Gastbeitrag

Future{hacks}: AI ersetzt keine Software. Sie streicht dein SaaS-Budget.

Unternehmen investieren in AI, ohne ihre Budgets zu erhöhen. Die Folge: SaaS wird gekürzt. Nicht, weil es schlecht ist. Sondern weil es am einfachsten ist.

Budgetrunde, Frühjahr 2026.
Der CTO will Geld für AI. Der CEO nickt, weil die Richtung klar ist. Dann kommt die eine Frage, die jeden großen Plan auf Normalgröße schrumpft:

Woher nehmen wir das Budget?

Was danach passiert, steht selten in Strategiepapieren. Es steht in keinem Pitch Deck. Es passiert in Excel, in den letzten zwanzig Minuten eines Jour fixe, und es entscheidet über den Software-Stack der nächsten Jahre.

Die Antwort lautet fast nie: Wir erhöhen das IT-Budget. Die Antwort lautet: Wir schichten um. Und wenn umgeschichtet wird, trifft es selten die großen, sichtbaren Blöcke. Es trifft die vielen kleinen, verteilten Positionen, die niemand jeden Monat laut verteidigt.

Den SaaS-Stack.

Was die Branche seit Februar 2026 „SaaSpocalypse“ nennt, hat einen konkreten Ursprung: Der Begriff stammt aus der Finanzpresse und bezeichnete den Abverkauf von rund 285 Milliarden Dollar SaaS-Marktkapitalisierung in 48 Stunden. Dahinter steckt kein Technologiebruch, sondern eine Einkaufsentscheidung. AI ersetzt keine Software. AI zwingt Unternehmen, sich wieder wie Einkäufer zu verhalten und zu entscheiden, wofür sie noch zahlen wollen.

SaaS war effizient zu kaufen, nie effizient zu betreiben

SaaS hat die Beschaffung demokratisiert. Das war sein Verkaufstrick und sein echter Nutzen. Du brauchst kein Projekt, keine Hardware, keine monatelangen Ausschreibungen. Kreditkarte, Team Lead, los geht’s.

Genau so entsteht über Jahre ein Software-Zoo. Marketing baut sich seinen Stack, Vertrieb seinen, Customer Success ergänzt, was im Alltag fehlt. Niemand hat je böse Absicht. Es ist einfach bequem.

Und es ist messbar. Der BetterCloud State of SaaS 2025 kommt auf durchschnittlich 106 SaaS-Anwendungen pro Unternehmen, ein Rückgang gegenüber 112 im Vorjahr. Konsolidierung passiert also, aber die Größenordnung bleibt absurd hoch. Der Wert bezieht sich auf Enterprise-Stichproben; im DACH-Mittelstand ist der Zoo oft kleiner, aber chaotischer. Weniger Governance, weniger Transparenz, mehr Gewohnheit. Der Klassiker ist das Team, das effektiv mit vier Tools arbeitet und zehn bezahlt, weil nie sauber abbestellt wurde und niemand den Renewal-Termin auf dem Radar hatte.
Das war lange kein Drama, weil es keinen harten Anlass gab, aufzuräumen. Jetzt gibt es ihn.

AI bringt keinen neuen Kostendruck. Sie macht den alten sichtbar.

2026 ist AI keine Spielwiese mehr, sondern Budgetposition. Modelle, Daten, Security, Pilotprojekte, interne Plattformen, externe Tools. Das alles kostet. Und es kommt in den wenigsten Firmen als frisches Geld. Es kommt als Umschichtung.

Der CFO sucht dabei keine perfekte Wahrheit über Produktivität. Er sucht eine umsetzbare Maßnahme, die im nächsten Quartal wirkt und die interne Diskussion überlebt. SaaS ist dafür das perfekte Ziel, weil es drei Eigenschaften hat.

Erstens: Es sind laufende Kosten, oft kleinteilig, oft über mehrere Kostenstellen verstreut.

Zweitens: Nutzung und Nutzen sind selten sauber belegt. Wer heute eine Liste aller Tools, ihrer Besitzer, ihrer Renewal-Termine und ihrer realen Nutzung aus dem Stand liefern kann, ist die Ausnahme.

