Kommentar

Der ORF sollte eine DAO werden

An den Schalthelbeln des ORF. © Frederic Köberl on Unsplash
An den Schalthelbeln des ORF. © Frederic Köberl on Unsplash

Streaming-Lücke schließen, Sendungen in der ORF TVthek länger als sieben Tage, einen TikTok-Channel, mehr GIS-Gebühren und eine Direktion mehr oder weniger: Die ganz großen Würfe muss man sich in den nächsten Jahren von Österreichs  größtem Medienunternehmen eher nicht erwarten – vielmehr wird es eher darum gehen, sich weiter mit den Social-Media-Giganten aus den USA und den Privatsendern aus Deutschland in punkto Reichweiten und Werbegelder zu arrangieren.

Als Stiftung öffentlichen Rechts gehört der ORF formal sich selbst, aber das fühlt sich schon lange nicht mehr so an. Vielmehr ist das wichtige Medienunternehmen seit vielen Jahren ein Spielball der Politik, und am Ende entscheiden den Parteien meistens sehr eindeutig zuordenbare Stiftungsräte über die Besetzung des Generaldirektors, der jeweils fünf Jahre lang ziemlich viel am Küniglberg zu sagen hat.

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Smart Contracts statt politischer Einfluss

Ein zukunftsträchtiger ORF muss aber viel unabhängiger von der Politik sein. Es ist vielleicht etwas futuristisch, aber doch eine Überlegung wert, ob der ORF nicht eine DAO werden sollte. Eine was? Genau, eine Dezentrale Autonome Organisation. Das Konzept kommt aus der Blockchain-Welt und beschreibt eine Unternehmensorganisation, die über Smart Contracts geregelt wird. Sieht man ein Unternehmen als Geflecht aus Verträgen an, so fällt es schon leichter, sich vorzustellen, wie so etwas funktionieren kann.

„Theoretisch kann jede Interaktion zwischen Menschen und Organisationen als Vertrag ausgedrückt werden. Intelligente Verträge, die auf der Blockchain-Technologie aufbauen, bieten die Möglichkeit, diese Art von Organisationen in der Cloud zu konstruieren, bei denen eine KI den Kern bildet und Menschen an den Rändern verschiedene Aufgaben übernehmen“, erklärt etwa AI-Forscherin Nell Watson eine DAO. „Die DAO könnte ihre eigenen Produkte und Dienstleistungen mit Hilfe von Menschen herstellen und sie weltweit handeln. Die Gewinne würden an die Menschen gehen.“

Decentralized Autonomous Organisations: „The AI would be the CEO and pay the workers with Bitcoins“

Gerade in Interaktion mit dem Publikum über wichtige Zukunftsfragen ist das Konzept der DAO sehr reizvoll. Die Nutzer des ORF bezahlen meistens die GIS-Gebühr (je nach Bundesland zwischen 21 und 27 Euro pro Monat), werden dabei aber in die passive Rolle des Zusehers (der auch Werbung konsumiert) gesteckt. Bei einer DAO aber gibt es für sie die Möglichkeit, mitzubestimmen.

ORF-Token für Abstimmungen

Stell‘ dir vor, du bekommst für deine GIS-Gebühr im Gegenzug eine bestimmte Menge an ORF-Token, die dazu verwendet werden können, bei Entscheidungen aller Art mitzuentscheiden. Als Token-Halter könnte man zum Beispiel mitentscheiden:

  • Soll der ORF weiter in Formel-1-Übertragungsrechte investieren?
  • Brauchen wir die 14. Staffel von Dancing Stars?
  • Soll der ORF einen TikTok-Channel starten?
  • Soll der ORF mehr Dokumentationen produzieren?
  • usw.

Um zu einer Abstimmung zu gelangen, braucht es natürlich Vorschläge. Bei Ethereum gibt es so etwas regelmäßig über die so genannten „Ethereum Improvement Proposals“ (EIP), über die die Teilnehmer am Ethereum-Netzwerk abstimmen, indem sie die neuste Software installieren, oder eben auch nicht. Ähnlich könnte bei der ORF-DAO jeder Netzwerk-Teilnehmer (=Token-Halter) seine „ORF Improvement Proposals“ (OIP) einbringen. Wenn die Mehrheit (ob 51 Prozent oder Zwei-Drittel-Mehrheit, bestimmt der Smart Contract) zustimmt, dann wird das OIP umgesetzt.

Ausschüttung der Werbegelder an die Seher

Die ORF-Token haben einen weiteren Reiz. Grob zwei Drittel der ORF-Umsätze kommen aus den GIS-Gebühren der Österreicher, aber mehr als 180 Millionen Euro (2020) kommen aus Werbung in TV, Radio und Online. Nun ist vorstellbar, dass bei einer Verschlankung des ORF Überschüsse mit Hilfe der Werbung erwirtschaftet werden. Diese Überschüsse könnten an die Token-Halter anteilig ausgeschüttet werden – immerhin ist es ja die Aufmerksamkeit des ORF-Publikums, die der Werbung ihren Wert gibt.

Ein ORF, in dem der Bürokratie-Overhead mit Hilfe von Smart Contracts abgebaut wird, in dem der zahlende Nutzer Mitbestimmungsrecht hat und bei dem der Einzelne am Ende sogar noch etwas mitverdienen könnte – das wäre doch ein ORF, den man in Zukunft sehr gerne hat.

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