Kommission

„1.000% Mehrkosten“: Europas Cloud-Anbieter gehen gegen Broadcom vor

© Broadcom
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„Stand Up to the Broadcom Bullies“: Unter diesem Motto hat die CISPE, also der Verband der europäischen Cloud-Anbieter, hat bei der Europäischen Kommission eine Wettbewerbsbeschwerde gegen den US-Technologiekonzern Broadcom eingereicht. Im Mittelpunkt steht die Lizenzierungspolitik für VMware-Produkte, die europäische Cloud-Dienstleister nach Ansicht der Beschwerdeführer existenziell bedroht. Die Kommission hat den Eingang der Beschwerde bestätigt und prüft den Fall nach eigenen Angaben nach Standardverfahren.

Worum geht es bei der Beschwerde?

CISPE, der Dachverband der Cloud-Infrastrukturanbieter in Europa mit knapp 50 Mitgliedern (u.a. Anexia), wirft Broadcom vor, durch aggressive Lizenzänderungen den europäischen Cloud-Markt zu verzerren. Konkret geht es um das sogenannte VMware Cloud Service Provider-Programm (VCSP), über das Cloud-Anbieter VMware-Produkte an ihre Kunden weiterverkaufen konnten.

Im Januar 2026 kündigte Broadcom die Beendigung dieses Programms in Europa an. Laut CISPE wurden dabei alle bis auf eine kleine, handverlesene Gruppe von Partnern ausgeschlossen. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet dies, dass sie VMware-Produkte nicht mehr vertreiben dürfen, was in vielen Fällen erhebliche Teile ihres Umsatzes wegfallen lässt.

Hinzu kommen weitere Maßnahmen, die Broadcom seit der VMware-Übernahme schrittweise eingeführt hat: drastische Preiserhöhungen, die Bündelung von Produkten, Vorauszahlungspflichten sowie Mindestabnahmeverpflichtungen auf Basis potenzieller statt tatsächlicher Nutzung. CISPE beziffert die kumulativen Kostensteigerungen auf mehr als 1.000 Prozent.

Die Rolle der VMware-Übernahme

Der Hintergrund dieser Entwicklung ist die Übernahme von VMware durch Broadcom im Jahr 2023 für rund 61 Milliarden US-Dollar. VMware ist Marktführer bei Server-Virtualisierungssoftware, die für den Betrieb von Cloud-Infrastrukturen unverzichtbar ist. Viele europäische Cloud-Anbieter sind tief in ihrer Infrastruktur auf VMware-Produkte angewiesen und können kurzfristig nicht auf Alternativen wechseln.

CISPE hatte bereits die Genehmigung dieser Übernahme durch die EU-Kommission angefochten und im Dezember 2025 vor dem Europäischen Gericht argumentiert, die Kommission habe die Risiken der Transaktion nicht ausreichend geprüft. Konkret verweist CISPE darauf, dass Broadcoms Unternehmensführung öffentlich angekündigt hatte, das operative Ergebnis von VMware innerhalb von drei Jahren um 60 bis 80 Prozent zu steigern, in einem Markt, der jährlich nur um 5 bis 8 Prozent wächst. Diese Lücke, so CISPE, lasse sich nur durch aggressive Preiserhöhungen bei der bestehenden, schwer wechselwilligen Kundenbasis erklären.

Erschwerend kommt die Finanzierungsstruktur des Deals hinzu: Broadcom nahm für die Übernahme rund 28,4 Milliarden US-Dollar neue Schulden auf und übernahm weitere rund 8 Milliarden US-Dollar bestehender VMware-Verbindlichkeiten. CISPE argumentiert, dass dieser Schuldenberg einen starken wirtschaftlichen Anreiz schafft, VMwares eingesperrte Kundenbasis rasch zu monetarisieren.

„Die Kommission hat sich diese Fusion mit halbgeschlossenen Augen angesehen und sie für unbedenklich erklärt. Indem Brüssel den Deal abgenickt hat, hat es Broadcom einen Blankocheck ausgestellt, um Preise zu erhöhen, Kunden einzusperren und auszuquetschen.“

So kommentierte Francisco Mingorance, Generalsekretär von CISPE, die Situation im Dezember 2025 im Rahmen des laufenden Gerichtsverfahrens.

Was CISPE von der Kommission fordert

Angesichts der nach Ansicht von CISPE unmittelbaren und nicht wiedergutzumachenden Schäden fordert der Verband einstweilige Maßnahmen. Im Einzelnen verlangt CISPE:

  • Die sofortige Aussetzung der Beendigung des VCSP-Partnerprogramms sowie die Wiederaufnahme ausgeschlossener europäischer Cloud-Anbieter
  • Die Wiedereinführung des sogenannten „White-Label“-Programms, das Broadcom 2025 abgeschafft hatte und das kleineren Anbietern ermöglichte, VMware-Software als Teil ihrer Cloud-Lösungen anzubieten
  • Expliziten Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen durch Broadcom sowie ein Bußgeldsystem zur Sicherstellung der Einhaltung dieser Bedingungen
  • Die Aufrechterhaltung zumutbarer Vertragsbedingungen für einen Übergangszeitraum von drei bis fünf Jahren, damit betroffene Unternehmen Zeit haben, sich anzupassen oder auf alternative Lösungen umzusteigen

Stimmen aus der Branche

Die Beschwerde von CISPE steht nicht allein. Sie ergänzt eine bereits im Mai 2025 eingereichte Beschwerde des deutschen IT-Kundenverbands Voice e.V. Auch Branchenverbände aus Belgien, den Niederlanden und Dänemark haben sich öffentlich zu den Auswirkungen von Broadcoms Vorgehen geäußert.

„Broadcoms Handlungen in den vergangenen Jahren haben verheerende Auswirkungen auf den Markt gehabt. Kunden haben exponentiell steigende Kosten erlebt; Anbieter wurden sabotiert und konnten ihre Verpflichtungen gegenüber Nutzern nicht mehr erfüllen.“

Dies erklärte Simon Besteman vom Dutch Cloud Community. Danielle Jacobs, CEO des belgischen CIO-Verbands Beltug, betonte, dass ihre Mitglieder bis heute mit den Folgen der abrupten Änderungen kämpften. Finn Vagner, CEO der Danish Cloud Community, sprach von einer Situation, die weit außerhalb jedes branchenüblichen Risikorahmens liege.

Broadcoms Reaktion

Broadcom wies die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, man investiere weiterhin erheblich in europäische VMware-Cloud-Service-Provider-Partner, um ihnen zu helfen, Alternativen zu den großen Hyperscalern anzubieten. Broadcom bezeichnete CISPE als eine von Hyperscalern finanzierte Organisation, die die Marktgegebenheiten falsch darstelle. Zu den assoziierten Mitgliedern von CISPE zählen tatsächlich auch Amazon Web Services und Microsoft.

Ausblick

Die EU-Kommission hat den Eingang der Beschwerde bestätigt und erklärt, diese nach Standardverfahren zu prüfen. Parallel läuft das Verfahren vor dem Europäischen Gericht, in dem CISPE die ursprüngliche Genehmigung der VMware-Übernahme anficht. Sollte das Gericht die Genehmigung aufheben, müsste die Kommission die Transaktion unter Berücksichtigung der aktuellen Marktbedingungen neu bewerten, was erhebliche rechtliche und finanzielle Unsicherheiten für Broadcom mit sich bringen würde.

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