Analyse

Der OpenClaw-Effekt: Wie österreichische Open Source Software die Tech-Welt disruptiert

Es begann als Open-Source-Projekt eines österreichischen Entwicklers auf GitHub. Wenige Monate später sprechen die mächtigsten Tech-Konzerne der Welt davon, ihre gesamte Produktstrategie neu auszurichten. OpenClaw, das KI-Agenten-Framework von Peter Steinberger, hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die von San Francisco bis Shenzhen zu sehen ist. Eine Analyse des globalen Effekts.

OpenClaw in Zahlen: Zwischen Hype und harter Realität

Die Nutzungszahlen zeichnen ein differenziertes Bild. Rund 3,2 Millionen aktive User verwenden OpenClaw derzeit weltweit. Dem gegenüber stehen monatlich etwa 38 Millionen Besucher der offiziellen Website, also grob zehnmal so viele Menschen, die sich informieren, anstelle tatsächlich zu installieren. Der Unterschied erklärt sich schlicht durch die technische Komplexität: OpenClaw ist kein App-Store-Download, sondern ein System, das echtes Setup-Know-how erfordert.

Geografisch zeigt die Traffic-Verteilung, dass Europa auch bei diesem Phänomen eine Nebenrolle spielt. Die USA führen mit rund 16 Prozent der User, Indien und China folgen mit je 12 Prozent. Deutschland, das größte europäische Land, kommt auf gerade einmal 4 Prozent. OpenClaw ist ein globales Phänomen mit klarem Schwerpunkt im angloamerikanischen und asiatischen Raum.

Was OpenClaw von bisherigen KI-Anwendungen unterscheidet, ist der konzeptionelle Sprung: Während ChatGPT oder Claude als App auf dem Gerät laufen, hebt OpenClaw die KI auf die Systemebene. Es kann Programme installieren, Code schreiben und ausführen, im Internet surfen und sämtliche Tools eines Computers bedienen. Dazu kommt eine eigene Memory-Architektur, die Zwischenergebnisse und Kontextwissen persistent speichert. Peter Steinberger hat, vereinfacht gesagt, das Betriebssystem für KI neu gedacht.

Der Einfluss auf US-Hyperscaler: Von der Kopie zur Konkurrenz

Anthropic und Claude: Der schnellste Lernende

Anthropic reagierte am schnellsten und am konsequentesten auf den OpenClaw-Impuls. Die Claude Desktop App, die lange ein simples Chat-Interface war, hat sich in kurzer Zeit zur umfassendsten KI-Arbeitsumgebung am Markt entwickelt. Zunächst wurde Code-Integration eingebaut, dann folgte mit Claude Cowork eine Umgebung, die Nicht-Techniker direkt mit Tools wie PowerPoint, Excel, Outlook, Notion oder Salesforce verbindet. Im März 2026 kamen Browser-Use und Computer-Use hinzu. Parallel dazu veröffentlichte Anthropic Claude Dispatch, das die Desktop-App mit dem Smartphone verknüpft und so Fernsteuerung des eigenen Computers per Handy ermöglicht.

Bemerkenswert ist dabei die Ironie der Geschichte: Anthropic hatte das Konzept des Computer-Use bereits vor OpenClaw präsentiert, wagte aber nicht den Schritt zur Markteinführung. Peter Steinberger tat es trotzdem, und Anthropic musste dem eigenen Konzept hinterherlaufen. Der kommerzielle Erfolg gibt dem Unternehmen dabei recht: Die annualisierte Umsatz-Run-Rate liegt mittlerweile bei rund 30 Milliarden Dollar, womit Anthropic seinen direkten Konkurrenten OpenAI überholt hat, der auf geschätzte 24 bis 25 Milliarden Dollar kommt.

Claude Cowork on MacBook. © Screenshot / Canva
Claude Cowork on MacBook. © Screenshot / Canva

OpenAI: Die Super-App als Antwort

OpenAI hat zuletzt eine Finanzierungsrunde über 122 Milliarden Dollar abgeschlossen und wird dabei mit rund 825 Milliarden Dollar bewertet. Begleitend dazu kommunizierte das Unternehmen seine strategische Neuausrichtung: eine einzige Super-App, die alle bisherigen Produkte vereint. Dass Peter Steinberger, der Schöpfer von OpenClaw, mittlerweile zu OpenAI gewechselt ist, lässt wenig Zweifel daran, wohin die Reise geht.

