzeugung schlägt sich das kaum durch. Selbst im Worst-Case-Szenario – wolkenloser Himmel, maximale Globalstrahlung, alle PV-Anlagen am Netz – erwartet die APG eine Leistungsreduktion von maximal rund 19 Megawatt. Statt der prognostizierten 212 Megawatt PV-Erzeugung wären es demnach etwa 193 Megawatt. Der Grund ist die Tageszeit: Um 19:30 Uhr im August liefern Österreichs Solaranlagen nur noch einen Bruchteil ihrer Spitzenleistung.
Die APG hat das Ereignis nach eigenen Angaben vorab analysiert und in ihre Prognosen eingearbeitet; während der Finsternis erfolgt eine koordinierte Abstimmung mit dem Systembetrieb und dem europäischen Netzbetreiberverband ENTSO-E. Besondere Anpassungen seien nicht notwendig, die Stromversorgung in Österreich sei gesichert.
Ähnlich argumentieren die deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW: Bei wolkenlosem Himmel rechnen sie mit einem Rückgang von bis zu zwei Gigawatt – bei einer installierten PV-Leistung von mehr als 125 Gigawatt in Deutschland. Auswirkungen auf die Stromversorgung erwarten sie nicht. ENTSO-E hat dennoch eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Lage laufend zu bewerten und bei Bedarf kurzfristig gegensteuern zu können.
Großbritannien: Versorger wirbt um Lastverschiebung
Deutlich offensiver geht der größte britische Haushaltsversorger Octopus Energy mit dem Ereignis um. Das Unternehmen ruft seine Kund:innen dazu auf, zwischen 18 und 20 Uhr britischer Zeit (19 bis 21 Uhr MESZ) auf Waschmaschine und Geschirrspüler zu verzichten. Wer am Bonusprogramm des Anbieters teilnimmt, erhält im Gegenzug zwei kostenlose Stromstunden am folgenden Wochenende.
Das Kalkül dahinter: Verschieben genügend Haushalte ihren Verbrauch, muss der britische Systembetreiber NESO weniger Gaskraftwerke hochfahren, um den wegfallenden Solarstrom zu ersetzen. Octopus beziffert das theoretische Flexibilitätspotenzial britischer Haushalte – über smarte Geräte, E-Autos und Heimspeicher – auf rund 13 Gigawatt, von dem bislang nur ein Bruchteil genutzt werde.
Für den Versorger ist die Finsternis damit auch ein Demonstrationsobjekt für sein Geschäftsmodell: Haushaltsflexibilität als handelbare Ressource im Stromsystem.
Angespannte Ausgangslage in Europa
Brisanz bekommt das Ereignis vor allem durch das Umfeld. Europa steckt in einer Hitzewelle, die die Nachfrage nach Kühlung, Klimaanlagen und Ventilatoren nach oben treibt – und gleichzeitig die Erzeugungsseite belastet. Nach Angaben der EU-Kommission mussten Kraftwerke in Ungarn, Rumänien, Slowenien, Frankreich, Italien und Polen ihre Produktion drosseln oder ganz einstellen, weil die Flusspegel für die Kühlung von Kern- und Kohlekraftwerken zu niedrig sind. Mehrere der betroffenen Länder halten ihre Stromsysteme derzeit über Importe am Laufen.
EDF-CEO Bernard Fontana warnte vergangene Woche, die Abschaltungen würden auf das Jahresergebnis des Staatskonzerns drücken. Der Versorger will ein 8,7 Milliarden Euro schweres Programm vorziehen, mit dem Kern- und Wasserkraftwerke an höhere Temperaturen angepasst werden sollen.
Auch die Wasserkraft-Reserve des Kontinents schrumpft: Die Speicherseen in Norwegen, einem der wichtigsten Stromexporteure Europas, liegen laut dem Analysehaus Ably Intelligence auf dem tiefsten Stand seit 30 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis zum Jahreswechsel wieder Normalniveau erreichen, beziffert Ably-Mitgründer Thomas Randgaard Larsen auf unter ein Prozent. Er hält die Lage für ernst und Europa für unzureichend vorbereitet.
In Brüssel verfolgt man die Wetterprognosen entsprechend genau. Kommissionssprecherin Anna-Kaisa Itkonen sieht zwar keine unmittelbare Gefahr für die Versorgungssicherheit, bezeichnet die Lage aber als angespannt. Etwas Entlastung könnte das Wochenende bringen: In Österreich wurde Regen erwartet, der die Donaupegel wieder anheben soll.
Der eigentliche Test kommt 2027
Netzbetreiber und Analysten sind sich weitgehend einig, dass die Finsternis für sich genommen keine Gefahr für die Versorgungssicherheit darstellt. Sie macht aber ein Grundmerkmal der Energiewende sichtbar: Je höher der Anteil von Sonne und Wind im System, desto wichtiger werden Regelreserven, Speicher, Interkonnektoren und flexible Nachfrage.
Zum ernsteren Stresstest dürfte die nächste Sonnenfinsternis am 2. August 2027 werden. Sie fällt in die frühen Morgenstunden – also genau in jene Phase, in der die Photovoltaik-Einspeisung normalerweise steil hochläuft. Weitere Finsternisse folgen 2028 und 2030.