Drittens: Viele Tools haben keinen Fürsprecher. Sie wurden irgendwann gekauft, dann wurde das Team umgebaut, dann blieb das Abo übrig.

Wenn du verstehen willst, wie brutal das ist, brauchst du nur in die Daten zu schauen: Der Zylo SaaS Management Index 2025 berichtet von durchschnittlich 21 Millionen Dollar jährlich, die Unternehmen durch ungenutzte Lizenzen liegen lassen, ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Man kann darüber streiten, wie repräsentativ die Stichprobe ist; sie stammt aus dem Enterprise-Segment, für DACH-Mittelständler unter 500 Mitarbeitern skaliert der Wert nach unten. Aber das Muster ist überall gleich: Es wird massiv bezahlt, was nicht genutzt wird.

AI ist der Auslöser, der dieses Thema plötzlich priorisiert. Weil AI Geld will und irgendwer zahlen muss.

Der Markt hat das früher verstanden als viele IT-Abteilungen

Kapitalmärkte reagieren schneller als Budgetrunden. ServiceNow schlug die Erwartungen, hob die AI-Prognose um 50 Prozent an und verlor trotzdem 18 Prozent an einem Tag, den schlechtesten in der Unternehmensgeschichte. CNBC berichtete live über den Sell-off, der unmittelbar auf Salesforce, Workday und Oracle übergriff. Salesforce steht seit Jahresbeginn bei minus 31 Prozent, Workday bei minus 45 Prozent.

Schlechte Zahlen hat ServiceNow nicht geliefert. Was der Markt bestrafte, war die Unfähigkeit, eine einzige Frage zu beantworten: Wie viele Seats braucht ein Unternehmen noch, wenn Agents einen wachsenden Teil der Arbeit erledigen?
Eine Antwort ist das noch nicht. Eine Erwartung ist es längst, und sie trifft inzwischen auch die Budgetrunden im Mittelstand.

Seat-Preise werden zum Problem, weil AI Sitze spart

Seat-basiertes Pricing war jahrelang bequem. Du wächst, du zahlst mehr. Der Verkauf kann hochrechnen. Procurement kann vergleichen. Jeder versteht es.
AI macht diese Logik kaputt, weil Arbeit nicht mehr sauber an Menschen hängt. Wenn ein Teil der operativen Arbeit von Automatisierung, Copilots oder Agents erledigt wird, brauchst du weniger Sitze oder du brauchst andere Sitze. Gleichzeitig entstehen neue Kosten, oft als Usage-Kosten: API Calls, Tokens, Compute.

L.E.K. Consulting beschreibt das in seiner Analyse „How AI Is Changing SaaS Pricing“ vom Dezember 2025 sehr nüchtern: Seat-basierte Modelle verlieren strukturell an Boden, weil autonome Systeme tausende API-Aufrufe erzeugen können und Wert und Kosten nicht mehr am menschlichen Nutzer hängen. Die Bewegung geht Richtung Hybrid-, Usage- und Outcome-Modelle.

Anbieter nennen das Pricing-Evolution. Käufer, die es verstehen, nennen es Verhandlungsmasse. Wer 2026 in Renewals geht und noch brav nach Seats bezahlt, obwohl Workflows längst automatisiert sind, verschenkt Budget.

Warum der Mittelstand hier besonders verwundbar ist

Große Unternehmen sind langsam, aber sie haben Rollen. Procurement, Vendor Management, SAM, Finance Partners. Da passiert Konsolidierung nicht elegant, aber sie passiert. Im Mittelstand ist es oft niemandes Job. Die IT hält den Betrieb am Laufen. Fachbereiche kaufen Tools, weil es schnell gehen muss. Verträge laufen weiter, weil Alltag alles frisst.

Das Ergebnis ist eine stille Doppelbelastung. Auf der einen Seite kommen neue AI-Kosten dazu. Auf der anderen Seite bleibt der alte Zoo bestehen, weil er keinen Owner hat. Und dann passiert das, was du in Budgetrunden immer siehst: Es wird nicht das schlechteste Tool gestrichen. Es wird das Tool gestrichen, das niemand verteidigt. Das ist die eigentliche Gefahr. Nicht, dass SaaS stirbt. Sondern dass Firmen planlos schneiden und sich dabei aus Versehen Prozesse beschädigen, die sie später mühsam wieder aufbauen.