Das erklärte Ziel ist personalisierte Software in Echtzeit: Die App soll nicht für alle gleich aussehen, sondern das Interface dynamisch auf den jeweiligen Bedarf des Users berechnen. Dahinter steckt auch eine handfeste Monetarisierungsstrategie. OpenAI hat rund 850 Millionen User, von denen nur 10 bis 15 Millionen tatsächlich zahlen. Mit einem OpenClaw-ähnlichen Ansatz, der echten Mehrwert jenseits der Textgenerierung liefert, soll diese Lücke geschlossen werden.

Nvidia: Das wertvollste Unternehmen der Welt setzt auf OpenClaw

Jensen Huang, CEO von Nvidia und damit Chef des aktuell wertvollsten Unternehmens der Welt, bezeichnete OpenClaw auf der GTC-Konferenz als „die größte Innovation der letzten 30 Jahre im Computing“, wohlgemerkt nicht in der KI, sondern im Computing insgesamt. Nvidia reagierte mit einem eigenen Produkt namens NemoClaw, das die bekannten Sicherheitsprobleme von OpenClaw adressieren und das Konzept in eine unternehmenstaugliche Umgebung überführen soll.

Nvidia CEO Jensen Huang. © Nvidia

Perplexity: Der überraschende Gewinner

Das KI-Startup Perplexity, das ursprünglich als Google-Herausforderer im Suchmaschinenmarkt antrat, hat mit seinem Produkt „Personal Computer“ einen bemerkenswerten Pivot vollzogen. Die annualisierte Umsatz-Run-Rate sprang binnen eines Monats von 300 auf 400 Millionen Dollar, ein Zuwachs von mehr als einem Drittel. Das beliebteste Anwendungsszenario ist dabei die automatisierte Steuererklärung in den USA, ein Markt, der bislang von Produkten wie TurboTax dominiert wird. Wenn KI-Agenten diese Aufgabe eigenständig übernehmen können, steht eine ganze Produktkategorie vor der Disruption.

Personal Computer by Perplexity. © Perplexity
Personal Computer by Perplexity. © Perplexity

China: Zwischen Massen-Adoption und strategischer Eigenständigkeit

Die drei Tech-Giganten springen auf

In China haben die drei dominanten Tech-Konzerne nahezu zeitgleich auf den OpenClaw-Trend reagiert. Tencent veröffentlichte einen eigenen Cloud-Bot für WeChat, die Super-App mit über einer Milliarde Nutzer. Alibaba brachte JVS Claw heraus, Baidu folgte mit einer eigenen Lösung. Dass sich vor dem Tencent-Hauptquartier in den vergangenen Wochen lange Menschenschlangen bildeten, um sich von Mitarbeitern in die Nutzung von OpenClaw einweisen zu lassen, zeigt: Das Interesse reicht weit über die Tech-Bubble hinaus.

Chinesische Modelle dominieren die OpenClaw-Nutzung

Besonders aufschlussreich ist die Frage, welche KI-Modelle OpenClaw-User bevorzugen. Die Antwort überrascht: Chinesische Modelle dominieren die Nutzungsstatistik deutlich. Das meistgenutzte Modell in Kombination mit OpenClaw ist Step 3.5 Flash vom chinesischen Startup Stepfun. Es folgen Modelle von Minimax (mittlerweile börsennotiert), dem Smartphone- und Autohersteller Xiaomi sowie ZipO.AI, das international als Z.AI bekannt ist. Auf Platz vier erst kommt Claude Sonnet 4 von Anthropic, danach folgen weitere chinesische Anbieter, bevor Gemini von Google und GPT-Modelle von OpenAI erscheinen.

Der Grund liegt in der Preisstruktur: Wer einen KI-Agenten wie OpenClaw stundenlang oder über Nacht rechnen lässt, verbraucht Millionen von Tokens. Günstige, aber leistungsfähige Modelle sind hier klar im Vorteil. Chinesische Anbieter haben durch den eingeschränkten Zugang zu US-Chips einen starken Anreiz entwickelt, effiziente Open-Source-Modelle zu bauen, und profitieren nun genau davon.

Xiaomi und Ziphu AI: Modelle dezidiert für OpenClaw

Einige chinesische Anbieter gehen noch einen Schritt weiter und vermarkten ihre Modelle explizit als Ergänzung zu OpenClaw. Xiaomi hat sein Modell MiMo V2 Pro als „Gehirn für OpenClaw“ positioniert, das Label steht prominent auf der Produktseite. Ziphu AI hat mit GLM-5 Turbo ein Modell gelauncht, das speziell für agentische Anwendungen im Stil von OpenClaw optimiert ist. Niedrige Token-Kosten und hohe Autonomiefähigkeit sind die zentralen Versprechen.