Die unbequeme Wahrheit über SaaS 2026

Ein signifikanter Teil der SaaS-Ausgaben ist nicht geschäftskritisch. Niemand hat absichtlich Geld vergraben. Das Modell war so gebaut: schneller Zugang wird belohnt, Nachpflege nicht. Und die Veränderung kommt jetzt von zwei Seiten gleichzeitig.

Die erste Seite ist Budgetdruck durch AI-Priorisierung.

Die zweite Seite ist eine neue Make-or-Buy-Realität.

Kleine Workflow-Lösungen, die früher ein IT-Projekt waren, sind heute in Wochen machbar, wenn Datenlage und Ownership passen. Das heißt nicht, dass man Workday ersetzt. Das heißt, dass man Nischen-Tools, Reporting-Workarounds, Formular-Monster, interne Portale und Prozesskleber häufiger selbst abbilden kann. Oder dass man Standard-Tools schlanker nutzt und drumherum automatisiert.

Das verschiebt die Grenze dessen, was „alternativlos“ ist.

Was jetzt zu tun ist: vier Schritte, die nichts mit AI-Hype zu tun haben

Wenn du diesen Text liest und an eine große Transformationsinitiative denkst, bist du auf dem Holzweg. Keine Vision. Pure Bestandsarbeit.

Der erste Schritt ist langweilig, und deswegen wird er so oft übersprungen: Klarheit. Du brauchst eine Liste, die den Namen verdient. Welche Tools gibt es wirklich. Wer besitzt sie. Wann verlängern sie sich. Was kosten sie. Wer nutzt sie tatsächlich.
Wer das nicht beantworten kann, verwaltet kein Software-Portfolio, sondern ein Abo-Sammelsurium.

Der zweite Schritt ist politisch: Ownership erzwingen. Jedes Tool braucht einen internen Verantwortlichen, der Nutzen und Kosten verteidigen kann. Gibt es niemanden, ist das bereits eine Entscheidung.

Der dritte Schritt ist kaufmännisch: Renewals als Verhandlungsmoment nutzen. Seat-Zahlen müssen zur Realität passen. Wenn Prozesse automatisiert sind, müssen Lizenzen runter oder das Modell muss wechseln. L.E.K. hat recht: Pricing bewegt sich Richtung Usage und Hybrid. Wer als Kunde weiter nur Seats diskutiert, spielt ein altes Spiel.

Der vierte Schritt ist der einzige, der nach AI klingt, aber nichts mit Hype zu tun hat: Prozesse identifizieren, die du heute doppelt bezahlst. Ein Teil steckt in SaaS-Tools, ein Teil steckt in manueller Arbeit. Genau dort lohnt sich AI-Unterstützung am schnellsten, weil du entweder Seats reduzierst oder Tools zusammenlegst.
Das Ziel ist nicht Perfektion. Das Ziel ist, dass AI-Budget nicht über chaotische Kürzungen finanziert wird, sondern über saubere Entscheidungen.

Unser Future{hacks} Fazit

Die SaaS-Diskussion wird gerade falsch geführt. Zu viel Hysterie über Ersetzung, zu wenig Realität über Budgets. AI wird nicht euren gesamten Software-Stack ersetzen. AI wird dafür sorgen, dass eure Firma sich endlich fragt, welche Tools sie noch rechtfertigen kann, wenn eine neue Priorität Geld braucht.

Die Frage, die dabei zählt, ist nicht technisch. Und die meisten Unternehmen kennen die Antwort bereits, sie haben sie nur noch nie laut gestellt, weil der Moment nie teuer genug war.

Welche Tools in eurem Stack sind echte Grundlage des Geschäfts, und welche laufen weiter, weil Abbestellen mehr Aufwand macht als Weiterzahlen?

2026 beantwortet diese Frage für euch. Besser, ihr stellt sie vorher selbst.

Markus Kirchmaier ist Prokurist & Partner bei LEAN-CODERS und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem IT-Arbeitsmarkt sowie modernen IT-Systemen und technologischen Entwicklungen. Hier geht es zu den anderen Beiträgen aus der Future{hacks}-Reihe.

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