Meta und Manus: Der Zuckerberg-Kreis schließt sich

Meta hat das chinesische KI-Startup Manus für rund zwei Milliarden Dollar übernommen, obwohl die chinesische Regierung den Gründern die Ausreise verweigert hat und die Situation damit weiter ungelöst ist. Manus hat bereits „My Computer“ gelauncht, ein OpenClaw-ähnliches Produkt zur Steuerung des eigenen Rechners per KI-Agent. Die annualisierte Umsatz-Run-Rate von Manus liegt bereits bei deutlich über 100 Millionen Dollar.

Für Mark Zuckerberg ist das in gewissem Sinne eine Rückkehr zu alten Ideen: Sein persönliches Jahresprojekt 2016 war der Bau eines virtuellen Assistenten namens Jarvis. Damals fehlten die technischen Voraussetzungen. Heute hat er die Infrastruktur, das KI-Team und mit Manus das passende Framework, um diesen Traum in ein Produkt für Unternehmen und KMUs zu verwandeln, inklusive automatisierter Werbekampagnen auf Instagram und Facebook.

Das Sicherheitsproblem: Wachstum mit Risiken

Der rasante Erfolg von OpenClaw hat eine Schattenseite, die Sicherheitsexperten seit Monaten beunruhigt. Eine Analyse von Kaspersky Labs und Cisco des OpenClaw Hub, dem App-Store-ähnlichen Ökosystem für sogenannte Skills, kommt zu ernüchternden Ergebnissen:

  • Nur 47 Prozent der verfügbaren Skills gelten als sicher
  • 36 Prozent enthalten potenzielle Prompt-Injection-Risiken, bei denen das KI-Modell mit fremden Befehlen manipuliert werden kann
  • 8 Prozent sind mit Daten-Exfiltration versehen
  • 6 Prozent fordern übermäßige Berechtigungen auf dem Computer an

Genau hier setzt Nvidias NemoClaw an: Das Ziel ist eine unternehmenstaugliche Variante, die OpenClaws Konzept in eine kontrollierte, sichere Umgebung überführt. Denn das eigentliche Potenzial liegt nicht im privaten Heimanwender, sondern in der Organisation, wo ganze Agentensysteme mit eigener Speicherinfrastruktur die heutige App-Landschaft ablösen könnten.

Fazit: Eine Disruption in Echtzeit

OpenClaw ist keine Eintagsfliege. Das zeigt allein die Liste der Unternehmen, die bereits reagiert haben: Anthropic, Nvidia, Perplexity, Meta, Manus, Tencent, Alibaba, Baidu, Minimax, Xiaomi, ZipO.AI und OpenAI. Was im November 2024 als GitHub-Projekt startete, hat in weniger als sechs Monaten die Produktstrategien der wertvollsten Technologieunternehmen der Welt beeinflusst.

Die Analogie zum Smartphone drängt sich auf: Auch der Palm Pilot war in den späten 1990ern ein Nischenprodukt, das kaum jemand als Vorboten einer globalen Revolution erkannte. Das iPhone kam Jahre später und machte das Konzept massentauglich. Ob OpenClaw selbst diesen Katalysator-Moment erlebt oder ob er von einer der großen Plattformen übernommen wird, ist offen. Dass das Paradigma bleibt, scheint hingegen kaum mehr zu bezweifeln.

„OpenClaw oder das Agent am Computer stellt das erste Mal dar, was sich viele Leute unter künstlicher Intelligenz vorstellen. Nicht nur eine glorifizierte App für Dokumentenzusammenfassung und Internetsuche, sondern wirklich so etwas wie ein virtueller Assistent oder Buddy.“ (Clemens Wasner, Gründer und CEO von Enlite AI, Vorsitzender von AI Austria)

„Der Open-Claw-Effekt ist erwiesen, wenn die größten Tech-Unternehmen dieses Planeten allesamt auf diesen Zug aufspringen. Eine Eintagsfliege ist es nicht, auch wenn das Ding nicht mal noch ein halbes Jahr alt ist.“ (Jakob Steinschaden, Newsroom und Trending Topics)

Wasner fasst die historische Dimension präzise zusammen: In weniger als zwölf Monaten hat sich ein neues Computing-Paradigma aus dem Nichts materialisiert, von Andrej Karpathy’s theoretischem Rahmen im Juni 2025 bis hin zu Menschenschlangen vor dem Tencent-Hauptquartier. Die Geschwindigkeit dieser Disruption ist beispiellos, und sie hat ihren Ursprung in Österreich.

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